Covid-19-Vakzine

Die Lust und der Frust des Impfens

Die Lust und der Frust des Impfens

Die Lust und der Frust des Impfens

Karin Lubowski/shz.de
Lübeck
Zuletzt aktualisiert um:
Mitarbeiter im Impfzentrum bereiten Spritzen mit dem Astrazeneca-Wirkstoff für die Impfung gegen Corona vor. Foto: Robert Michael/dpa

Diesen Artikel vorlesen lassen.

Coronaimpfungen: Die einen blockieren Termine, während andere händeringend auf einen warten.

Covid-19 spaltet die Welt. Mahnungen und Verbote hier, „Querdenken“ und Leugnen da. Auch die Impfstoffe, die aus der Pandemie führen sollen, spalten: in drängelnde Befürworter und Impfgegner, von denen manche – aus Angst, aber auch aus tumber Borniertheit – anderen den Zugang zur Impfung blockieren. Komplett vergessen wird beim Streit um Impfgeschwindigkeit, um Für und Wider, dass überhaupt nur in etwa einem Drittel aller Staaten geimpft wird.

Eigentlich geht es ruhig zu in den 400 deutschen Impfzentren. Wartereihen, so sie denn angesichts der noch immer knappen Impfstoffmengen entstehen, sind geordnet. Wer sich zu einem der begehrten Termine durchtelefoniert oder -geklickt hat, ist so gut wie am Ziel.

Absurde Szenen im Impfzentrum

„Keine besonderen Vorkommnisse“, heißt es beispielsweise aus der Lübecker Musik- und Kongresshalle, die zu einem der 28 Impfzentren in Schleswig-Holstein umgerüstet wurde. Wer dorthin kommt, ist überzeugt vom Nutzen der Maßnahme. Sollte man meinen. Doch es wird auch von solchen Szenen berichtet:

Ein Arzt hat sich einen Termin geben lassen, allerdings nicht, um sich impfen zu lassen; er verlangt vielmehr, dass ihm die Spritze ausgehändigt wird.

Ein Aufsicht führender Soldat wird von einer geimpften Person abgekanzelt, weil dieser keine Auskunft über medizinische Fragen geben kann.

Jemand hat einen Impftermin ergattert, will sich aber offensichtlich nicht impfen lassen, sondern den Termin nutzen, um mit den Ärzten über Sinn und Unsinn dieser Impfung zu diskutieren.

Letzteres komme häufiger vor und verzögere den Ablauf jeweils um zirka eine Stunde – so hat es eine Leserin unserer Zeitung bei ihrem eigenen Impftermin erfahren, als sie mit den dort Diensthabenden ins Gespräch kam.

BKA sieht „abstrakte Gefährdung“ durch Proteste

Gemessen an dem, was das Bundeskriminalamt grundsätzlich als potenzielle Gefährdung von Impfzentren und Impfstoffherstellern ausgemacht hat, erscheinen solche vereinzelten Vorkommnisse harmlos. Aufgrund der „hohen Dynamik und Emotionalität“ beim Thema Corona müsse von einer „abstrakten Gefährdung“ durch Proteste ausgegangen werden, warnten BKA-Experten.

Im vergangenen Jahr hatten sogenannte „Querdenker“ beispielsweise eine – vom Ordnungsamt verhinderte – Demonstration vor der Biontech-Firmenzentrale in Mainz angekündigt. Und doch stellt auch die vermeintlich harmlose Terminblockade in einem norddeutschen Impfzentrum einen Übergriff auf die Entscheidung anderer Menschen dar: Jeder aus Protest vertane Termin nimmt einem anderen Menschen die Chance, geimpft zu werden.

Nicht für andere entscheiden

„Unglaublich“, sagt Petra Nebel aus Geltorf (Schleswig-Flensburg). Die Arzthelferin ist seit sieben Jahren an Krebs erkrankt und „wahrhaftig keine Impffreundin“. Sie könne durchaus nachvollziehen, wenn sich jemand gegen eine Impfung entscheidet; für sich habe sie auch eine Chemotherapie abgelehnt. „Aber man kann solch eine Entscheidung doch immer nur für sich selber treffen“, sagt sie.

In der Pandemie gab es für sie stichhaltige Gründe, über ihren Schatten zu springen:

Meine Schwester war an Corona erkrankt und auch eine Freundin. Für mich stand da die Frage im Raum, was diese Infektion mit mir als Krebskranker macht. Und schließlich war auch die Frage, was mit Blick auf meine Kolleginnen sinnvoll ist.

Petra Nebel

Dass das Vakzin des Herstellers Astrazeneca, das ihr verabreicht wurde, ins Zwielicht geraten würde, war bei ihrer Erstimpfung noch nicht abzusehen, aber: „Ich gehe davon aus, dass ich mich auch ein zweites Mal damit impfen lasse.“

Ärmere Länder fallen beim Impfschutz das zurück

Global betrachtet sind solche Entscheidungen purer Luxus, denn der Plan der Weltgesundheitsorganisation für eine faire globale Verteilung von Corona-Impfungen gilt schon als gescheitert. Die Industriestaaten beanspruchen einen Großteil der Impfdosen für sich, zu Lasten der ärmeren Länder in Afrika oder Lateinamerika, die beim Impfschutz weit zurückfallen.

Nicht einmal in einem Drittel aller Länder der Welt wird überhaupt geimpft. „Bis jetzt haben sich die reichsten 14 Prozent der Weltbevölkerung mehr als die Hälfte der Impfdosen gesichert“, berichtete Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) unlängst zum Thema Impfstoffverteilung. Wenn das so bliebe, sei das nicht nur eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, sondern falle uns auf die Füße.

