SG Flensburg-Handewitt

Selbstversuch: Als Möwen-Maskottchen durch Flensburg

Selbstversuch: Als Möwen-Maskottchen durch Flensburg

Selbstversuch: Als Möwen-Maskottchen durch Flensburg

Kay Müller/shz.de
Flensburg
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KAy Müller als Sigi in Flensburg
Gib mir fünf: Das Maskottchen ist in Flensburg sehr beliebt. Foto: Marcus Dewanger

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Müller macht’s: Unser Reporter Kay Müller geht dahin, wo kaum jemand anders hinkommt – und macht sich zur Möwe Sigi, dem Maskottchen der SG Flensburg-Handewitt.

Der haut tatsächlich ab. Gerade habe ich am Südermarkt in Flensburg einen Mann gefragt, ob es noch was wird mit der Meisterschaft der SG Flensburg-Handewitt an diesem Wochenende – da nimmt der Typ mit dem weißen Hemd und der Aktentasche die Beine in die Hand und ruft: „Neee, ich bin THW-Fan.“

Ich versuche die Verfolgung aufzunehmen, um den falschen Fan zu stellen, aber stolpere fast über meine großen breiten Füße, so dass der Kieler unerkannt im Getümmel verschwinden kann. Statt dessen geht ein waschechter Flensburger an mir vorbei und sagt lapidar: „Deine Büx rutscht, Sigi.“

Denn das bin ich an diesem Tag kurz vor dem Meisterschaftsfinale der Handball-Bundesliga, in dem die SG Flensburg-Handewitt einen Punkt hinter dem Dauerrivalen THW Kiel zurückliegt. Ich will sehen, wie die Stimmung in der Fördestadt ist, und habe mir deshalb in der Geschäftsstelle der SG für die Dauer eines Handballspiels das Maskottchen-Kostüm ausgeliehen – und nun bin ich eben „Sigi“, die Möwe.

2008 erblickte das Maskottchen das Licht der Welt

Ich habe mich vorher bei dem Mann schlau gemacht, der sonst im Sigi-Kostüm steckt: Jan Bielfeldt ist seit 2015 regelmäßig bei Heimspielen dabei, teilt sich den Job mit drei Kollegen. „Als ich das Kostüm das erste Mal bei einem Spiel anhatte, hat man mir nur gesagt: ,Mach einfach, was Du für richtig hältst.‘“ Und den Tipp gibt der 28-Jährige, für den der einstige Studentenjob mittlerweile zur Leidenschaft geworden ist, auch mir.

Ich gehe, also besser: Ich watschle also los in die Fußgängerzone. Fotograf Marcus hat mir geholfen, allein wäre ich nicht in das flauschige Kostüm gekommen, das mit einem Metallbügel auf meinen Schultern sitzt. Ich trage eine enge, geringelte Stoffhose über meiner Jeans und große weiße Flügel an den Händen, die ich innen mit den Fingern festhalten muss, damit sie nicht abfallen.

Riesige Möwenfüße

Die Möwenfüße sitzen wie überdimensionierte Hausschuhe. Ich fühle mich wohler als gedacht, bekomme gut Luft, kann durch ein Netz nur nicht so gut gucken, wie sonst. Ich habe keine Ahnung, wie ich in dem Kostüm aussehe, aber Marcus’ spöttisch verzogenes Gesicht sagt mehr als tausend Worte.

Normalerweise steht Sigi in der „Hölle Nord“, der Halle, in der die SG ihre Heimspiele austrägt. Wegen der Pandemie ist nur eine beschränkte Zahl an Zuschauern zugelassen, und auch Sigi muss leider draußen bleiben. Deshalb stehe ich nun in der Fußgängerzone und versuche kleine Flyer an den Mann oder besser das Kind zu bringen, denn die können sich damit als Einlaufkind bewerben, dass dann an der Hand eines Bundesligaspielers in die Halle darf.

