SG Flensburg-Handewitt

Hochbetrieb im Lazarett der SG

Hochbetrieb im Lazarett der SG

Hochbetrieb im Lazarett der SG

Jan Wrege/shz.de
Flensburg
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Teamarzt im Dauereinsatz: Dr. Torsten Ahnsel (vorne) führt mit Johannes Golla (verdeckt) den verletzten Benjamin Buric vom Feld. Foto: Ingrid Andersson-Jensen

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Das Medical Team war durch die Verletzungsserie und die Corona-Maßnahmen gefordert wie noch nie.

Auch das Medical Team der SG Flensburg-Handewitt stand in der Saison 2020/21 unter Hochdruck. „Ich bin seit zehn Jahren dabei, so etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt Dr. Torsten Ahnsel. Noch nie hat die SG eine derart heftige Verletzungsserie getroffen. Für vier Spieler war die Saison vorzeitig beendet, andere fielen lange aus, einige spielten, obwohl dringend eine Pause angezeigt war.

Der Teamarzt litt mit, wenn die Mannschaft auf der letzten Rille lief, wenn wie im Heimspiel gegen die Füchse Berlin einfach nichts mehr ging, was letztlich die Meisterschaft gekostet hat. Jim Gottfridsson, Mads Mensah und Magnus Röd standen da als letzte verbliebene Stammkräfte im Rückraum im Feuer, obwohl sie selbst mit Blessuren zu tun hatten. „Die Füchse bringen nach 50 Minuten frische Leute, meine Spieler müssen 60 Minuten durchhalten.“

Es tut mir in der Seele weh, es ist deprimierend.

Teamarzt Dr. Torsten Ahnsel

Mit Golla fing es an

Die Sorgen begannen schon in der Vorbereitung. Simon Hald plagte sich noch mit Nachwirkungen einer schweren Verletzung. Sein Kreuzband war mit Material aus der Patellasehne geflickt worden. Letztere war noch gereizt, Hald sollte behutsam wieder an Belastungen herangeführt werden.

Doch dann landeten die Kreisläufer- und Abwehrkollegen Johannes Golla (Mittelfußbruch) und Jacob Heinl (Innenbandriss im Knie) im SG-Lazarett. Hald musste unter Schmerzen trainieren und spielen, sich mit Magnus Röd als neuem Partner in der Innenverteidigung zusammenfinden.

Das war nur die Ouvertüre zu einem Drama ohnegleichen. Heinl kam wieder, aber nur für 13 Spiele, bevor sich der Knieschaden als schwerwiegender herausstellte. Neuzugang Lasse Möller verletzte sich an der Hand, feierte ein kurzes Comeback und erlitt einen Knorpelschaden im Knie, der ihn zu einer unabsehbar langen Pause zwingt.

Dramatische Zuspitzung

Zwischendurch hatte sich Franz Semper, der als neuer Linkshänder eigentlich Röd entlasten sollte, einen Kreuzbandriss zugezogen. Der kurzfristig als Ersatz verpflichtete Alexander Petersson konnte wegen diverser Probleme kaum helfen. Die Außen Hampus Wanne und Lasse Svan mussten zeitweise aussetzen, am Ende fielen noch Torhüter Benjamin Buric und Rückraumspieler Göran Sögard aus.

„Es ist kein einfacher Sport, das sind keine Billardspieler“, sagt Torsten Ahnsel, der oft vor kniffligen Entscheidungen steht. Mit den Verletzungen, die seine Handballer ihm präsentieren, würde er normale Patienten in eine längere Sportpause schicken. Primär betrachtet er auch die SG-Spieler als Patienten, doch beim durchtrainierten Profi mit solidem Muskelkorsett gibt es gewisse Optionen.

Ich versuche, mit dem Spieler einen Kompromiss zu finden.

Teamarzt Dr. Torsten Ahnsel

Vertrauensvolle Zusammenarbeit

Der Betroffene werde umfassend aufgeklärt, manchmal werde trotz zweifelsfreiem Befund zur Beruhigung ein MRT gemacht – „nur für den Kopf, um klar zu machen, dass wir alle Eventualitäten ausschließen“, so Ahnsel – und dann werde gemeinsam darüber entschieden, ob ein Einsatz zu verantworten ist. Magnus Röd spielte in den letzten Wochen mit einem Innenbandriss einfach weiter, schon seit August plagt ihn die Schulter. Jim Gottfridsson und Mads Mensah hätten eigentlich Pausen gebraucht – aber dann wäre der SG-Rückraum komplett futsch gewesen.

Der Teamarzt lobt die Zusammenarbeit mit Trainer Maik Machulla. „Wir kommunizieren täglich. Er vertraut mir total, wenn ich ihm beispielsweise nach dem Warmmachen sage, bei dem Spieler geht es heute nicht. Maik ist nicht derjenige, der sagt, ich weiß es besser. Da gibt es andere Trainer“, meint Ahnsel.

Zusätzliche Arbeit durch Corona

Neben allen handballspezifischen Herausforderungen war auch noch das Testen und Impfen von Mannschaft und Umfeld in der Pandemie-Saison zu organisieren. Mehr als 3000 PCR-Tests brachten glücklicherweise nur zwei Treffer, beide Betroffenen haben die Covid-19-Infektion gut überstanden.

Die Koordination der Impfungen war nicht ganz leicht, alle norwegischen Nationalspieler wurden zur Spritze nach Berlin beordert, die Dänen nach Kopenhagen. Die übrigen Akteure hat Ahnsel selbst in Flensburg geimpft. „Danach mussten wir immer darauf achten, dass die Impflinge kein schweres Kraft- und Intervalltraining machen.“

Für die kommende Saison hofft Ahnsel, dass mit neuen und genesenen Spielern die Belastungen besser verteilt werden können und die Leidensfähigkeit aller Beteiligten nicht wieder bis aufs Äußerste ausgereizt wird.

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