Amnesty International zitiert eine Recherche der People’s Vaccine Alliance und nennt Staaten, die insgesamt mehr als zwei Millionen Covid-19-Fälle gemeldet haben, darunter Länder wie Kenia, Myanmar, Nigeria, Pakistan und auch die Ukraine, die in diesem Jahr nur ein Zehntel ihrer Bevölkerung impfen können.

Schon jetzt zeigt sich eine gewaltige Diskrepanz: Während in den USA und Europa seit Beginn des Jahres schon viele Millionen Menschen geimpft wurden, sind es auf dem gesamten afrikanischen Kontinent nur wenige Zehntausend.

Amnesty International

Amnesty rechnet weiter vor: „Angesichts begrenzter Produktionskapazitäten sind frei erwerbbare Impfstoffdosen in Milliardenanzahl frühestens wieder 2022 verfügbar. Setzt man für die Immunisierung zwei Impfungen voraus, würden weltweit 15 Milliarden Dosen benötigt.“

Während also die meisten Menschen der Erde in den meisten Ländern der Pandemie mangels Impfstoff, aber auch mangels hygienischer Mittel der Pandemie hilflos ausgeliefert sind, leistet sich die westliche Welt einen Schlagabtausch beispielsweise über „Impfzwang“, von dem bei Entscheidern gar nicht die Rede ist. Das paart sich mit gefährlich fahrlässigen Thesen, die zumeist die der Gesellschaft verordneten Maßnahmen in Frage stellen.

Nach mehr als einem Jahr eingeschränkten Lebens fällt das, befördert durch das unkontrollierbare Medium Internet, auf zunehmend fruchtbaren Boden. Alle haben die Nase voll von Kontakt- und Reisebeschränkungen, von wirtschaftlichen Einbußen und Existenznöten.

Gefährliche Pseudowissenschaften

Wenn dann etwa die deutsche Homöopathie-Organisation Hahnemann-Gesellschaft auf ihrem Corona Newsticker „gute Nachrichten zu Sars-CoV-2 und der Erkrankung Covid-19“ verbreitet, die ganz anders klingen als die Warnungen von Epidemiologen, scheint das allemal geeignet, die aus Bund, Ländern und Gemeinden verordneten Maßnahmen für übertrieben zu halten.

Auch Verschwörungstheoretiker finden hier Futter. So ist im Hahnemannschen Newsticker unter anderem die gefährliche Behauptung „symptomlose Personen sind nicht ansteckend“ zu lesen. Allein darüber stehen Schulmedizinern die Haare zu Berge. „Das ist schlichtweg eine Falschaussage“, mahnte Leif-Erik Sander, der an der Berliner Charité eine Arbeitsgruppe zur Impfstoffentwicklung leitet, im Deutschlandfunk.

Wir wissen ganz gut, dass symptomlose Personen hochansteckend sein können und auch sogenannte Superspreading-Events häufig durch asymptomatische Personen ausgelöst werden.

Leif-Erik Sander

Die Hahnemann-Gesellschaft zweifelt zudem an der Impfung, die „niemals eine Antwort auf eine laufende Pandemie sein“ könne; in Zusammenhang mit Covid-19 ist von „Menschenversuch an gesunden Probanden unter wissenschaftlicher Aufsicht“ die Rede.

Solche Sätze schüren insbesondere bei denen das Misstrauen, die der tonangebenden Schulmedizin ohnehin kritisch gegenüberstehen. Impfen, Intensivbehandlung, künstliche Beatmung, künstliches Koma sind keine Sache der Alternativmediziner – und als Maßnahmen in höchster Not mindestens so beängstigend, wie es die pandemiebedingten Einschränkungen der Grundrechte sind.

Grat zwischen Verschwörungstheorien und Angst ist schmal

Diese Gemengelage birgt ausreichend Stoff sowohl für Kritik wie Aufklärungsbedarf. Insbesondere, was die verfügbaren Impfungen anbelangt, ist dabei der Grat zwischen Verschwörungstheorien und Angst schmal. Hartnäckig halten sich Behauptungen von Impfgegnern, dass ein neuartiger Impfstoff wie der von Biontech entwickelte, genmanipulierend sei und unfruchtbar mache.

Wird über Impfungen und mögliche Schäden zu wenig aufgeklärt? Dieser Meinung ist unter anderem die Oldesloerin Cornelia Steinert, die sich in der „Initiative für Aufklärung und Transparenz“ engagiert. Von ihr stammt auch der Satz, dass sie „in den Knast“ ginge, „wenn dafür die Kinder in diesem Land nicht mehr durch Maskenpflicht und andere Maßnahmen verängstigt würden“.

Das klingt, als habe es die Toten der verheerenden Corona-Ausbrüche von Wuhan, New York, São Paulo, in Spanien und Italien nicht gegeben. Und doch ist nicht jedes „Querdenken“ und längst nicht jede Kritik an den Entscheidungen des Berliner Corona-Kabinetts gleichbedeutend mit einem Leugnen der Pandemie und verdient eine Debatte.

Für Petra Nebel, die sich trotz Befürchtungen vor Nebenwirkungen impfen ließ, ist die Linie klar gezogen. „Jeder muss selbst seinen Weg finden“, sagt sie, „aber andere zu gefährden, weil man Hygienemaßnahmen ablehnt, oder Impftermine blockiert, das geht gar nicht.“

Mehr lesen