Winter 1962

„Keine Nachricht von Heinrich“: Erinnerung an die Sturmflut

„Keine Nachricht von Heinrich“: Erinnerung an die Sturmflut

„Keine Nachricht von Heinrich“: Erinnerung an die Sturmflut

Felisa Kowalewski/dpa/shz
Hamburg
Zuletzt aktualisiert um:
An mehr als 60 Stellen brachen die Deiche im Bereich der Hamburger Süderelbe in der Nacht der Sturmflut. Ein junges Paar verliert sich im Chaos aus den Augen. Foto: Privat/Monika Genz

Aus dem Kino in die Katastrophe: Monika Genz erlebte als 20-Jährige die Hamburger Sturmflut von 1962 hautnah.

Es war Sturm, wie öfters an der Elbe – trotzdem begann alles fast wie ein normaler Freitagabend: Die 20-jährige Monika Oellrich aus dem Hamburger Dorf Neuenfelde im Alten Land und ihr Freund Hans-Heinrich Genz haben sich verabredet, um einen schönen gemeinsamen Abend im Kino zu verbringen.

Doch was die 20-Jährige dann in der Nacht des 16. Februar 1962 erlebte, sollte sie für den Rest ihres Lebens prägen: Es war die Nacht, als die Sturmflut kam. Die heute 79-Jährige berichtet von den dramatischen Ereignissen, das Warten auf ein Lebenszeichen und verzweifeltem Hoffen.

Für sie gibt es ein Leben vor der Sturmflut und eins danach, sagt sie. Denn das Leben in ihrem Dorf wandelte sich grundlegend. „Das Leben war geruhsamer und behäbig“, berichtet sie. „Wir waren alle relativ zufrieden. Nach der Flut war alles anders.“

Sie lebte zu der Zeit mit ihren Eltern und dem älteren Bruder auf einem Hof – ganz nah am Deich an der Süderelbe. Nur die ältere Schwester war schon ausgezogen. „Als ich ausgelernt hatte, habe ich in Neuenfelde beim Steuerberater gearbeitet“, berichtet sie.

Meine Mutter war stets mit ihrem Land beschäftigt. Bei uns gab’s alles frisch: Gemüse und wir hatten auch ein paar Schweine. Wir waren Selbstversorger und was wir sonst noch brauchten, haben wir im Dorf einkaufen können.

Monika Genz

Es gab Schneider, Schuster, Friseure, Fahrradläden, Zahnärzte, Kneipen. Und zwei Kinos. Dahin hat es die junge Monika und ihren Freund Hans-Heinrich in der Sturmnacht verschlagen.

Der Orkan zieht auf

Ein eisiger Wind pfiff, obwohl die Temperatur noch über Null Grad lag. „Am Freitag war es wirklich schlimm: Man konnte sich nicht auf dem Deich halten, ohne sich festzuhalten“, sagt sie. Einige Neuenfelder hatten vor dem Unwetter gewarnt und ihre Familien in Sicherheit gebracht – aber nur wenige hatten darauf gehört.

Die 79-Jährige sagt heute: „Diese Sturmflut, ich habe die Gefahr nicht erkannt. Erst nachts: Als wir kurz vor zwölf aus dem Kino kamen und auf den Deich stiegen, da stand das Wasser auf der anderen Seite hoch. Es war ein furchtbarer Wind und die Gischt schlug schon über die Krone. Da sind wir in Panik geraten.“ Er rannte in die eine Richtung zum Neuenfelder Fährdeich, sie in die andere auf dem Deich an der Hasselwerder Straße entlang.

Auch andere bemerkten das drohende Unheil. „Einige Leute standen auf dem Deich und haben beratschlagt, was sie tun sollten“, sagt sie. „Denn wenn das Wasser über den Deich läuft, dann auch über die Straße, die direkt dahinter lag. Und dann kamen gleich die Häuser.“ Flut sollte eigentlich erst um vier Uhr morgens sein. „Da konnten wir uns alle ausrechnen, wo das hinführen würde“, sagt sie.

Die Flucht vor den Fluten

Die damals 20-Jährige rannte den ganzen Weg nach Hause. „Als ich ankam, war meine Mutter schon dabei, Kohlen und Kartoffeln aus dem Keller zu holen.“ Doch die Wassermassen kamen schon über den Deich gerollt. Nur kurz darauf – um 24.30 Uhr – brach der Deich nahe der Kirche.

