Nørrebro

Spaziergang durch eines der coolsten Viertel der Welt

Spaziergang durch eines der coolsten Viertel der Welt

Spaziergang durch eines der coolsten Viertel der Welt

Nørrebro
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Bunt und multiethnisch geht es auf Nørrebro zu, doch auch laut und zum Teil konfliktreich. Foto: Walter Turnowsky

Das internationale Reisemagazin „Timeout“ hat das Kopenhagener Stadtviertel Nørrebro zu einem der 40 coolsten der Welt erkoren. Der Ortsansässige, Walter Turnowsky, begleitet die Leser des „Nordschleswigers“ durch seinen Kiez.

Der Kopenhagener Pflasterstrand Nørrebro ist auf einer vornehmen Liste gelandet. Wie auch Downtown LA, Bedford-Stuyvesant in New York und Berlin-Wedding gehört es zu den 40 coolsten Stadtvierteln der Welt, zumindest wenn man dem Reisemagazin „Timeout“ Glauben schenken will.

Nørrebro landet an 28. Stelle, denn das multiethnische und vielfältige Stadtviertel würde sich nie so richtig schlafen legen, so die Einschätzung von „Timeout“. Die Gründerin der Dänischen Volkspartei, Pia Kjærsgaard, ist von Nørrebro weniger angetan. Auf Twitter schreibt sie, sie teile nicht die Einschätzung des Reisemagazins.

Doch reden wir nicht lange, begleiten Sie doch einfach den Kopenhagen-Korrespondenten des „Nordschleswigers“ auf einem kleinen Spaziergang. Dieser beginnt auf der Dronning Louises Bro, die die Pforte zum Kiez bildet. Hier beginnt die Nørrebrogade, die sich als zentrale Ader durch das gesamte Viertel zieht. Selbst an einem milden Oktobertag genießen die Menschen auf der Brücke die Sonne. Im Sommer sorgt die eine oder andere Soundbox auch schon mal für Unterhaltung. Der Treff war auch während der Corona-Krise so populär, dass die Polizei ihn zu einem der ersten Risikogebiete erklärte, weil sich zu viele Menschen hier versammelten.

Dronning Louises Bro ist ein beliebter Ort, um in der Sonne zu sitzen und immer wieder auch zum Feiern. Foto: Walter Turnowsky

Die Brücke führt über den Ring von Seen, der die Mittelalterstadt von den „Bro“-Vierteln der Hauptstadt trennt. Einst verlief hier die Wehranlage der Stadt. Heute ist es eine der beliebtesten Flaniermeilen und Jogging-Routen der Kopenhagener. Nachdem wir wohlbehalten über die Brücke gelangt sind, biegen wir, wie viele Einheimische auch, rechts entlang des Peblingesøs ab. Kurz darauf geht es wieder links, und wir gelangen nach einigen Schritten zum Sankt Hans Torv. Seit mehreren Jahrzehnten säumen stadtbekannte Cafés den Platz.

Doch er hat auch eine andere Geschichte. 1993 war er Kulisse der gewalttätigsten Unruhen, die Dänemark seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Nach einer Volksabstimmung zur EU lieferten Autonome sich eine Straßenschlacht mit der Polizei, die derart in Bedrängnis geriet, dass sie die Schusswaffen zog und in die Menge feuerte. 11 Demonstranten wurden von Schüssen getroffen. 80 Beamte wurden verletzt. Den Demonstranten dienten Pflastersteine des Platzes, der damals neu verlegt wurde, als Geschütz.

Diese Plastersteine wurden 1993 von Autonomen als Wurfgeschosse eingesetzt. Foto: Walter Turnowsky

Vom Sankt Hans Torv geht es durch die Elmegade. In der kleinen Straße finden wir nette kleine Geschäfte, wo wir in dem einen oder anderen ein wenig stöbern können. Wir gelangen auf die Nørrebrogade und gehen diese ein Stück stadteinwärts entlang bis wir rechts abbiegen, um auf den Blågårdsplads zu gelangen.

