Rasmus Andresen im Interview

„Ich kämpfe für die gleichen Ziele wie mit 15“

„Ich kämpfe für die gleichen Ziele wie mit 15“

„Ich kämpfe für die gleichen Ziele wie mit 15“

Mira Nagar/shz.de
Flensburg
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Rasmus Andresen
Rasmus Andresen im Gespräch mit Schülerinnen des Alten Gymnasiums. Foto: Marcus Dewanger

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Neuntklässlerinnen des Alten Gymnasiums interviewen den Europaparlamentarier Rasmus Andresen (Grüne).

ühlt man sich mächtig, wenn man über 1,8 Billionen Euro verhandelt? Das haben Sie im vergangenen Herbst für das Europäische Parlament gemacht, als es um den mehrjährigen Finanzrahmen des EU-Haushalts ging.

Das ist eine spannende Frage.

Umso gespannter sind wir auf die Antwort.

Auf jeden Fall hat man Einfluss. Den Begriff mag ich lieber als Macht. Damit kann ich nicht so viel anfangen. Aber auf jeden Fall hat man Einfluss, wenn man Europaabgeordneter ist, im Haushaltsausschuss sitzt und darüber mitentscheidet, wofür die EU in den kommenden Jahren das Geld ausgeben soll. Aber es ist ja Gott sei Dank in der Demokratie so, dass man das nicht alleine macht, sondern gemeinsam mit ganz vielen anderen. Aber natürlich mache ich diesen Job, um Sachen zu verändern. Wenn man die Möglichkeit hat, Einfluss zu nehmen, ist das eine gute Sache.

Nicht alle, aber doch so einige junge Menschen interessieren sich für die Politik. Was würden Sie ihnen raten bevor sie anfangen?

Ich finde es großartig, dass sich junge Menschen wieder politisch wieder mehr politisch engagiert haben. Politisch engagieren heißt ja nicht, dass man es in einer Partei machen muss. Man kann auch bei Fridays for Future oder anderen Gruppen, die sich mit politischen Themen auseinandersetzen, aktiv sein. Das ist genau wertvoll. Und das Wichtigste, finde ich, ist, dass man sich einmischt, dass man sich für die Themen engagiert, die einem wichtig sind. Egal ob das Klimaschutz ist, Menschenrechte sind oder ein ganz anderes Thema. Das kann in einer Jugendorganisation einer politischen Partei sein, muss es aber nicht.

Gibt es Dinge, die Sie auf dem Weg zu Ihrem Posten nicht hätten tun sollen oder Dinge, von denen Sie allgemein abraten, wenn junge Menschen an der Politik interessiert sind?

Das ist eine schwere Frage. Ich würde nicht sagen, dass ich von etwas abraten würde. Am wichtigsten ist es, dass man seiner Linie treu bleibt und sich nicht verbiegt. Natürlich bin ich jetzt anders als mit 15. Es wäre komisch, wenn das anders wäre. Aber die Ziele, für die ich kämpfe, sind noch die gleichen. Ich bin nicht in die Politik gegangen, um Karriere zu machen, sondern weil ich die Welt verändern will.

Sie setzen sich stark für Menschenrechte ein. Sind Sie der Meinung, dass die Corona-Maßnahmen der vergangenen Monate gegen Menschenrechte verstoßen?

Die Corona-Maßnahmen haben uns sicherlich alle sehr eingeschränkt, insofern auch unserer aller Freiheitsrechte. Ich glaube aber, dass es nötig war, weil wir uns in einer Ausnahmesituation befunden haben. Unser Gesundheitssystem ist an die Grenze gekommen, was machbar war. Wir mussten verhindern, dass sich das Virus schneller verbreitet. Von daher fand ich das gerechtfertigt. Aber natürlich ist es jetzt genauso wichtig, dass wir nach und nach unsere Freiheitsrechte wieder zurückbekommen.

Woran denken Sie konkret?

Vor allem junge Menschen müssen jetzt stärker berücksichtigt werden. Besonders junge Menschen, das muss ich euch nicht erzählen, mussten auf sehr viel verzichten. Ich hätte ganz ehrlich nicht mit euch tauschen wollen, weil ich noch weiß, wie es war, als ich 15, 16 oder 17 war und was ich machen wollte. Das habt ihr im letzten Jahr gar nicht machen können. In der Politik ist das oftmals nicht berücksichtigt worden. Ihr habt gar nicht wirklich stattgefunden. Umso wichtiger ist es, jetzt wieder eure Interessen stärker zu berücksichtigen.