1962 Foto: Privat/Monika Genz
2021 Foto: Felisa Kowalewski

„Mein Bruder kam angerannt und sagte: Wir müssen sofort raus aus dem Haus und zur Mühle“, berichtet sie. Die Mühle lag etwas höher und bot mit ihrem hohen und dicken Mauern Schutz. Vater, Mutter, sie selbst und ihr Bruder machten sich in aller Hast auf den Weg. Die 79-Jährige erläutert: „Die Mühle stand etwa zwei Häuser nebenan am Deich. Unser Haus war allerdings etwas zurück von der Straße, der Deich war etwa 20 bis 30 Meter entfernt. Und auf dem Weg lief uns das Wasser schon in die Gummistiefel.“

Auch Nachbarn hatten sich auf den Weg zur Mühle gemacht. Die Lage war verzweifelt: „Wir wollten den Deich hochkrabbeln. Das ging nicht, weil der schon überlief und das Wasser uns immer wieder runterschwemmte. Es kam einfach immer mehr.“ Das Wasser rauschte hinunter ins Dorf und riss die Menschen dabei mit hinab auf die Straße. Eine Nachbarin brach sich dabei den Arm.

„Als wir da nicht raufkamen, sind wir schließlich im Windschatten der Mühle die Treppen hochgekrabbelt“, berichtet sie. Auch dort lief ihnen das Wasser entgegen, doch sie schafften es und retteten sich in die Mühle.

Foto: Privat/Monika Genz

Ausharren in der Kälte

„Wir waren alle klitschnass. Wir haben uns in die Kornsäcke reingedrängelt. So haben wir uns getrocknet und aufgewärmt“, sagt sie. In der Kälte harrten sie aus. Die meterdicken Wände der Mühle wackelten durch den harten Wellenschlag, der bis ins Innere zu hören war, erinnert sie sich. Einige seien am Weinen oder Beten gewesen. Doch die Mühle hielt den anwachsenden Fluten stand.

Es war heftig.

Monika Genz

Hinzu kam die Sorge um die, die in ihren Häusern geblieben waren. Ein Nachbar hatte ein Transistorradio, das sie mitten in der Nacht über die vielen Deichbrüche informierte. Ein gewaltiger Schock für die junge Frau: Auch der Neuenfelder Fährdeich war gebrochen – genau auf Höhe der Hausnummer ihres Freundes.

Ihr erster Gedanke war: Er ist tot. „Ich dachte, er ist da gerade angekommen und dann bricht der Deich“, sagt sie. Sie lief hinaus in den Sturm, doch ihr Bruder holte sie zurück und beruhigte sie. „Es war dramatisch“, erinnert sie sich.

Ein Dorf unter Wasser

Um vier Uhr morgens war der Hochstand der Flut erreicht. Zwar setzte anschließend die Ebbe ein, doch weil die Deiche gebrochen waren, strömte das Wasser immer weiter ins Dorf. Noch immer wütete der Sturm. Als die Menschen sich aus der Mühle trauten, stand das Wasser auf beiden Seiten des Deiches gleich hoch. „Das war ein Schock“, sagt sie.

Foto: Privat/Monika Genz

Für ihre Familie gab es keine Möglichkeit, zu ihrem Haus zu gelangen. „Wir hatten kein Boot. Wir sind dann zu einer Nachbarin. Wir mussten dafür praktisch von einer kleinen Insel zur anderen springen.“ Ein kurzer Moment der Ruhe für die Familie: „Sie hat uns Tee gekocht und wir konnten kurz schlafen.“

Katastrophe im Rosengarten

Der Frieden währte aber nicht lang: „Aufgewacht sind wir von einem furchtbaren Schreien im Haus“, sagt sie. „Unsere Nachbarin hatte gerade die Nachricht bekommen, dass ihre Eltern tot waren: Sie hatten am Rosengarten, ein Koog vorgelagert vor dem Hauptdeich, in einer Baracke gewohnt. Und die Baracke war weg. Die Menschen waren weg.“ Es blieben nur Trümmer.

Foto: Privat/Monika Genz

Vor allem die furchtbaren Schreie sind der 79-Jährigen in Erinnerung geblieben: „Sie ist völlig ausgerastet und hörte gar nicht mehr auf. Das war so schrecklich. Das war genauso schrecklich wie vorher das Wasser. Das hat mir so leidgetan“, sagt sie.

Kein Strom, kein Trinkwasser, keine Heizung

Auch die folgenden Tage waren schwierig: Neuenfelde war durch die Fluten von der Außenwelt abgeschnitten, die Deiche, auf denen man hätte laufen können, waren durchbrochen. Frost setzte ein, doch Heizstoff und auch Lebensmittel hatten die meisten in den Kellern aufbewahrt und die standen unter Wasser. „Das war alles weg“, sagt sie. Auch ihr Elternhaus war überflutet.