Der Platz ist der Heimatort der berüchtigten und mittlerweile verbotenen kriminellen Bande „Loyal to Familia“. Normalerweise ist der Platz jedoch weitgehend friedlich. Wir treffen spielende Kinder, auf den Bänken genießen Bewohner die Sonne, vor der Eckkneipe sitzen Stammkunden beim Bier. Allerdings ist dort auch eine Gruppe Jugendliche mit Minoritätshintergrund, die sich nicht fotografieren lassen möchten. Aggressiv oder laut sind sie jedoch nicht. Man toleriert sich gegenseitig.

Der Blågårds Plads macht meistens einen ausgesprochen friedlichen Eindruck. Foto: Walter Turnowsky

Nach den bisherigen etwas dramatischen Orten brauchen wir etwas Ruhe. Wir gehen nordwärts am Folkets Park vorbei, wo Familien, aber auch Obdachlose auf den Bänken und im Gras sitzen. Wir gelangen in den Assistens Kirkegaard, der den Kopenhagenern als stille Oase und Park dient. Dass er bis heute als Friedhof genutzt wird, tut dem keinen Abbruch. Wer mag, kann sich hier auf eine Bank setzen und eine eventuell mitgebrachte Stärkung genießen.

Hier trifft man auch bekannte Dänen wie den Märchenautor Hans Christian Andersen, den Philosophen Søren Kierkegaard, den Physiker Niels Bohr und den Autor Dan Turell. Auch die Reggaemusikerin Natasja Saad ist hier beerdigt. Ihr Stil war so überzeugend, dass sie sich sogar in der Heimat des Reggaes, Jamaika, durchsetzen konnte. Tragischerweise ist sie auch dort 2007 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.

Zwei junge Fans am Grab von Natasja Saad. Sie waren noch Kinder als die Sängerin starb. Foto: Walter Turnowsky

Wir gehen die Achse durch den Friedhof und überqueren den Jagtvej, was uns in das äußere Nørrebro bringt. Hier gelangen wir in die Jægersborggade. Einst heruntergekommen, ist sie heute eine der Adressen, die bereits in den Reiseführern verzeichnet sind. Hier finden wir kleine Läden und Existenzgründungen aller Art. Wer noch ein Mitbringsel aus Kopenhagen braucht, kann hier fündig werden. Wer für den Friedhof keinen Verzehr mitgebracht hatte, findet hier reichlich Cafés. Mag man es vornehmer, kann man für den Abend schon einmal einen Tisch beim Michelin-Restaurant „Relæ“ reservieren. Allerdings sollte man sich sputen, denn der Besitzer hat beschlossen, das Restaurant am Ende des Jahres zu schließen.

„Den Cirkulære“ in der Jægersborggade verkauft Sets, mit denen man Pilze im eigenen Kaffeesatz züchten kann. Gleich rechts gibt es Klamotten aus dem Kongo. Foto: Walter Turnowsky

Bis vor wenigen Jahren waren neben den Hipstern auch die Haschhändler in der Straße präsent. Die haben sich jetzt in den Nørrebropark verzogen. Und genau dort gehen wir jetzt hin. Nicht um Hasch zu kaufen, sondern weil sich außer den Dealern auch sonst so gut wie alles, was so auf Nørrebro kreucht und fleucht, dort trifft, spazieren geht und auf dem Rasen niederlässt. Der Park wurde im Verlauf des Sommers unter Jugendlichen so populär, dass die Polizei für die Abendstunden ein Aufenthaltsverbot für Teile des Parks erlassen hat.

Im Nørrebropark herrscht fast rund um die Uhr reges Treiben. Derzeit gibt es jedoch Corona-Maßnahmen. Foto: Walter Turnowsky

Wir gehen durch den Park und überqueren ein weiteres Mal die Nørrebrogade, um auf den Roten Platz zu gelangen. Hier sind wir nun wirklich im multiethnischen Nørrebro. Der Platz wird gerne von Skatern benutzt. Die Gegend um den Platz ist jedoch auch Gebiet der kriminellen Bande „Brothas“, die sich allerdings weitgehend aufgelöst hat. 2017 haben sie einen Konflikt mit „Loyal to Familia“ ausgefochten. In der Gegend kam es zu mehreren Schießerein.

