Leitartikel

„Ungesunde Politik“

Ungesunde Politik

Ungesunde Politik

Kopenhagen
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Zehn Folketingsmitglieder sind in dieser Legislaturperiode bereits an der Ausübung ihrer Aufgabe erkrankt. Soll die Politik gesunden, müssen alle dazu beitragen, meint Walter Turnowsky.

Wenn man den Chef der Liberalen Allianz, Alex Vanopslagh, auf den Gängen von Christiansborg sieht, hat er häufig ein Lächeln auf den Lippen, tauscht mit Kollegen oder Journalisten muntere Bemerkungen aus. Seine Redebeiträge im Folketingssaal sind meist voller Witz, zum Teil auch beißender Ironie.

Der damals 27-Jährige hatte die Führung der Partei nach dem Wahldebakel von 2019 übernommen und strahlt mit viel Energie aus, dass er sie wieder auf den richtigen Kurs bringen wird.

Oder besser gesagt: So war es bis zum vergangenen Jahr. Am 13. Januar dieses Jahres schrieb er, dass er seit einem halben Jahr an Stress leidet. Er müsse nun eine Zeit lang kürzertreten, Aufgaben beiseiteschieben. Mittlerweile hat er sich weitgehend erholt.

Die Chefin von Radikale Venstre, Sofie Carsten Nielsen, griff das Thema in ihrer in nachdenklichem Ton gehaltenen Rede bei der Abschlussdebatte im Folketing auf und nannte konkret Vanopslagh.

Oberfläche statt Substanz

Sie wies darauf hin, dass seit den Wahlen 2019 bisher insgesamt zehn Politiker und Politikerinnen aufgrund ihrer Arbeit krankgeschrieben worden sind. Ihre Schlussfolgerung: Auf Christiansborg liegt etwas im Argen.

Man kann ihr in diesem Punkt nur beipflichten. Es darf nicht sein, dass Politik in diesem Ausmaß krank macht.

Hohes Tempo, viele Verhandlungen und zu viel Unwichtiges, das zu viel Raum einnimmt, gehören zu den Ursachen.

Die Frage, was dagegen getan werden kann, ist so wichtig, wie sie schwer zu beantworten ist.

Sie ist wichtig, weil ein System, das krank macht, selbst krank ist. Nicht gerade beruhigend, wenn man bedenkt, dass auf Christiansborg eigentlich die wichtigen Probleme unserer Gesellschaft angegangen werden sollten.

Carsten Nielsen hat keine ganz schlüssige Antwort, außer dass die Parteien – ein wenig polemisch gesagt – sich mit den Themen befassen sollten, die Radikale Venstre wichtig finden.

Richtig ist, dass man sich mehr auf Inhalte, auf das tatsächliche Lösen von Problemen statt auf Symbolpolitik konzentrieren sollte. Fraglich ist jedoch, ob die Parteien, selbst wenn sie es wollten, so etwas umsetzen können.

Rolle der Medien

Denn es sind ja nicht nur die Politiker, auf die es immer leicht ist zu schimpfen.

Wir, die Medien („Der Nordschleswiger“ qua seiner Größe vielleicht weniger als andere), tragen gehörig zu dieser Oberflächlichkeit bei. Schnelle Kommentare und das Schüren von Konflikten sind Alltag der politischen Berichterstattung.

Der ehemalige politische Redakteur von „TV2 News“, Anders Langballe, hat dies in seinem Buch „Forfra“ eindrücklich beschrieben. Stress, übergroße Arbeitsbelastung und interne Konflikte haben bei ihm zu zwei Blutgerinnseln im Gehirn geführt. Heute sieht er seinen ehemaligen Job ausgesprochen kritisch.

Journalisten könnten durchaus in viel höherem Maß nach Lösungen fragen, statt sich mit oberflächlichen, wenn auch zitierfähigen Sätzen zufriedenzustellen. Was trägt dieser oder jener Vorschlag tatsächlich zur Lösung eines Problems bei, ist eine Frage, die allzu häufig nicht gestellt wird.

Das bedeutet nicht, weniger kritisch sein, sondern eher mehr.

Und du?

Doch auch jede einzelne Bürgerin und jeder einzelne Bürger trägt sein kleines Scherflein an Verantwortung. Denn wenn vor allem über Konflikte und politische Prozesse berichtet wird, geschieht dies, weil es gefällt, Klicks und Quote bringt.

Auch als Bürger darf man gerne mehr von seinen Politikern verlangen; mehr Substanz und weniger Hektik. Wer sich damit begnügt, auf „die Politiker“ zu schimpfen, ist letztlich zu faul, sich für die Demokratie zu engagieren.

Wie wäre es zum Beispiel damit, einem lokalen Folketingsmitglied mit einem durchdachten Anliegen zu schreiben?

So können alle, Politiker, Medien und Bürger ein wenig dazu beitragen, die Politik zum Wohle des Landes gesünder zu machen.

Selbstverständlich wird das nicht über Nacht das Problem lösen. Aber darum geht es ja gerade: Wir müssen uns vom Aberglauben an die einfachen Lösungen verabschieden.

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Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
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