Foto: Privat/Monika Genz

Zwar war die etwas höher gelegene Hauptwohnung noch trocken, doch es fehlten Storm, Heizmöglichkeiten und fließendes Wasser. Eine andere Nachbarin versorgte sie für zwei Tage mit: „Am Sonntag kamen die ersten Hubschrauber und haben Milchtüten und Feinbrote runtergeworfen“, sagt sie. „Das haben wir gesammelt und bei der Nachbarin alle zusammen gegessen.“

Eines der Schweine ihrer Mutter hatte zudem die Sturmflut überlebt und wurde geschlachtet. „Alles, was brauchbar war, wurde zu Essen verarbeitet. Wir konnten nichts kaufen, es war ja nichts mehr da“. Doch es gab auch Positives:. „Aber die Nachbarschaftshilfe, das war schon großartig. Die Gemeinschaft war toll und in der Not sind sie alle zusammengekommen.“

Ein Wiedersehen auf dem Deich

Eine große Sorge blieb ihr: Was war mit ihrem Freund geschehen? Sie erinnert sich: „Bis zum Mittwoch hatte ich keine Nachricht von meinem Heinrich“.

Das Wasser floss kaum ab und so wurden die Deichdurchbrüche notdürftig mit Bohlen geflickt. Diesen mühsamen Weg nahm Hans-Heinrich Genz am fünften Tag nach der Sturmflut auf sich, um nach seiner Monika zu sehen. Und plötzlich:

Wir standen alle draußen und haben mit der Nachbarin beratschlagt. Und da habe ich gesehen, wie jemand über den Deich angelaufen kam. Das war er, da war die Freude groß.

Monika Genz

Es kam heraus: Auch er hatte es in der Sturmnacht nach Hause geschafft, doch sich nochmals aufgemacht, um Sandsäcke zu besorgen und die Großeltern nach Neu Wulmstorf zu bringen. Als der Deich brach, war er gar nicht da. Das Haus, in dem er wohnte, überstand die Fluten – das Nachbarhaus, ein Rohbau, hingegen wurde weggespült.

Foto: Privat/Monika Genz

Für Neuenfelde brach nach der Sturmflut eine neue Zeit an. „Die ganzen kleinen Geschäfte haben zum Teil nicht wieder aufgemacht.“ Die gebürtige Neuenfelderin schätzt, etwa die Hälfte aller Selbstständigen. „Die Bauern haben relativ viel Vieh verloren und hatten danach auch einfach nicht das Geld, den Bestand wieder aufzufüllen“, sagt sie. „Stattdessen wurde dann der Obstanbau verstärkt.“

Ein weiterer Einschnitt: „Es wurde sofort ein neuer Deich gebaut, mit der Flutlinie ganz dicht an der Elbe. Der schottete die Süderelbe ab, was vorher eine Lebensader war für die Leute, die dort ihre Höfe hatten“, sagt die 79-Jährige. Heute liegt auf der Absperrung die verlängerte Start- und Landebahn der Luftwerft Airbus beim Flugplatz Finkenwerder.

Lebenslanges Wasser-Trauma

Was ihr aus der Nacht der Sturmflut blieb, ist die Angst vor Wasser. „Wir haben vorher mit den Fluten gelebt. Aber es war nie so hoch, dass es so bedrohend war, dass es uns vom Deich geschwemmt hat“, sagt sie. „Davon habe ich ein Trauma.“ Als sie zwei Jahre später Hans-Heinrich Genz heiratete, sorgte sie deshalb dafür, dass sie an einen Ort zogen, wo kein Wasser hinkommt.

Hochzeitsfoto von Monika und Hans-Heinrich Genz Foto: Privat/Monika Genz

Nach der Geburt ihres Sohnes war sie im familieneigenen Lebensmittelgeschäft angestellt. Von 1972 bis 1995 betrieb sie mit ihrem Mann selbstständig zwei Supermärkte. Heute genießt das Paar gemeinsam den Lebensabend.

Hans-Heinrich und Monika Genz Foto: Privat/Monika Genz

Ihre Erlebnisse hat Genz später in dem Buch „Der Baum Neuenfelde“ herausgebracht. Sie sagt:

Jeder hat seine ureigenste Geschichte für diese Nacht. Der eine hat viel Glück gehabt, der andere nicht.

Monika Genz

Sie sprach unter anderem mit dem Polizeimeister Fritz Hilke, der es schaffte, sechs Menschen im Neuenfelder Rosengarten zu retten, und mit Nachbarn. Auch deren Geschichten schrieb sie zusammen mit anderen aus ihrer alten Heimat auf.

Mehr lesen