„Bei kleinen Kindern besser nichts sagen, sonst zerstört man deren Illusion, dass die Möwe echt sein könnte.“
Jan Bielfeldt, Maskottchen-Insasse

Gar nicht so leicht, in Sigis dickem Flügel einen Flyer zu halten. Nachdem ich meine Hose ein wenig zurechtgezogen habe, versuche ich mit meiner Werbung auf das erste Kind zuzuwatscheln. Der Junge ist vielleicht drei Jahre alt und schaut ziemlich skeptisch. Seine Eltern klopfen ihm auf die Schultern, wollen ihn ermutigen, den Flyer zu nehmen. „Bei kleinen Kindern besser nichts sagen, sonst zerstört man deren Illusion, dass die Möwe echt sein könnte“, hat mir Jan Bielfeldt vor dem Sigi-Einsatz geraten. Also bleibe ich stumm, gehe etwas ungelenk in die Knie und bleibe zwei Meter vor dem Jungen stehen als sich plötzlich dessen Gesicht verzieht und er zu weinen beginnt.

Unfreiwillige Slapstickeinlage

Das habe ich nicht gewollt, schnell versuche ich den Rückwärtsgang einzulegen und falle dabei fast hin. Aber nicht mal meine unfreiwillige Slapstickeinlage kann ihn aufmuntern. „Der wird jetzt bestimmt kein Einlaufkind mehr“, sage ich mir leise in meinem Kostüm, und mir tritt nicht nur deswegen der Schweiß auf die Stirn. Denn obwohl in Flensburg angenehme 18 Grad herrschen und ich gerade erst eine Viertelstunde Sigi bin, wird mir schon ganz anders. Normalerweise steht das Maskottchen vier bis fünf Stunden in der Halle – mit Pausen zwar, aber immerhin. „Man muss sich das schon ein bisschen einteilen“, hat mit Jan Bielfeldt vorher geraten – jetzt beginne ich zu ahnen, was er meint. „Aber die Leute finden Sigi super“, sagt der eigentliche Kostümträger, „das macht echt Spaß.“

Als ich vor der Holm-Passage Klaus und Heidi treffe, weiß ich, was er meint. Die beiden sind 78 Jahre alt – und seit Jahren eingefleischte SG-Fans. So richtig glauben sie nicht mehr an die Meisterschaft, aber als wir uns ein wenig gegenseitig motiviert haben, schauen wir doch positiv auf das letzte Spiel der Saison gegen Balingen und hoffen insgeheim auf einen Ausrutscher des THW Kiel bei den Rhein-Neckar-Löwen, damit es doch noch klappt mit der Meisterschaft.

Reporter Kay Müller als Sigi
„I believe, I can fly“, dachte unser Reporter Kay Müller – doch leider kann Sigi nicht abheben. Foto: Marcus Dewanger
Dabei habe ich persönlich unter den Nordclubs gar keinen Favoriten, was in Schleswig-Holstein vermutlich nicht so häufig ist. Aber seit ich Sigi bin, muss ich eben die SG vertreten – und die Flensburger machen es mir leicht. So etwa Carl und Martin.
Ganz schön warm da drin, was?
Martin (17)

Die beiden 17-Jährigen gucken mich zwar etwas schräg an, was ich nur erahnen kann, weil meine Brille mittlerweile so beschlagen ist, dass ich durch das Netz unter Sigis Schnabel kaum noch etwas sehen kann. Aber sie greifen bereitwillig zu als ich ihnen meine Flügel hinstrecke. „Ich war auch mal ein Maskottchen – ein Bär“, erzählt Martin. „Ganz schön warm da drin, was?“ Er hat recht, aber ich habe es mir schlimmer vorgestellt. Die fehlende Sicht ist jedenfalls schlimmer. Deshalb bin ich dankbar, dass die beiden Jugendlichen mir über die Straße helfen, schließlich ist Sigi nicht mehr der Jüngste.

