Leitartikel

„Dank an Uffe Ellemann-Jensen“

Dank an Uffe Ellemann-Jensen

Dank an Uffe Ellemann-Jensen

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:

Der ehemalige Chefredakteur des „Nordschleswiger“, Siegfried Matlok erinnert an Uffe Ellemann-Jensen, der in der Nacht zu Sonntag verstarb.

An seinem 51. Hochzeitstag starb der frühere Außenminister Uffe Ellemann-Jensen im Alter von 80 Jahren. Er litt seit 2011 an Krebs, doch noch in seinen letzten Tagen versicherte er, mit seinem Leben zufrieden zu sein und dass er „nichts mehr zugute habe“. Ellemann hinterlässt seine Frau Alice und vier Kinder, darunter zwei, die politisch tätig sind, wobei Sohn Jakob als Venstre-Vorsitzender bereits in die großen Fußstapfen seines Vaters getreten ist.

Mit Uffe Ellemann geht einer der ganz Großen, die die dänische Politik weichenstellend geprägt haben, von Bord. Er war von 1984 bis 1998 Parteivorsitzender von Venstre, und von 1982 bis 1993 dänischer Außenminister. Ellemann, der als Journalist seine Laufbahn begann, gelang es, die bäuerliche Venstre in eine auch modern-städtisch-liberale Partei zu verwandeln. Ihm fehlten 1998 nur 186 Stimmen auf den Färöern zum Sprung ins Staatsministerium.

Spöttisch wurde über ihn gesagt, „er sei der beste Staatsminister, den Dänemark nie bekommen hat“. Da steckt wohl auch etwas Wahrheit drin, denn das Erfolgsgeheimnis der bürgerlichen Regierung in den 80er Jahren bestand aus der konsensualen Führungskraft des Konservativen Poul Schlüter und dem visionären internationalen Engagement seines jüngeren Außenministers, dem sein Amt mit Fortdauer eher auf den Leib geschnitten war als das oft mühevolle Christiansborgsche Tagesgeschäft einer Minderheits-Regierung. Beide waren für Dänemark ein Glücksfall; jeder für sich!

Ellemann hat berichtet, wie er als junger Soldat in Alarmbereitschaft gesetzt wurde, als die DDR 1961 die Berliner Mauer errichtete. Jahrzehnte später erlebte er Glücksgefühle, als er 1990 – verspätet nach einer schweren Operation, mit Halskrause und am Stock gehend – vor der nun niedergerissenen Berliner Mauer stand. Es waren und wurden Sternstunden gerade für Uffe, der innenpolitisch vom Parlament insgesamt 80 „Næser“ – „Ehren-Nasen“, wie er sie nannte – hinnehmen musste, der aber den richtigen Riecher hatte in der Frage deutsche Einheit, wo er von Anfang an – jedenfalls deutlicher als sein Regierungschef – für das Recht der Deutschen auf Wiedervereinigung eintrat.

Über die Jahre entwickelte sich eine besonders enge Freundschaft mit Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, der ihm gegenüber wenige Wochen vor dem Mauer-Fall eine deutsche Einheit noch in weiter Ferne sah. Ellemann hatte sich auch in Bonn großen Respekt erworben, weil er den Doppelbeschluss der Nato im Folketing durchsetzte, obwohl er eine Abstimmungsniederlage nach der anderen in der Sicherheitspolitik mit den parlamentarischen Rügen (dänisch „Næse“) zähneknirschend und widerwillig hinnehmen musste.

Die „Fußnotenpolitik“, die ihm von der sozialdemokratisch geführten Opposition aufgezwungen wurde, änderte jedoch nichts an seiner klaren Haltung. Und auch hier bewährte sich der Glücksfall Schlüter-Ellemann: Schlüter schrieb keine Neuwahlen aus und konnte seine ökonomische Sanierungspolitik fortsetzen – ebenso wie Ellemann seinen Pro-Nato-Kurs. 1989/1990 nutzte Ellemann das Startfenster, um auch ein persönliches Anliegen zu realisieren: Als erstes Land nahm Dänemark diplomatische Beziehungen zu den nun unabhängigen baltischen Staaten auf, das ging anderen westlichen Hauptstädten zwar zu hastig, doch Ellemanns Alleingang/Einsatz für Estland, Lettland und Litauen bleibt unvergessen; nicht nur durch die vielen neugeborenen Jungen, die dort auf den Namen Uffe getauft wurden.