Der Rote Platz ist unter Skatern beliebt. Foto: Walter Turnowsky

Wir gehen über den Roten Platz und gelangen zum Schwarzen Platz, wo sich vor allem Familien mit Kindern aufhalten. Direkt dahinter liegt der als Ghetto ausgewiesene Mjølnerpark. Hier wohnen neben den ehrlichen Bürgern auch die Mitglieder von „Brothas“.

Der Schwarze Platz dient Kindern als Spielplatz. Foto: Walter Turnowsky

Wir bewegen uns nun wieder stadteinwärts die Mimersgade entlang, biegen rechts ab und treffen in der Baldersgade das letzte der einst besetzten Häuser Kopenhagens, „Bumzen“. Die WG wurde als einzig besetztes Haus in den 80er Jahren legalisiert. Bis Anfang des Jahrtausends war Nørrebro Kernzone der autonomen Szene der Hauptstadt. Doch nach der Räumung des „Ungdomshuses“ auf dem Jagdvej 2007 hat sich die Bewegung ziemlich zerstreut.

„Bumzen“ wurde 1986 besetzt. Später hat ein Fonds das Haus gekauft und somit legalisiert. Foto: Walter Turnowsky

Die letzte Station auf unserem Rundgang ist auch ein Ort der jüngeren Geschichte der Stadt, das Café Viking. Es ist eines der klassischen „braunen“ Wirtshäuser der Stadt, wo tägliche Stammkunden wie auch Studenten gerne hingehen. 2012 versuchte ein Mitglied von „Brothas“, Schutzgelder von der Besitzerin Jane Pedersen zu erpressen. Doch da hatte der Lümmel nun wahrlich die Rechnung ohne die Wirtin gemacht. „Mor Jane“ warf ihn hochkant raus, und nachdem ihre Scheiben zu Bruch gegangen waren, trat sie an die Öffentlichkeit.

Menschen jeglichen Alters und jeglicher Herkunft unterstützen die handfeste Wirtin, und es wurde sogar ein mehrtägiges Rockkonzert auf der Straße vor ihrer Kneipe organisiert.

Schutzgelder gibt es bei „Mor Jane“ keine, dafür aber ausreichend Bier. Foto: Walter Turnowsky

Nach diesem Rundgang brauchen wir nun wohl eine Erfrischung. Wer nicht ohnehin gleich bei „Mor Jane“ einkehren möchte, kann eine der Bierbars in der Nähe aufsuchen. Unter anderem hat die mittlerweile weltweit agierende Craft Beer Brauerei „Mikkeller“ hier eine Bar. Wer eher einen Geheimtipp sucht, kann ins „Brewers Inc“ gehen, das der Hobbybrauer-Szene entsprungen ist. Auf der häufig wechselnden Kreidetafel gibt es eigene Produkte, Biere von kleinen Brauereien und Hobbybrauern. Wer Heimweh nach Nordschleswig hat, kann in diesen Wochen sogar ein Bier genießen, das Brauer Erik Helvard eigens für den Münchnermalz der Mälzerei Fuglsang entwickelt hat. Er habe darauf gesetzt, dass wirklich das Malz zur Geltung kommt, erzählt er.

Brauer Erik Helvard schenkt ein belgisches Ale ein, das er eigens für Malz von Fuglsang entwickelt hat. Foto: Walter Turnowsky

Ein langer Tag neigt sich dem Ende zu. Wer noch Kräfte hat, kann die Nørrebrogade stadteinwärts wandern und irgendwo ein Restaurant finden. Authentischer wäre allerdings, einen Kebab zu kaufen, sich auf eine Bank zu setzen und das nørrebrosche Abendleben an sich vorbeiziehen zu lassen.

Zu nächsten Kebab-Bude ist es auf der Nørrebrogade nie weit. Daher werden in der Straße auch die dänischen Kebab-Meisterschaften ausgetragen. Foto: Walter Turnowsky
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Leitartikel

Walter Turnowsky
Walter Turnowsky Korrespondent in Kopenhagen
„Legal, illegal, …“