Kieler Landtag

Gegen Klischees und Ignoranz: SH will Geschichte der Sinti und Roma aufarbeiten lassen

Schleswig-Holstein will Geschichte der Sinti und Roma aufarbeiten

SH will Geschichte der Sinti und Roma aufarbeiten

Kiel
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Lars Harms (SSW)
Lars Harms vom Südschleswigschen Wählerverband (SSW) im Kieler Landtag (Archivfoto) Foto: SSW

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Minderheitenpolitik: Antiziganismus soll mit Wissen begegnet werden. Weshalb dazu das Unrecht im Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet werden muss? Nur so könne Heilung beginnen, sagt eine der Abgeordneten, die dem Antrag zugestimmt haben.

Die überwiegende Mehrheit im Kieler Landtag will die Geschichte der Sinti und Roma in Schleswig-Holstein aufarbeiten. Schwerpunkt sind Verfolgung und Vertreibung im Nationalsozialismus. Den Antrag beschlossen CDU, SPD, Grüne, FDP und SSW am Donnerstag, dem Holocaust-Gedenktag.

SPD und SSW hatten die Initiative ergriffen. In Absprache mit Vertreterinnen und Vertretern der Sinti und Roma soll ein Forschungsprojekt starten.

Jahrhundertealte Minderheit in Schleswig-Holstein kämpft noch immer mit Diskriminierung

„Nur die wenigsten Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner kennen die Sinti-Kultur, wissen um die kulturellen und sprachlichen Schätze dieser Minderheit. Sie können, wenn es hochkommt, allenfalls Klischees benennen. Aber ein authentisches Bild abseits von Zuschreibungen von außen kennt kaum jemand. Erstaunlich, wie diese Ignoranz sich hält. Sinti leben schon seit über 600 Jahren in Schleswig-Holstein“, so der SSW-Abgeordnete Lars Harms.

Sinti und Roma haben sich teilweise abgeschottet, weil sie gelernt haben, wie oft
sie Opfer gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit werden: bei Vermietern, Banken oder
Versicherungen.

Lars Harms

So heißt es denn auch in der Begründung des Antrages, dass Hass auf Sinti und Roma sowie deren Diskriminierung sich über Jahrhunderte in Europa entwickelt hätten und in der Gesellschaft auch heute tief verwurzelt seien.

„Viele Sinti halten dementsprechend ihre Herkunft vor den Nachbarn geheim aus Furcht vor Anfeindungen. Sinti und Roma haben sich teilweise abgeschottet, weil sie gelernt haben, wie oft sie Opfer gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit werden: bei Vermietern, Banken oder Versicherungen. Sie meinen, dass sie sich nur selbst helfen können. Das ist ein schlimmer Teufelskreis: Abschottung lässt Vorurteile geradezu wuchern“, so Harms am Donnerstag im Kieler Landtag.

Harms: Minderheitenpolitisches Zeichen in Europa setzen

Die Minderheit ist seit dem 15. Jahrhundert in Schleswig-Holstein ansässig. Sie ist dort, wie die dänische und friesische Minderheit, eine anerkannte nationale Minderheit und steht unter dem Schutz der Landesverfassung. „Die Aufarbeitung der Geschichte wäre ein klares Signal, dass der Landtag seinen verfassungsgemäßen Auftrag mit Leben erfüllt und eben nicht die ganze Arbeit den Verbänden der Sinti und Roma überlässt. Mit einer solchen Aufarbeitung würden wir auch hier wieder minderheitenpolitisch in Europa ein Zeichen setzen“, so Harms.

Die systematische Verfolgung und die als Völkermord anerkannten Verbrechen an Sinti und Roma seien noch nicht umfassend aufgearbeitet, so auch die Parlamentarier anderer Fraktionen.

Ministerin Prien: „Dürfen dieses unfassbare Leid nicht vergessen“

Die Initiative sei wichtig für das Zusammenleben in Schleswig-Holstein, sagte etwa Bildungsministerin Karin Prien (CDU).„Wir dürfen dieses unfassbare Leid nicht vergessen“, so die Ministerin, die ergänzte: „Wir müssen laut und deutlich gegen jede Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit unsere Stimme erheben.“

Erlittenes Unrecht – und es ist nicht wichtig, wie lange es her ist –, erlittenes Unrecht muss wahrgenommen und anerkannt werden.

Marret Bohn

Sinti und Roma seien auch heute noch in Europa vielerorts von Diskriminierung und Verfolgung betroffen. Birte Pauls (SPD) verwies auf anhaltende Diskriminierung: Es sei unfassbar, wenn Menschen wegen ihres Nachnamens keinen Handy-Vertrag oder Kita-Platz bekämen.

Birte Pauls (Archivfoto) Foto: SPD

„Die Zahl der erst seit 2017 offiziell erfassten antiziganistischen Straftaten hat sich laut der Statistik ,zur politisch motivierten Kriminalität‘ von 2018 bis 2020 mehr als verdoppelt“, so Pauls.

Richert: „Schritt zum selbstverständlichen Miteinander“

Kay Richert (FDP) verwies auf wechselseitige Vorbehalte; Aufarbeitung der Geschichte sei Voraussetzung für Integration: „Seien wir ehrlich miteinander: Es gibt Vorurteile und Vorbehalte. Und zwar aus beiden Richtungen, in beide Richtungen.“ Der FDP-Politiker hob in seiner Rede allerdings auch hervor, dass es heute weniger „Konflikte um die Einhaltung der Schulpflicht“ gebe und dass die Minderheit aktiv Kontakt suche.

„Eine Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Sinti und Roma in Schleswig-Holstein wird für mehr Gewissheit im Umgang miteinander sorgen und so ein weiterer Schritt zum selbstverständlichen
Miteinander sein“, so Richert.

Geschätzt 6.000 Sinti und Roma in Schleswig-Holstein

Während des Nationalsozialismus fielen über 500.000 Sinti und Roma im besetzten Europa dem Holocaust zum Opfer. Auch etwa 400 aus Schleswig-Holstein kehrten aus den Lagern der Nazis nicht zurück.

„Erlittenes Unrecht – und es ist nicht wichtig, wie lange es her ist –, erlittenes Unrecht muss wahrgenommen und anerkannt werden. Wird es das nicht, dann schwelt es wie eine zugedeckte Wunde weiter, und Heilung kann und wird nicht stattfinden“, so die Grünen-Abgeordnete Marret Bohn.

Heute leben in Deutschland 60.000 deutsche Sinti und 10.000 Roma, in Schleswig-Holstein Schätzungen zufolge 6.000, vor allem in Kiel und Lübeck sowie im Raum Flensburg und im Hamburger Umland.

(mit dpa)

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