Theater

Sehnsucht nach Bühnenluft und Beisammensein

Sehnsucht nach Bühnenluft und Beisammensein

Sehnsucht nach Bühnenluft und Beisammensein

Silke Schlüter/shz.de
Husum
Zuletzt aktualisiert um:
An die lange vor Corona noch völlig unbeschwerte Aufführung von „Keine Leiche ohne Lily“ denken die jungen Akteure mit Wehmut zurück. Foto: eXperimenttheater

Die Jugendgruppe des eXperimenttheaters Husum vermisst das Zusammensein und das gemeinsame Proben schmerzlich.

Die Jugendgruppe im Husumer eXperimenttheaters trifft sich üblicherweise jeden Mittwoch um 18 Uhr im Speicher. Sie studiert jedes Jahr ein neues Stück ein. Der Ablauf ist immer der Gleiche: Die 10- bis 21-jährigen Akteure setzen sich mit ihrer Gruppenleiterin zusammen und diskutieren darüber, welchem Thema sich das nächste Stück widmen soll. Jeder darf sich eine Rolle wünschen: als Mann oder als Frau, mit viel oder wenig Textanteilen, mit hoher Bühnenpräsenz oder eher im Hintergrund.

Keine Proben, keine Aufführungen

„Nach diesen Vorgaben suche ich etwas aus und beschließe dann mit meinen Regieassistenten, was wir auf die Bühne bringen wollen“, erzählt Svenja Nein. Die Proben dauern meist ein Dreivierteljahr. Belohnt wird die Mühe am Ende mit einer gefeierten Aufführung. Normalerweise. Denn all das ist nun schon seit Monaten nicht möglich: Weder dürfen die jungen Leute proben, noch sich zu anderen Anlässen treffen.

„Es ist so viel verloren gegangen“, sagt Svenja Nein, deren Truppe immer auch die erwachsenen Akteure bei ihren Aufführungen unterstützt hat. „Wir haben zusammen After Show-Partys, Sommerfeste, Osterbrunchs und Herbstbälle gefeiert und uns auch häufig privat getroffen“, sagt sie. Dass all das wohl noch lange nicht möglich sein wird, sorgt für Trauer und Frust bei den jungen Leuten, die sich derzeit nur über WhatsApp „treffen“ können.

Viele aus unserer Theaterfamilie haben unseren Sohn bis jetzt noch kein einziges Mal gesehen. Das macht uns sehr traurig und wütend zugleich.

Johanna Laage, eXperimenttheater

So ist Johanna Laage zu Beginn der ersten Welle, am 29. Februar 2020, Mutter eines kleinen Sohnes geworden. Zu gerne hätten alle dieses Ereignis mit ihr gefeiert, doch die Kontaktbeschränkungen machten es unmöglich: „Viele aus unserer Theaterfamilie haben unseren Sohn bis jetzt noch kein einziges Mal gesehen. Das macht uns sehr traurig und wütend zugleich“, sagt sie und gesteht, dass ihr das gesamte Theaterleben mächtig fehlt.

Johanna Laage mit Mads. Foto: Privat

Benno Schepp wusste den Lockdown anfangs noch zu genießen: „Der unbezahlte Nebenjob fiel weg, ich hatte plötzlich mehr Zeit als vorher“, resümiert er. Doch inzwischen wünscht er sich den Theaterstress sehnlichst zurück. Es nervt ihn, den Spielplan immer weiter nach hinten verlegen zu müssen. „Ehrlicherweise sehe ich uns erst 2022 wieder auf der Bühne“, sagt er frustriert.

Vor einem Jahr brach dieses Standbein von einem Tag auf den anderen weg und hinterlässt eine gähnende Leere.

Nis Hansen, eXperimenttheater

Als „die Seele meines Alltags“ beschreibt Nis Hansen das Theater, in dem man sich so vielseitig einbringen kann. „Ich selbst fand meinen Platz auf der Bühne ebenso wie auf der Regiebank, oder auch einfach nur am Eingang des NCC, um freudig die Zuschauer in Empfang zu nehmen. Vor einem Jahr brach dieses Standbein von einem Tag auf den anderen weg und hinterlässt eine gähnende Leere“, sagt er.

„Ich brauche diese Abende, an denen ich ganz ich selbst sein kann. Und das nicht alleine, sondern mit Menschen, die mir viel bedeuten“, sagt Lara Kistner. Sie vermisst die besondere Mischung aus Nervosität, purer Euphorie, Lebensdurst und Aufregung. In diesen Momenten rückt bei ihr alles andere in den Hintergrund: „Diese absolute Stille, bevor sich der Vorhang hebt. Der Puls, der meint, man wolle Olympisches Gold holen. Das nervöse Zittern, das hoffentlich nur die erste Reihe sieht. Und plötzlich merkt man, wie sehr man leben kann“, so beschreibt sie das wunderbare Gefühl, dass sie bei jeder Aufführung packt.

„Wir sind mehr als nur eine Theatergruppe – wir sind Freunde“, sagt Tanja Stadel und empfindet gerade deshalb das Kontaktverbot als besonders heftig: „Wir dürfen unser Hobby nicht ausüben, unsere Freunde nicht treffen und anderen Menschen keine Freude mehr bereiten“, so ihr Fazit. Auch wenn der Kopf durchaus Verständnis dafür aufbringt: „Ich verstehe, warum diese Maßnahmen so getroffen werden müssen, und werde mich auch weiterhin dran halten. Aber es fällt mir sehr schwer", sagt sie.

Tanja Stadel (r.) in einer Szene mit Mareike Höfer. Foto: eXperimenttheater

Die Jugendgruppenleiterin hofft derweil auf bessere Zeiten: „Wir haben damit begonnen, online zu proben. Vielleicht können wir so eine Art Hörbuch aufnehmen und virtuell auf die Bühne bringen. Wenn das klappt, hält es uns in jedem Fall zusammen und über Wasser“, sagt Svenja Nein.

Hoffen auf eine Zukunft ohne Corona

Und erzählt von einem Traum, der sie sehr bewegt hat: „Ich stand auf der Bühne, um unser Publikum zu begrüßen und das Stück anzusagen, und konnte nur weinen, vor lauter Rührung, dass wir alle gemeinsam diese schwere Zeit überstanden haben und das Publikum uns so treu geblieben ist. Genau deshalb machen wir weiter, hoffen auf weitere medizinische Fortschritte, von denen wir alle profitieren können, und glauben fest daran, dass wir unser Publikum bald wieder begeistern dürfen.“

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