Möwe mit eigener Autogrammkarte

2008 wurde das Maskottchen geboren, das bei der SG eine eigene Autogrammkarte hat. „Er ist schon sehr beliebt, vielleicht weil er ein bisschen dicklich und eben einer zum Knuddeln ist“, hat Jan Bielfeldt gesagt. Das merke ich in der Fußgängerzone. Zwei Jugendliche bleiben stehen, die Mädchen wollen ein Selfie mit mir machen. Doch wer ich bin, wissen sie nicht. Erst als ich auf mein Shirt deute und schon mal die Buchstaben „SG“ sage, fragt die eine zögerlich: „Handball?“

Sigi in der Flensburger Innenstadt
Sigi begeistert manch kleinen Fan, aber nicht alle. Foto: Marcus Dewanger

Kein Problem für mich, ich weiß wie ich als Profi sein muss und klatsche die beiden trotzdem ab – es ist der Move, der mir an diesem Tag am besten gelingt. Denn Tanzen oder originelle Performances, wie sie andere Maskottchen drauf haben, bekomme ich irgendwie nicht elegant genug auf das Pflaster der Fußgängerzone.

Luft wird knapper

Als bei mir die zweite Halbzeit anfängt, merke ich, dass ich zwar besser gelernt habe zu laufen, aber die Luft trotzdem knapper wird. In einer Handballhalle wäre das aber sicher schlimmer Die paar Kilo auf den Schultern sind zwar nicht so schwer, aber meine Hose rutscht schon wieder. Bianca stört das nicht. Die Dänin ist nicht mehr ganz allein als sie mit ausgebreiteten Armen auf mich zukommt. „Ich komme aus Sonderburg und bin ein großer Fan von dir, Sigi“, ruft sie.

Hinter ihr auf dem Südermarkt skandieren ein paar leicht angeheiterte Herren „Flensburg-Handewitt“, klatschen einmal lang und viermal schnell – und singen nochmal „Flensburg-Handewitt“. Dass die SG doch noch Meister wird, steht für sie fest. Bianca ist so begeistert von dem Auftritt, dass sie mich herzt. Kein Problem für mich, ich habe ja noch Sigis dicken Schaumstoffbauch zwischen uns. Da merke ich, dass so ein Kostüm auch schützen kann, wenn Fans viel aufdringlicher werden als es Bianca jemals tun wird – obwohl mir Jan Bielfeldt im Vorwege gesagt hat, dass er in seinen sechs Jahren als Sigi praktisch noch nie Probleme hatte.

Kinder oft schüchtern

Dass aber gerade so viele Kinder, denen ich in der Fußgängerzone als Sigi begegne, vor mir Angst haben, lässt mir keine Ruhe. Schließlich ist das doch meine Zielgruppe. „Was mache ich falsch?“, frage ich mich. Vielleicht liegt es daran, dass Sigi keine Mimik zeigen kann oder so groß ist. Ich versuche alles: Spiele den Tollpatsch, versuche zu warten bis die Kinder reagieren oder winke nur aus der Ferne. Die meisten winken allenfalls vorsichtig zurück, bis der kleine Richard vor mir auftaucht. Ich lege noch einen Flyer auf meinen ausgestreckten Flügel – und der Vierjährige greift tatsächlich zu. Ich habe es geschafft, denn ich ernte ein immer breiter werdendes Lächeln.

Reporter Kay Müller als Sigi
Abpfiff: Nach eineinhalb Stunden ist für unseren sichtlich erschöpften Reporter Kay Müller vorerst Schluss mit Sigi. Foto: Marcus Dewanger

Jetzt weiß ich, warum Jan Bielfeldt sagt, dass er den Job aus Leidenschaft macht. Und als für mich nach über einer Stunde der Abpfiff als Sigi kommt, weiß ich, dass ich das noch ein paar Stunden weitermachen könnte – trotz durchgeschwitzter Klamotten ist Sigi-Sein nicht annähernd so strapaziös wie ein Handball-Spiel. Und immerhin habe ich dem THW mit meinem Auftritt ein bisschen Respekt eingeflößt. Zumindest ist einer von denen vor mir weggelaufen – und das kann vermutlich nicht jeder von der SG behaupten.

Infos zu Sigi unter gibt es auf der Mannschaftsseite der SG Flensburg-Handewitt

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