Nach den schweren Konflikten um die Nato-Mitgliedschaft standen in den Jahren danach EU-Herausforderungen im Vordergrund für den Außenminister, der sich stets als großer Europäer „outete“ – nicht nur mit seinen blauen EU-Sternchen-Strümpfen. Dass die EU-skeptischen Dänen den Maastrichter Vertrag 1992 bei einer Volksabstimmung ablehnten, diese Niederlage schmerzte ihn auch persönlich, wobei der Außenminister mit seinen europäischen Visionen damals viel weiter ging als die Akzeptanz in der dänischen Bevölkerung. Nun war sogar Dänemarks EU-Mitgliedschaft bedroht, und in dieser Situation war es der SF-Vorsitzende Holger K. Nielsen, der – obwohl er das Nein gerade herbeigeführt hatte – mit einem nationalen Kompromiss der Regierung Schlüter-Ellemann einen trag- und mehrheitsfähigen Ausweg anbot.

Auf dem EU-Gipfel in Edinburgh sorgte der stets rhetorisch elegant-wortgewaltige Ellemann mit seinem Spruch „If You can't join them, beat them“ für internationales Aufsehen – just vor dem EM-Finale im Fußball zwischen Deutschland und Dänemark – für internationales Aufsehen. Dänemark gewann sensationell 2:0, und Ellemann hat später berichtet, dass Bundeskanzler Kohl schlechte Miene zum bösen Spiel zeigte, als Nebenmann Uffe während des EU-Gipfels über den dänischen Führungstreffer jubelte. Aber am Ende war entscheidend, dass Kohl und Genscher die Edinburgher Vorbehalte zugunsten Dänemarks durchsetzten, zweifelsohne auch ein Verdienst des über Jahre entstandenen Vertrauens zwischen Kohl/Genscher und Schlüter/Ellemann.

Kurz danach trat die Regierung Schlüter-Ellemann zurück, und Schlüter übergab 1993 das Staatsministerium an den Sozialdemokraten Nyrup, was vorübergehend auch die persönliche Chemie zwischen Schlüter und Ellemann belastete, denn der Außenminister forderte im Gegensatz zu Schlüter die Fortsetzung der bürgerlichen Regierung und danach Neuwahlen. Inzwischen ist jedoch bekannt, dass der Hof (!) damals verfassungsrechtliche Bedenken gegen die Ernennung eines neuen bürgerlichen Regierungschefs erhoben hatte.

Zu den für einen dänischen Außenminister unverzichtbaren Stärken gehört ein persönliches, enges internationales Netzwerk. Darüber verfügte Ellemann in einem Format, wie es kein Vorgänger bzw. Nachfolger jemals erreicht hat. Bis zu seinem Tode hat Hans-Dietrich Genscher seine Freundschaft mit Uffe Ellemann bewahrt, und zum 70. Geburtstag von Ellemann sandte Genscher dem „großen dänischen Außenminister und seinem verlässlichen Freund“ Glückwünsche und seinen Dank, „es sei eine Freude gewesen, zu erleben, mit wie viel Energie und mit viel diplomatischer Routine, wenn notwendig auch mit Härte, er die Interessen seines Landes in der Europäischen Union zu vertreten wusste“.

Ja, Ellemann hatte mit seiner oft persönlich aktivistischen Außenpolitik Dänemark größer gemacht, dem Land Einfluss und Ansehen beschert. Genscher hatte übrigens noch versucht, Ellemann zum Nato-Generalsekretär zu berufen, doch dies scheiterte wohl an Kohl, der Ellemanns-Medienauftritte nicht immer lustig fand, und an französischem Widerstand. Den geplatzten Wechsel nach Brüssel kommentierte der Uffe mit einem für ihn so typischen Kommentar: „Gar nicht so tragisch, denn meine Katze „Olfert“ spricht ja kein französisch …“

Ellemann war bis zuletzt ein gefragter Kommentator, und mancher, der ihn in den 1980er Jahren als kalten Krieger bezeichnete, musste feststellen, wie sehr seine Analysen über die russische Bedrohung und über Putin richtig waren. Von Deutschland hatte er auch immer wieder mehr Führung, mehr Verantwortung gefordert, nicht „mehr Deutschland“, sondern „weniger Deutschland“ machte ihn besorgt, die „Zeitenwende“ war für ihn längst fällig.

Sein letzter öffentlicher Auftritt war die EU-Volksabstimmung über die Abschaffung des dänischen Verteidigungs-Vorbehalts. Obwohl wahrlich kein Freund von Volksabstimmungen äußerte er seine große Freude über das dänische Ja – ebenso wie er die „nordische Union“ in EU und Nato innerlich sehr begrüßt hat.

Uffe Ellemann wurde nie Staatsminister. Vielleicht wird sein Sohn Jakob, der ja nun als Venstres Staatsminister-Kandidat in die kommende Folketingswahl geht, erreichen, was seinem Vater nicht vergönnt war. Ungeachtet dessen bleibt in Erinnerung das Bild eines großen dänischen Europäers und eines humorvollen Mannes, der stets auch in der Liebe zu seiner Familie die Kraft schöpfte, um Dänemark zu dienen und um sich um Dänemark verdient zu machen. Ohne ihn ist Dänemark ärmer, aber er hat das Land bereichert!

Mehr lesen

Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Das Gute und das Böse“