Diese Woche in Kopenhagen

„Die offene Burg“

Die offene Burg

Die offene Burg

Kopenhagen
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Das Miteinander von Politikern und Journalisten auf Christiansborg ist auch heute noch sehr offen. Doch vielleicht kleben die beiden Gruppen etwas zu nah aneinander, überlegt Walter Turnowsky, der selbst täglich auf der „Burg“ arbeitet.

Etwas Festungsartiges hat es schon, Christiansborg, das spätestens nach der gleichnamigen Serie allgemein als Borgen/Die Burg bekannt ist. Am Eingang gibt es dann auch die entsprechenden Sicherheitskontrollen von Besuchern. Jedoch im Gegensatz zu Deutschland ist dies relativ neueren Datums.

Überhaupt trügt der Schein ein wenig. Denn wer als Journalist erst einmal drinnen ist, kann sich auf den verwinkelten Gängen der Burg frei bewegen.

Die Presseloge bezeichnet auf Christiansborg zweierlei. Einerseits sind es die Zuschauerplätze im Sitzungssaal, die der Presse vorbehalten sind. Andererseits ist es die Bruder- beziehungsweise Schwesterschaft der Journalisten, die einen privilegierten Zugang (so heißt es tatsächlich) zum Folketing haben. Wir dürfen sogar ohne Kontrollen rein.

Die Presseloge wurde 1918 gegründet. Dies geschah, als der damalige Reichstag das dritte, wiederaufgebaute Christiansborg bezog. Erstmalig bekam die Presse direkten Zugang zu den Korridoren der Macht. Damals war von einem Journalismus im heutigen Sinn jedoch noch nicht die Rede. Die Journalisten wurden treffend Referenten genannt, denn sie haben wortgetreu die Debatten im Folketingssaal und im Landstingssaal referiert. Die Referate wurden per Rohrpost an den Kiosk im Eingangsbereich von Christiansborg geschickt. Von dort haben Boten sie an die Redaktionen in Kopenhagen verteilt.

Die Rohrpost-Anlage ist bis heute sichtbar, aber selbstverständlich schon lange nicht mehr in Betrieb. Und ebenso wie W-LAN die Rohrpost-Anlage ersetzt hat, sind die Referate von kritischem Journalismus abgelöst worden. Heutzutage fragen Journalisten nach und verfolgen stärker eigene Themen (wobei allerdings der steigende Einfluss der sozialen Medien wieder stärker zum Referieren verführt).

Was geblieben ist, ist die relative Offenheit zwischen Politikern und Journalisten. Man trifft sich auf den Gängen, in Verhandlungspausen tauscht man sich formlos aus, und man besucht sich spontan in den Büros, wenn man ein Anliegen hat. Einzig im Restaurant, Snapstinget, haben Journalisten keinen Zutritt. Die Politiker sollen hier in Ruhe essen und sich austauschen.

Der langjährige TV2-Korrespondent Kaare R. Skov bezeichnete anlässlich des 100-jährigen Betstehens der Presseloge diese Offenheit als weltweit einzigartig. Der damalige Staatsminister Lars Løkke Rasmussen (Venstre) äußerte sich ähnlich, ergänzte jedoch, er könne persönlich bezeugen, dass dies einer kritischen Berichterstattung nicht im Wege stehen würde.

Gerade die Diskussion, ob dieses besondere Verhältnis auf der Burg bedeute, dass Politiker und Journalisten zu eng aneinander kleben, ist so alt wie die Presseloge selbst. Grundsätzlich denke ich, Løkke hat mit seiner Einschätzung recht. Es mangelt nicht an kritischem Journalismus.

Das Problem ist ein anderes. Christiansborg ist bis zu einem gewissen Grad eine eigene Welt. Der Kanal, der die Burg umgibt, schottet zum Teil von der realen Welt mit ihren realen Problemen ab. Einst sprach man in Deutschland vom „Raumschiff Bonn“, man kann getrost von der „Insel Christiansborg“ sprechen.

In der politischen Berichterstattung bedeutet dies, dass die Prozesse zu viel Raum einnehmen und der Inhalt zu wenig. Über die politischen Spielchen wird ausführlich berichtet. Wer punktet gerade und wer nicht. Wem ist ein geschicktes Manöver geglückt, und wer ist ins Fettnäpfchen getreten.

Gewiss, dies soll auch Teil der Berichterstattung sein, aber es darf ruhig etwas weniger sein.

Der aufmerksame Leser, der bis hier mitgelesen hat, wird sich nun möglicherweise die Fragen stellen: „Und wie ist es um den Autor dieser Zeilen bestellt? Ist er vor dieser Logik gefeit?“

Meine Antwort lautet: „Selbstverständlich nicht.“

Ich hoffe jedoch, dass die kritischen Leser des „Nordschleswigers“ mich darauf aufmerksam machen, sollte es allzu schlimm werden - gerne in einem Leserbrief.

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