Leitartikel

„Mission ,neuer Hermann’“

Mission ,neuer Hermann’

Mission ,neuer Hermann’

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
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Die deutsche Minderheit könnte sich freuen, wenn es künftig in Berlin (auch) einen Abgeordneten aus der dänischen Minderheit geben würde, der in Sachen Minderheiten und Grenzland nicht nur die rot-weiße Fahne hisst, meint Seniorkorrespondent Siegfried Matlok.

Bei der Folketingswahl 2007 erzielte Stefan Seidler als Kandidat der Radikalen Venstre im Wahlkreis Südjütland insgesamt 681 persönliche Stimmen und landete nur auf Platz sechs. Nicht gut genug für das Folketing, doch – oh wundersames Grenzland – nun steht der 41-Jährige als Spitzenkandidat des Südschleswigschen Wählerverbandes, SSW, am Sonntag bei der deutschen Wahl vor dem Sprung in den Bundestag.

1949 gewann der SSW durch den ehemaligen SPD-Bürgermeister in Schleswig, Hermann Clausen, mit 75.388 Stimmen einen Sitz im Bonner Bundestag, kam damals sogar in Schleswig-Holstein über die Fünf-Prozent-Sperrklausel. Die gilt längst nicht mehr für die Partei der dänischen Minderheit, die mit 40.000 bis 50.000 Stimmen nun mit einem Mandat im Berliner Reichstag liebäugelt.

Am 26. September versucht der SSW ein Comeback – nach 60 Jahren. Schon 1953 ging das Mandat mit 44.585 Stimmen verloren, und bei den Bundestagswahlen 1957 (32.262) und 1961 (25.444) gingen die Stimmen so weit zurück, dass der SSW daraus die Konsequenzen zog, obwohl damals Spitzenkandidat Niels Bøgh-Andersen sogar in einer Wahlbroschüre von einer sicheren Rückkehr in den Bundestag ausgegangen war. Das Kapitel Bundestag wurde „up ewig ungedeelt“ geschlossen – denkste!

Die Erfolge des SSW bei Landtagswahlen, nicht zuletzt aber die Tatsache, dass mit Anke Spoorendonk sogar eine SSW-Politikerin erstmalig schleswig-holsteinische Landesministerin wurde und ihr von allen Seiten hohe Kompetenz bescheinigt wurde, ließen den früheren Landtagsabgeordneten K. O. Meyer und dessen Sohn, den jetzigen SSW-Vorsitzenden Flemming Meyer, hinter den Kulissen nie ruhen. Vor allem Anke Spoorendonk gehörte aber zu jenen, die einen neuen Start in Berlin verhinderten, doch nicht nur die kluge, ältere SSW-Dame Spoorendonk ist inzwischen auf jüngere Gedanken gekommen.

Früher meinten selbst junge Vertreter in den Reihen der Minderheit, dass die Partei ihre Kräfte auf das Land und auf die Kommunen konzentrieren sollte, doch inzwischen scheint sich in der jüngeren Generation eine Wende zu einer Beteiligung durchgesetzt zu haben. Nach Spoorendonks Worten wollen die jungen SSW-Wähler nicht mehr in eine „Kuschelecke“ abgeschoben werden. Sie suchen Einfluss – und glauben, dass ein einzelner Abgeordneter wie Spitzenkandidat Seidler einen Unterschied („den lille forskel“) ausmachen kann.

„Dass es für die auf Deutsch, Dänisch sowie in leichter Sprache mit einem Wikingerschiff beworbene ‚Mission Bundestag‘ heutzutage nicht nur bei der jungen Generation mehr ‚Butter bei die Fische‘ braucht, ist auch dem SSW klar“, schrieb kürzlich die Auslandschefin der links-grünen „taz“ in Berlin, Barbara Oertel, zur Kandidatur des SSW. Und „Der Spiegel“, der vor Jahren den SSW als Vertreter eines „Legoland-Sozialismus“ lächerlich zu machen versuchte, spekulierte, dass ein „Wikinger im Sakko“ – also Seidler – den Grünen-Chef Robert Habeck um das Direktmandat für den Bundestag bringen könnte. Das Hamburger Nachrichtenmagazin hat jedenfalls recht, wenn es darauf hinweist, „dass die Übergänge zwischen Minderheit und Mehrheit zusehends verschwimmen“.

Die SSW-Wähler haben traditionell eher links gewählt – 1961 übrigens ganz besonders „nordisch“ die SPD mit Willy Brandt. Das Wählerkorps des Südschleswigschen Wählerverbandes reicht inzwischen weit über die eigenen nationalen Minderheiten-Reihen hinaus: Es ist dänisch-nordisch orientiert und zugleich rot-weiß-grün. Also eine Wählerklientel, die auch Robert Habeck im Wahlkreis Schleswig-Flensburg umwirbt.

Kommt es vielleicht am Sonntag zu einem taktischen Deal – natürlich ohne Absprache? Die SSW-Wähler geben Habeck ihre Erststimme, damit er den Wahlkreis gewinnt, und anschließend geben „grüne“ Wähler ihre Zweitstimme dem SSW, damit Seidler dann über die Landesliste nach Berlin segeln kann.

Bei der letzten Landtagswahl 2017 ging der SSW zwar von 61.025 auf 48.968 Stimmen zurück, aber dieses Potenzial könnte reichen für ein Mandat, wenn eben Wähler weit über die klassische dänische Minderheit hinaus dem SSW ihre Zweitstimme schenken.

Der Optimismus beim SSW ist jedenfalls groß, und Anke Spoorendonk bescheinigt ihrem früheren „Lehrling“ Stefan Seidler, dass er einen „fantastischen“ Wahlkampf geführt hat und dass er als Beauftragter der Kieler Landesregierung für deutsch-dänische Fragen hohe Kompetenzen bewiesen hat, die ihn auch politisch für Berlin legitimieren.

Im Gegensatz zu Hermann Clausen, der sich 1952 im Bundestag der Fraktion der „Föderalistischen Union“ anschloss, die aus Abgeordneten der Bayernpartei und des Zentrums bestand, will der „neue Hermann“ in Berlin als Einzelkämpfer für die dänische Minderheit und für das deutsch-dänische Grenzland kämpfen.

Die deutschen Nordschleswiger haben ja individuelle Präferenzen, aber die deutsche Minderheit könnte sich freuen, wenn es künftig in Berlin (auch) einen Abgeordneten aus der dänischen Minderheit geben würde, der in Sachen Minderheiten und Grenzland nicht nur die rot-weiße Fahne hisst.

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