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Fleischindustrie: Was Dänemark besser macht als Deutschland

Fleischindustrie: Was Dänemark besser macht als Deutschland

Fleischindustrie: Was Dänemark besser macht als Deutschland

André Anwar/shz.de
Kopenhagen
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Dänische Schlachthöfe sind von großen Corona-Ausbrüchen bisher verschont geblieben. Foto: Christoffer Askman/Ritzau Scanpix

In dänischen Fleischfabriken gab es noch keine Corona-Ausbrüche. Was sind die Gründe dafür?

In Dänemark leben ungefähr doppelt so viele Schweine wie Menschen. Das Land gehört neben Deutschland zu den größten Schweinefleischproduzenten Europas. „Die riesigen Schlachthöfe sind mit denen in Deutschland vergleichbar“, sagt Jim Jensen, Vizechef der Gewerkschaft NNF unserer Redaktion. Trotzdem ist es auf dänischen Schweinefleischschlachthöfen nicht zu so dramatischen Covid-19-Ausbrüchen gekommen wie nun in Deutschland. Woran liegt das?

Das habe mehrere Gründe, glaubt Jensen. Im gnadenlosen Wettkampf um immer niedrigere Kosten, gerade auch beim Lohn und der sozialen Absicherung etwa im Krankheitsfall, habe Dänemark nach Angaben der Gewerkschaft NFF in den letzten 15 bis 20 Jahren rund 4000 bis 5000 Arbeitsplätze an Deutschland verloren.

Fleischindustrie in Dänemark: Stundenlöhne von 25 Euro

„Die Deutschen haben uns auskonkurriert sozusagen, sie haben die Kosten soweit gesenkt, unter anderem beim Lohn, sodass wir nicht mithalten konnten“, sagt der Vize-Gewerkschaftschef unserer Redaktion. Dafür sei die Fleischindustrie in Dänemark sozial ausgewogener. Die Stundenlöhne von 25 Euro gehören in der Branchen zu den höchsten in Europa.

„Wir haben Tarifverträge in der gesamten Schweinefleischindustrie, an der sich fast 100 Prozent der Firmen orientieren. Im Vergleich zu Deutschland, wo die Lage viel schwieriger für Gewerkschaften ist, haben wir noch immer sehr gute Arbeitsbedingungen“, sagt Jensen.

Krankschreibung als wichtigste Anti-Corona-Maßnahme

Schwarzarbeit, Scheinselbstständigkeit mit Werkverträgen und Subunternehmen in Osteuropa gebe es in Dänemark nicht. All das sei "sehr gut geregelt und kontrolliert". Jensen spricht im Vergleich zu Deutschland von einem hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad in Dänemark. Die Arbeiter in den Fleischfirmen seien direkt angestellt. „Unsere Kollegen von der deutschen Gewerkschaft kommen ja an die Mitarbeiter kaum ran. Die sind ja oft in Osteuropa angestellt, und haben mehr oder weniger ein Verbot mit der deutschen Gewerkschaft überhaupt zu sprechen. Wenn sie das tun, werden sie gefeuert.“

Die wichtigste Anti-Corona-Maßnahme auf dänischen Schlachthöfen sei gewesen, „dass die Arbeitnehmer sich mit Lohnfortzahlung krankschreiben konnten, ohne Angst vor der Kündigung haben zu müssen“, sagt Jensen.

„Ich glaube die Kollegen, die in Deutschland arbeiten, haben große Angst ihren Job zu verlieren, wenn sie sich krankschreiben", so der Vizechef der Gewerkschaft NNF.

Bessere Unterkünfte für dänische Arbeiter?

„Wir haben auch viele Nationalitäten, aber alle arbeiten mit einem Tarifvertrag. Grob geschätzt sind die meisten Dänen mit etwa 70 Prozent, gefolgt von Polen mit 15 Prozent und dann haben wir zwischen 5 bis 10 Prozent deutsche Gastarbeiter. Auch Rumänen und Bulgaren gibt es.“

Ein weiterer wichtiger Punkt seien bessere Unterkünfte für dänische Fleischarbeiter. Mit den Unterbringungen der Arbeiter seien aber nicht die Unternehmen beschäftigt. Als direkter Angestellter bei einer dänischen Fleischfirma sei man nicht verpflichtet, "mit vielen anderen in irgendeiner Baracke zu wohnen". Auch einen Lohnabzug gebe es nicht. Nach Jensens Eindruck wohnten die Gastarbeiter in Deutschland "beengter", sie müssten sich teilweise das gleiche Bett teilen und in unterschiedlichen Schichten arbeiten. Anders in Dänemark. Die maximale Anzahl an Arbeitsstunden betrage pro Tag 7,4 Stunden. "Arbeitnehmer haben dann mehr Freizeit und wollen besser wohnen, als wenn sie nur zum Schlafen nach Hause kommen", meint Jensen.

Hohe Hygienestandards

Ein weiterer Punkt seien die hohen dänischen Hygienestandards, die es schon vor der Coronakrise gegeben habe. Seitdem sei der Abstand zwischen den Arbeitern vergrößert, einige seien auch mit Plastikvorhängen voneinander isoliert worden. Auch die Pausen sei gestaffelt worden, sodass lediglich wenige Mitarbeiter in einem größeren Raum zusammen kamen. Statt Buffets wurden in den Kantinen Portionen auf Tellern ausgegeben.

„In Deutschland sind vermutlich einige oder mehrere ungünstige Faktoren zusammengekommen und haben zu den Ausbrüchen geführt. Ich denke vor allem die Angst der Mitarbeiter vor Lohnausfall und Kündigung im Krankheitsfall ist eines der wichtigsten Probleme in Deutschland“, so Jensen.

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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Eine Stimme für die Tiere“