Leitartikel

„Olympia: Gibt es die richtigen Spiele im falschen Land?“

Olympia: Gibt es die richtigen Spiele im falschen Land?

Olympia: Gibt es die richtigen Spiele im falschen Land?

Apenrade/Aabenraa
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Dänemarks diplomatischer Boykott der Winterspiele: Meint die Regierung es ernst? In China ist von einer coronabedingten Absage aus Kopenhagen die Rede. Es steht viel auf dem Spiel – vielleicht mehr als die Regierung sich aufbürden möchte, meint Cornelius von Tiedemann.

Dänemark gehört zu jenen Ländern, die die Olympischen Winterspiele in Peking zumindest diplomatisch boykottieren wollen. Oder etwa doch nicht? Inzwischen werden Zweifel daran laut, wie kritisch die dänische Regierung ihr Fernbleiben nach Peking kommuniziert hat.

Kein Wunder. Die chinesische Führung hat bereits vor dem Kopenhagener Entschluss den Boykott anderer Länder als „Fehlverhalten“ eingestuft, für das ein Preis zu zahlen sein werde.

Welcher das sein wird, ist noch nicht bekannt.

Doch es ist ziemlich sicher, dass es um wirtschaftliche Folgen gehen wird. Um Handel, um Aufträge und Zugänge zum chinesischen Markt und um Zugriffe auf die begehrten Produkte der chinesischen Industrie.

China ist die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, nicht mehr allzu weit hinter den USA – und inzwischen fast so groß wie die Verfolger Japan, Deutschland, Großbritannien und Indien zusammen – und mit dem zehnfachen Brutto-Inlandsprodukt (BIP) Russlands.

Das BIP pro Kopf liegt dabei in China noch bei fast einem Sechstel von dem in den USA (oder Dänemark). Es gibt also noch immer enormes Potenzial. Heißt: Es sich mit China zu verspielen bedeutet, auf fantastische ökonomische Möglichkeiten zu verzichten.

Gerade ein kleines Land wie Dänemark, das China zugleich nicht zuletzt in Nordschleswig einiges an Zukunftstechnologie zu bieten hat, geht hier einen schwindelerregenden Balanceakt.

Ist es also ein mutiger Schritt, wenn Dänemarks Regierung an der chinesischen Vorzeige-Veranstaltung in und um Peking nicht teilnimmt – es also kein Händeschütteln und In-die-Kamera-Winken mit den Mächtigen geben wird?

Dazu gibt es geteilte Meinungen.

Als Grund für den Boykott nannten mehrere Länder die Menschenrechtslage in China. Die Volksrepublik steht wegen ihres haarsträubenden Umgangs mit Minderheiten wie Uiguren und Tibetern in der Kritik – und auch dafür, dass sie die Demokratiebewegung in Hongkong unterdrückt und Taiwan massiv bedroht.

Jan Diedrichsen umreißt die Situation für die Minderheiten in China und kommentiert das Vorgehen der chinesischen Machthaber in seiner Kolumne „VOICES – Minderheiten weltweit“ im „Nordschleswiger“ aktuell eindrücklich.

An dieser Stelle blicken wir deshalb nicht so sehr nach China – sondern bleiben in Dänemark.

Bei näherer Betrachtung erweist sich der sogenannte dänische diplomatische Boykott nämlich als weit weniger eindeutig, als zunächst berichtet wurde. Das schreibt zum Beispiel der Experte für Außenpolitik und Diplomatie am Dänischen Institut für Internationale Studien (DIIS), Andreas Bøje Forsby, in einem Kommentar.

Er nennt Beispiele dafür, auf welch dünnem Eis die dänische Regierung sich wägt.

Als etwa „Berlingske“ sich an den dänischen Außenminister wandte, wollte der – trotz zahlreicher Bitten – nicht einmal den Begriff Boykott verwenden, um die Entscheidung der Regierung zu beschreiben, den Olympischen Winterspielen fernzubleiben. Der Außenminister vermied es sogar, die Menschenrechtslage als Hauptgrund für die Entscheidung zu nennen.

„Die Entscheidung wurde auf der Grundlage einer Gesamtbewertung getroffen, in die mehrere Erwägungen eingeflossen sind“, sagte Kofod, fügte aber hinzu: „Es ist klar, dass uns die Menschenrechte am Herzen liegen.“

Ein klares Signal an Peking und an die unterdrückten Minderheiten sieht anders aus.

Inzwischen hat der Außenminister selbst einen Tweet von seinem Twitter-Profil vom Freitag entfernt, in dem er den „diplomatischen Boykott“ gegenüber „Politiken“ kommentierte, und auch vom Außenministerium ist keine offizielle Stellungnahme zu finden.

„Halbherzig“ ist also noch ein etwas übertriebener Ausdruck für das, was die Regierung nach Peking signalisiert. Und das wahrscheinlich auch nur deshalb, weil die Stimmung im Folketing heute deutlich chinakritischer ist, als sie es noch vor einigen Jahren war.

Dänemarks Regierung vermeidet es, den Eindruck zu erwecken, sie habe sich im Brustton der Überzeugung den boykottierenden Ländern angeschlossen. Entsprechend berichten regierungstreue chinesische Medien denn auch, dass es sich um eine coronabedingte Absage handele.

Ein Schelm, wer denkt, dass die Regierung diesen Aspekt in ihrer in Dänemark allgemein als mutig begrüßten Absage an Peking deutlich stärker betont haben könnte als die Menschenrechte, die Dänemarks Regierung selbstverständlich ganz allgemein „am Herzen liegen“.

Doch auch wenn das stimmt, wird eine zähneklappernde Absage die inzwischen recht unterkühlten dänisch-chinesischen Beziehungen auch nicht mehr entscheidend aufwärmen oder abkühlen.

Warum dann also nicht gleich die Karten offen auf den Tisch legen und ein klares „Da machen wir nicht mit!“ nach Peking schicken?

Schließlich wissen wir dank Adorno: Ein richtiges Leben im falschen gibt es nicht.

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