Diese Woche in Kopenhagen

„Eine kleine Erzählung von der Fahrlässigkeit“

Eine kleine Erzählung von der Fahrlässigkeit

Eine kleine Erzählung von der Fahrlässigkeit

Kopenhagen/Kiel
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Im Dienst der Leserinnen und Leser scheuen Journalistinnen und Journalisten keine Mühe und kaum Methoden. Walter Turnowsky hat sogar bei der Ausführung seiner Pflichten eine Straftat begangen. Er versucht jedoch, sich aus dem illegalen Agieren herauszureden – und ist damit nicht allein.

Journalistinnen und Journalisten liegen – ähnlich wie Politikerinnen und Politiker – bei Umfragen zur Glaubwürdigkeit immer recht weit unten auf der Skala.

Das ist nicht unbedingt verwunderlich. Man braucht nur den Autor dieser Zeilen als Beispiel zu nehmen. Er, also ich, hat sich bei der Ausführung seiner Arbeit zum gemeinen Dieb gemacht. Und hier denke ich nicht daran, dass ich meine besten Ideen immer irgendwo gestohlen habe. Der Fall ist ernster.

Dabei fing alles ganz harmlos an. Ich hatte ein Interview mit dem dänischen Wirtschaftsminister in Kiel, Claus Ruhe Madsen, vereinbart. Sein Pressesprecher führte mich zum Minister, wir begrüßten uns höflich, und ich setzte mich gegenüber dem Minister, der Pressesprecher neben mich.

Handy auf Aufnahme geschaltet, und los ging es. Ruhe Madsen konnte übrigens berichten, dass er es beim Ideenklauen ähnlich macht wie ich. Von anderen Delikten hat er jedoch nichts gesagt.

Radikale Venstre kann man übrigens nicht beschuldigen, dass sie ihre Ideen klauen, zumindest nicht ihren jüngsten Einfall. Nachdem die Minkkommission scharfe Kritik an Staatsministerin Mette Frederiksen (Soz.) formuliert hatte, teilte die sozialliberale Partei mit, sie habe das Vertrauen in die Staatsministerin verloren. Jedoch nicht sofort, sondern erst nach dem 4. Oktober, sollte Frederiksen nicht bis dahin Wahlen ausgeschrieben haben. Ein Misstrauensantrag mit Zeitzünder also; ich bin ziemlich überzeugt, das ist nicht nur in der dänischen Politik ein absolutes Novum.

Die Parteien des blauen Blocks haben sich darüber noch blauer geärgert, denn sie hatten sich schon diebisch darauf gefreut, Frederiksen vor den Kadi zu stellen. Nachdem sie dies jedoch bereits gefordert hatten, als die Minkkommission noch kaum die erste SMS von Departementschefin (Staatsskretärin) Barbara Bertelsen gelesen hatte, verpufften ihre Argumente ein wenig im Nichts.

Mette Frederiksen hat nicht gewusst, dass sie illegal handelte. Ob man sie der grob fahrlässigen Tötung der Minks bezichtigen kann, daran scheiden sich die Geister. Die Geister, die meinen Nein, haben eine Mehrheit im Folketing, und daher kommt die Regierungschefin mit einer Rüge, einer sogenannten Nase, davon, die sie, oder zumindest ihre Partei, mitunterzeichnet hat.

Einen Tag nach der Nase beende ich in Kiel das Interview, das ganz vernünftig gelaufen ist. Ich stecke mein Handy wieder ein, und wir plaudern noch ein wenig. Doch dann kommt eine Ministersekretärin und drängt zum Aufbruch, denn der nächste Termin ist schon überfällig. Vor der Abfahrt stecke ich noch eben mein Handy ein.

Ganz schön einstecken musste auch der Frakionssprecher der Sozialdemokratie, Rasmus Stoklund, denn der Schwarm der Journalisten war mit seinen Fragen schon ein wenig aggressiv, als er erklärte, seine Parteichefin habe keine Fehler begangen. Zwar steht im Bericht der Kommission, dass Staatsministerium habe schwere Fehler begangen, und Frederiksen selbst meinte, es seien Fehler begangen worden. Im Passiv wohlgemerkt, anscheinend haben die Fehler sich selbst begangen, und dann kann von grober Fahrlässigkeit nicht die Rede sein.

Ob man mir grobe oder nur gemeine Fahrlässigkeit vorwerfen kann, musst du aus dem Folgenden selbst entscheiden. Mir geht es da wie Mette: Ich richte mich nach der Mehrheit. Zunächst bin ich jedoch gefahren, und zwar die E45 entlang nach Apenrade. In der Redaktion angekommen, entdecke ich, dass ich ein Handy mehr habe als sonst. Offenbar habe ich das vom Pressesprecher eingesteckt. Doch zum Glück war es das nicht. Weniger glücklich war, dass es dem Minister gehörte.

Nun könnte so ein Ministerhandy für die journalistische Recherche eventuell ganz nützlich sein, doch so weit wollte ich mein Abgleiten in die Kriminalität dann doch nicht treiben. Denn auch hier geht es mir wie Mette: Gerichtsverfahren können mir gestohlen bleiben.

Nicht gestohlen bleiben durfte daher das Handy, und um es ungestohlen zu machen, wurde ein Treffen mit einem Fahrer des Ministeriums auf halbem Weg ausgemacht. Ich hoffe, es hat keiner beobachtet, wie ich das Handy auf einem Parkplatz bei Schleswig-Jagel übergeben habe. Der Verdacht könnte aufkommen, ich sei in noch finsterere Geschäfte verwickelt als das fahrlässige Stehlen von Ministerhandys.

Ich hoffe nur, dass dieses Delikt nicht mit einem Misstrauensantrag geahndet wird. Mit einer Nase könnte ich leben. Der kürzlich verstorbene ehemalige Außenminister Uffe Ellemann-Jensen hatte immerhin 80 von der Sorte in seinem Schrank stehen.

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