Leitartikel

„Wettbewerbsfähigkeit nur durch Dumpinglöhne? Dänemark beweist das Gegenteil“

Wettbewerbsfähigkeit nur durch Dumpinglöhne? Dänemark beweist das Gegenteil

Wettbewerbsfähig durch Dumpinglöhne? Dänemarks anderer Weg

Apenrade/Aabenraa
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Weltmeister in Sachen Konkurrenzpotenzial – und zugleich ein ausgeprägtes soziales Netz: Dänemarks Nachhaltigkeitsstrategie zahlt sich aus. Weshalb die Wirtschaft hierzulande dennoch unzufrieden ist? Weil das Teil des dänischen Erfolgsmodells ist, meint Cornelius von Tiedemann.

Dänemark ist jüngst zur wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaft der Welt gekürt worden.

Dänemark, das Land mit dem angeblich so unerträglichen „Steuerdruck“, den nicht konkurrenzfähig hohen Sozialabgaben und dem viel zu großzügigen sozialen Netz, hat es irgendwie auf die Nummer 1 der Rangliste geschafft, die ein Schweizer Wirtschaftsinstitut (IMD) seit den 1990er Jahren führt.

Als Gründe, weshalb Dänemark im globalen Wettbewerb besser dasteht als jedes andere der 63 untersuchten Länder (Deutschland verharrt auf Rang 15), führen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an, dass das kleine Land sich aggressiv als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit positioniert habe.

Überdies liegt Dänemark aber auch in anderen Bereichen ganz oder fast ganz vorne. Verwaltung und Gesetzgebung, Produktivität und Effizienz sowie die Praxis in der Unternehmensführung werden ebenso hervorgehoben wie politische Maßnahmen und die Volksgesundheit.

Keine Frage also, dass sich die Arbeitgeber- und Wirtschaftslobby in Dänemark freut und den Erfolg des dänischen Modells zum Anlass nimmt, der Welt zu sagen: „Seht her, es funktioniert! Wettbewerbsfähigkeit der Spitzenklasse lässt sich wunderbar mit dem Streben nach sozialer Gerechtigkeit und größtmöglicher Zufriedenheit aller in der Gemeinschaft herstellen! Ja, es scheint sogar fast so, als profitiere die Wirtschaftsnation Dänemark davon, dass die Menschen sich sicher und abgesichert fühlen, dass sie auch finanziell wertgeschätzt werden und dass das Zusammenspiel von Wirtschaft und Gesellschaft als Geben und Nehmen zum Vorteil aller aufgefasst wird!“

Doch, Moment. Was ist das? Allan Sørensen, Chefvolkswirt des Arbeitgeberverbandes Dansk Industri, sagt im Hausblatt des Verbandes, dass Dänemark weiter reformiert werden müsse.

Spricht er sich etwa dafür aus, den dänischen Weg noch konsequenter zu gehen? Das, was Dänemark auszeichnet, noch deutlicher zu unterstreichen? Noch mehr auf Nachhaltigkeit zu setzen, nicht nur bei den Produkten, sondern auch gesellschaftlich? Fordert er, dass wir uns auf eine Zukunft vorbereiten, in der ganz andere Dinge, andere Arbeitsweisen, anderes Wissen für eine Informationsgesellschaft wichtig sein werden? Will er den Bildungs-Boost und Milliardeninvestitionen in die Hochschulen und Berufsschulen, Gymnasien, Volksschulen und Kindergärten?

Nein. Sørensen will die „hohen Steuern und Gebühren senken und den Zugang zu Arbeitskräften verbessern“. Womit auch gemeint sein dürfte, dass Arbeitslose und Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger noch mehr unter Druck gesetzt werden sollen, auch schlecht bezahlte Arbeit anzunehmen und sich im Sinne der aktuellen Anforderungen der Wirtschaft fortzubilden.

Das ist natürlich auch eine Taktik. Eine allerdings, die ganz viele der 62 Länder, die in dem Ranking hinter Weltmeister Dänemark liegen, bereits erfolglos praktizieren.

Nun, es ist Sørensens Job, die Interessen der Arbeitgebenden zu propagieren. Dass die sich nicht immer mit den Interessen der Volkswirtschaft oder der Gesellschaft insgesamt decken, müssen wir uns dazu denken. Dass es in Dänemark so gut läuft, liegt nämlich auch daran, dass hierzulande unüberwindbare Gegensätze ganz oft in konstruktive Kompromisse umgewandelt werden.

Das ist schließlich auch Teil des weltmeisterlichen dänischen Modells. Und zu dem gehören eben auch die Arbeitgeberverbände, die die Politik und die Gewerkschaften mit ihren Kommentaren dazu reizen, sich einmal mehr für jenen fortschrittlichen Ausgleich einzusetzen, der Dänemark zu einer der glücklichsten und zugleich wettbewerbsfähigsten Gesellschaften der Welt macht.

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