Corona-Folgen

Der Shutdown macht die Psyche krank

Der Shutdown macht die Psyche krank

Der Shutdown macht die Psyche krank

Kopenhagen
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An der psychiatrischen Akutabteilung am Bispebjerg Hospital häufen sich die Fälle. Foto: Torben Åndahl / Ritzau Scanpix

Der Druck auf die psychiatrischen Stationen steigt. Eine Oberärztin fordert, das Prinzip der Vorsicht beim Umgang mit der Corona-Krise umzukehren.

In einer Chronik in „Berlingske“ schlägt die leitende Oberärztin der psychiatrischen Akutabteilung für Kopenhagen, Inger Ros, Alarm. Immer mehr Menschen bräuchten akut psychiatrische Hilfe. Der Shutdown habe sie krank gemacht.

Einige der Patienten seien bereits bekannt und erlebten eine Verschlechterung ihres Zustandes, andere seien neu erkrankt.

„Es zeigt sich eine breite Palette von Erkrankungen, Problemen und Symptomen, die ein akutes Eingreifen notwendig machen“, schreibt Ros.

Der Psychologenverband bestätigt die Tendenz. So verzeichnen die privat praktizierenden Psychologen einen Anstieg von 36 Prozent bei den Behandlungen von Angstzuständen im Vergleich zum Vorjahr („Der Nordschleswiger“) berichtete.

Beim Verband für psychisch Erkrankte und Angehörige, Sind, sieht man ebenfalls diese Entwicklung.

„Durch die Krise verschlimmern sich die Symptome bei jenen, die schon krank sind, aber es werden auch bislang gesunde Menschen krank“, sagt der Sind-Vorsitzende Knud Kristensen dem „Nordschleswiger“.

Viele bitten zu spät um Hilfe

Auch schleppen sie die Probleme häufig länger mit sich rum, bevor sie die Psychiatrie aufsuchen. Teils wollen viele den Krankenhäusern während der Epidemie nicht zur Last fallen, und teils haben gerade psychisch verwundbare Menschen Angst vor einer Ansteckung.

Doch auch die Isolation der Menschen spielt eine entscheidende Rolle.

„Häufig ist der- oder diejenige, die erkrankt, ja die Letzte, die es merkt. Oft machen Bekannte oder Kollegen darauf aufmerksam“, erläutert Kristensen.

Dadurch, dass die Patienten später in Behandlung kommen, werde der Verlauf schwerer. Dieses Problem bestätigt auch Oberärztin Ros, die auf eine weitere Tatsache hinweist. Viele der Angebote und Hilfen für psychisch Erkrankte seien ebenfalls coronabedingt zurückgefahren oder ganz geschlossen worden.

„Wir haben an der Akutstation mit Entsetzen (med rædsel) eine Schließung nach der anderen beobachtet. Wir haben mehrfach Personen empfangen, die wochenlang schon im Bett gelegen und sich monatelang nicht gewaschen haben“, beschreibt sie die Folgen, wenn Heimhilfen bei psychisch Kranken nicht mehr erscheinen.

Sind fordert, man müsse der Psychiatrie jetzt mehr Ressourcen zukommen lassen.

„Wir haben ja in der Corona-Krise gesehen, wie schnell man das Gesundheitssystem umstellen kann. Dies sollte nun zugunsten der Psychiatrie geschehen“, meint Kristensen.

Prinzip umkehren

Er lobt jedoch, dass Behörden und Regierung auf den Pressekonferenzen nun deutlich darauf hinweisen, dass man, trotz Corona, bei anderen Leiden den Arzt oder das Krankenhaus aufsuchen sollte.

Ros will die Situation noch radikaler angehen. Sie meint, das Prinzip der Vorsicht gegenüber der Epidemie sei im Frühling berechtigt gewesen. Nun aber müsse es um 180 Grad gedreht werden, sodass man Vorsicht vor allem gegenüber jenen walten lasse, die unter der Corona-Krise leiden.

Regierung und Experten würden von einer sicheren Warte aus sagen, wir müssten nur noch „ein wenig durchhalten“.

„Wenn diese Experten nur ein wenig darüber wüssten, was diese verwundbaren Menschen durchmachen, würden sie wissen, dass für sie ‚ein wenig durchhalten‘ bereits vor Monaten überschritten wurde“, so die Oberärztin.

Hast du oder ein Angehöriger von dir psychiatrische Hilfe nötig, kannst du dich rund um die Uhr an diese Adresse wenden: Fælles Akutmodtagelse Aabenraa, Tel. 99 44 56 59, Kresten Philipsens Vej 15 (ab 20 Jahre).

Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre: Psykiatrisk Akutmodtagelse Esbjerg, Gl. Vardevej 101, Esbjerg, Telefon 99 44 67 00 (bis 18 Uhr wird auf die nächste Kinder- und Jugendspsychiatrie verwiesen.).

Der Sozialdienst Nordschleswig bietet telefonische Hilfe an:

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