Neubeginn

Syrisches Paar baute sich in Dollerup eine neue Existenz auf

Syrisches Paar baute sich in Dollerup eine neue Existenz auf

Syrisches Paar baute sich in Dollerup eine neue Existenz auf

Wilhelm van de Loo/shz.de
Dollerup
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Rames Mhna und Khadija Al Alloush sind dankbar für die Sicherheit und Freiheit, die sie in Deutschland genießen, wollen wirtschaftlich aber unbedingt auf eigenen Beinen stehen. Foto: Wilhelm van de Loo

Ihr gut angelaufener Schneidereibetrieb ist durch Corona fast zum Erliegen gekommen.

Nein, nach Deutschland wollten sie nicht, um sich hier auf Dauer in der sozialen Hängematte einzurichten - im Gegenteil. Aus der syrischen Hauptstadt Damaskus geflüchtet, wohnen Ramez Mhna und seine Frau Khadija Al Alloush mit drei Kindern seit Januar 2016 in Dollerup.

Nach mehrmonatiger Sprachausbildung sowie einem Integrations- und Orientierungskurs lernten sie im Rahmen verschiedener Praktika die hiesige Arbeitswelt kennen.

Als ausgebildete Schneider und Modedesigner besaßen die Eheleute in ihrer Heimat ein mittelständisches Bekleidungsunternehmen mit 75 Mitarbeitern und etwa 100 in Heimarbeit tätigen Frauen. Im Verlauf des Bürgerkrieges wurde die Fabrik zweimal zerstört. Finanzielle Unterstützung durch einen in Saudi-Arabien lebenden Bruder ließ bei den Behörden den Verdacht „terroristischer“ Unterstützung aufkommen. Da eine Verhaftung drohte, entschloss sich die Familie zur Flucht.

Eine neue Industrie-Nähmaschine

Die beruflichen Kenntnisse nutzend, eröffnete das Ehepaar 2017 in seiner Wohnung eine Schneiderei. Sie lief so gut an, dass die Familie ab 2018 keine finanziellen Unterstützungsleistungen mehr in Anspruch nahm. Die gute Auftragslage führte zum Kauf einer Industrie-Nähmaschine. Auf ihr wurde Bekleidung aller Art hergestellt, neben Abendkleidern auch Theaterkostüme und eines für den Weihnachtsmann.

Die zumeist weibliche Kundschaft kam aus der Umgebung. In Einzelfällen gab es aber auch Aufträge von Urlauberinnen aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Vor einem Jahr sorgte Corona für einen heftigen Einschnitt. Zwar wurden im April noch über 1200 Mund-Nasen-Bedeckungen hergestellt, dann jedoch kam die Schneiderei fast vollkommen zum Erliegen.

Über Wasser hielten sich die Eheleute dadurch, dass Khadija ihren 450-Euro-Job als Kassiererin bei der Tankstelle in Streichmühle in eine Halbtagsstelle umwandeln konnte. Ramez ist nach einer dreimonatigen Umschulung beim Roten Kreuz seit März 2019 als Altenpflegehelfer im Haus Nordangeln in Langballig tätig.

Das gefällt mir, und ich möchte die richtige Ausbildung als Altenpfleger machen.

Ramez Mhna

Zusätzlich arbeitet er in seiner schichtfreien Zeit 20 Stunden als Kassierer an der Tankstelle in Husby.

Deutlich erkennbar ist das Bemühen der Eheleute, dem deutschen Staat „nicht zur Last zu fallen.“ Dankbar für die Unterstützung, die ihnen in der ersten Zeit nach der Flucht zuteil wurde, wollen sie auf eigenen Beinen stehen. Ihre Hoffnung geht dahin, in der Nach-Corona-Zeit die Schneiderei wieder richtig aufleben zu lassen. Ute Laffrenzen, beim Amt Langballig zuständig für die Betreuung, bezeichnet sie als Aktiv-Posten.

Beide sind sehr hilfsbereit, unter anderem durch Mithilfe als Dolmetscher bei der Aufnahme neuer Flüchtlinge.

Ute Laffrenzen

Die Verbindung zu den in Damaskus lebenden Eltern von Khadija halten sie per WhatsApp. Die kriegerischen Ereignisse haben in Damaskus zwar sehr nachgelassen. Allerdings ist das Land schwer von der Corona-Pandemie getroffen. Khadijas Vater war elf Tage bewusstlos, die Mutter nur leicht erkrankt. Gleiches trifft auch auf einen der Brüder von Ramez, dessen Eltern vor längerer Zeit gestorben sind, zu, den zweiten traf es ungleich schwerer.

Eine Rückkehr nach Syrien schließen die Eheleute wegen immer noch drohender Verhaftung aus. Vor drei Monaten haben sie beantragt, die gegenwärtig befristete Aufenthaltsgenehmigung in ein dauerhaftes Bleiberecht umzuwandeln. Nach den Erfahrungen in ihrer Heimat schätzen sie die Sicherheit und Freiheit, die sie in Deutschland genießen. Nur ein Schatten fällt auf diese positive Sicht. Auf Nachfrage berichtete Khadija, eine weltoffene gläubige Muslimin, von häufig spürbaren und auch mehrfach verbal artikulierten Vorbehalten, auf die sie als Kopftuchträgerin treffe.

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