Journalismus AG des Alten Gymnasiums
Das Interview fand im Rahmen der Journalismus AG der Schule statt. Foto: Marcus Dewanger

Wir möchten gerne noch über weitere Menschenrechte sprechen. Die LGBTIQ*-Community wird in Ungarn durch neue Gesetze erheblich eingeschränkt. Homosexualität gilt dort als Feindbild. Auch in Deutschland sind vor dem Gesetz nicht alle Menschen gleichgestellt. Wie wollen Sie dies ändern?

Das ist mir ein sehr wichtiges Thema. Ich finde es unfassbar, dass es in Europäischen Union Menschen gibt, die diskriminiert werden und kein selbstbestimmtes Leben in Freiheit führen können, weil sie einer Minderheit angehören. Es ist ungeheuerlich, dass es Regierungen in Europa gibt, die nicht nur zu wenig tun, um deren Rechte zu stärken, wie es teils auch in Deutschland passiert, sondern das Gegenteil machen und Minderheiten diskriminieren, die es ohnehin schon wahnsinnig schwer haben. Das regt mich total auf. Deswegen begleite ich das Thema auch sehr stark in Brüssel.

Wie wollen Sie konkret dagegen vorgehen?

Es ist superwichtig, dass man dafür sorgt, dass wirklich alle Menschen vor Diskriminierungen gesetzlich geschützt werden und dass, wenn sie diskriminiert werden, gesetzlich dagegen vorgegangen wird. Die EU-Kommission muss den ungarischen Regierungschef Viktor Orbán ganz klar sanktionieren. Als Mitglied der Europäischen Union kann man so nicht mit Minderheiten umgehen. Ungarn bekommt viele Fördermittel aus der EU. Die müssen reduziert werden, wenn er so weitermacht. Das wäre ein Punkt. Ein anderer Punkt wäre, LGBTIQ*-Organisationen vor Ort in Ungarn, aber auch in Polen, mit EU-Geldern zu unterstützen, wenn sie keine Hilfe vor Ort bekommen.

Schauen wir nach Berlin. Die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock bekommt derzeitigen heftigen Gegenwind, wird vor allem in den sozialen Medien teils heftig diffamiert. Was macht das mit Ihnen?

Es zeigt, wie brutal Politik auch sein kann. Es stimmt, dass Fehler gemacht worden sind. Einige Sachen, die passiert sind, hätten wir Grüne besser managen können.

Woran denken Sie da besonders?

Naja, man hätte die Lebensläufe im Vorfeld besser checken können. Das ist kein schlimmer Fehler, der entscheidend dafür ist, wie gut eine Politikerin ist. Aber es ist dumm gelaufen. Das hätte man besser vorbereiten können, was auch unsere Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock selbst sagt. Das ist blöd. Aber auf der anderen Seite zeigt sich auch, wie hart dieser Wahlkampf und der Umgangston in Berlin untereinander ist. Da stellen wir dann auch plötzlich fest, dass kleine Fehler in Lebensläufen genauso hart bewertet werden wie Maskendeals von Abgeordneten aus anderen Parteien. Ich wünsche mir, dass wir mehr über Inhalte und Sachthemen sprechen und nicht jeder kleiner Fehler aus unterschiedlichen Parteien immer gleich skandalisiert wird. Das machen wir manchmal auch bei anderen Parteien, wir sind also nicht automatisch besser. Alle sollten das zurückfahren. Die Probleme, die Deutschland hat, sind groß genug. Darauf müssen wir Antworten finden: beim Klimawandel, bei der Digitalisierung, bei sozialen Fragen.

Haben Sie schon mal ähnliche Erfahrungen in den sozialen Medien gemacht? Und wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Ja, die Erfahrungen habe ich auch schon gemacht. Vor allem, wenn man rechtsextreme und nationalistische Parteien angreift, wird man sehr stark angegangen – auch unter der Gürtellinie. Ich versuche solche Angriffe an mir abperlen zu lassen, aber schön sind sie nicht. Vor allem finde ich es bitter, wenn das dazu führt, dass sich weniger Menschen politisch engagieren wollen. Das hat Folgen für unsere Demokratie, die echt problematisch sind. Aber man darf sich davon nicht abschrecken lassen, weil man dann am Schluss denjenigen recht gibt, die aus meiner Sicht am wenigsten in unserer Demokratie gewinnen sollten.

Journalismus-Projekt

Kooperation

In einem Journalismus-Projekt an ihrer Schule blicken Schülerinnen und Schülern aus dem 8. und 9. Jahrgang des Alten Gymnasiums hinter die Kulissen des Pressewesens. Dabei machen sie unter der Leitung von Stefan Beuke selbst erste journalistische Schritte. Das Projekt findet in Kooperation mit dem Flensburger Tageblatt statt. In unregelmäßigen Abständen werden Texte der Nachwuchsreporter veröffentlicht.
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Anke Krauskopf
Anke Krauskopf
„Das Wort zum Sonntag, 1. August 2021“