Expertenanhörung

Mediziner warnen vor dritter Welle

Mediziner warnen vor dritter Welle

Mediziner warnen vor dritter Welle

Kay Müller/shz.de
Kiel
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Das schleswig-holsteinische Parlament ist nach der Sitzung im November zum zweiten Mal zu einer ganztägigen Experten-Anhörung zur Corona-Pandemie im Landtag zusammengekommen. Foto: Axel Heimken/dpa

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Expertenanhörung im Landtag: Mediziner warnen vor dritter Welle.

Die Ansage ist deutlich. „Wir sollten die privaten Kontaktbeschränkungen bis in den Herbst aufrecht erhalten.“ Diesen Satz sagt die Leitende Amtsärztin des Gesundheitsamtes in Neumünster und Vorsitzende des Landesverbandes Schleswig-Holstein der Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst, Alexandra Barth gestern bei einer großen Anhörung von Experten im Landtag. „Wir wissen, dass die Ansteckungen vor allem im privaten Raum stattfinden, wo keiner guckt. Wir erleben die dritte Welle und müssen versuchen, sie so flach wie möglich zu halten, damit kein Tsunami daraus wird“, sagt Barth. Deshalb sollen sich nach ihrer Meinung auch bei einem Sinken der Inzidenzzahlen auf unter 35 pro 100000 Einwohner in den zurückliegenden sieben Tagen zwar wieder zwei Haushalte mit maximal fünf Personen treffen. „Aber auch nicht mehr.“

Öffnungen sollten in überschaubaren Schritten stattfinden.

Helmut Fickenscher, Leiter des Instituts für Infektionsmedizin an der Uni Kiel

Die Abgeordneten zeigen sich betroffen – auch weil die anderen Fachmediziner ebenfalls warnen. Zwar loben auch Jan Rupp von der Uniklinik in Lübeck, Klaus Rabe von der LungenClinic Großhansdorf und Helmut Fickenscher, Leiter des Instituts für Infektionsmedizin an der Uni Kiel, den Entwurf des Perspektivplans der Landesregierung. Aber sie zeigen auch klare Grenzen auf. „Öffnungen sollten in überschaubaren Schritten stattfinden“, sagt Fickenscher. Er plädiert gegen eine gleichzeitige Öffnung von Handel und die Ausweitung privater Kontakte, weil das zu viele Variablen ins Spiel bringe und man deswegen nicht mehr genau bestimmen könne, was die Infektion vorantreibe. Fickenscher ist im Gegensatz zu Rupp auch gegen eine schnelle Öffnung von Hotels und Gaststätten: „Der Tourismus war die Ursache für die zweite Welle.“ Das sieht auch Barth so. Das Problem seien aber vor allem Reisende aus dem Ausland, die das Virus einschleppen. „Da muss noch mehr getan werden.“

Rabe sieht keine Probleme wenn Menschen aus Schleswig-Holstein Urlaub im eigenen Land machen, aber nur wenn die Zahlen stabil bleiben. „Zwar haben wir fallende Fallzahlen, aber wir haben eine Plateau-Phase“, sagt der Lungenfacharzt. Die Zahlen sinken also nicht mehr stabil weiter. „Vorsicht ist geboten.“

Die Ursache für die Ausbrüche in Flensburg waren illegale Silvesterpartys.

Alexandra Barth, Leitende Amtsärztin des Gesundheitsamtes in Neumünster und Vorsitzende des Landesverbandes Schleswig-Holstein der Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst

Alle Experten sehen keine Lösung in massenhaften Anti-Gen-Schnelltests. Die seien zu unsicher. Rupp verweist darauf, dass die Labore bei den zuverlässigeren PCR-Tests nur zur Hälfte ausgelastet seien. Hier gelte es die Kapazitäten besser auszunutzen. Dazu gelte es vor allem die Bewohner und Beschäftigten in Alten- und Pflegeheimen besser zu schützen.

Rupp ist nicht gegen Öffnungen an sich. „Es gibt ein Restrisiko, das wir tragen müssen.“ Denn bei allen Berechnungen sei wichtig, den Faktor Mensch miteinzubeziehen. „Das Schlimmste wäre, dass ein größerer Teil der Bevölkerung nicht mehr mitmacht.“ Deswegen müssten lokale Verschärfungen wie es sie lokal in Flensburg mit Ausgangssperren gebe, die Ausnahme bleiben. Dass solche Maßnahmen gegen die Mutationen des Virus' wirksam sind, davon ist auch Alexandra Barth überzeugt. „Die Ursache für die dortigen Ausbrüche waren illegale Silvesterpartys“, sagt sie. Im privaten Raum gebe es keine Hygienekonzepte, im Gegensatz zu Geschäften. Barth: „Deshalb könnte der Einzelhandel in Schleswig-Holstein aus meiner Sicht sofort geöffnet werden.“

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