Diese Woche in Kopenhagen

„Als Dänemark vor der Pleite stand“

Als Dänemark vor der Pleite stand

Als Dänemark vor der Pleite stand

Kopenhagen
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Ein Interview weckt bei Kopenhagen-Korrespondet Walter Turnowsky Erinnerungen. Erinnerungen an eine Zeit, die sich heute viele wohl kaum noch vorstellen können. 

Diese Woche bot sich mir die Gelegenheit, eine Reise in vergangene Zeiten zu unternehmen.

Der Venstre-Politiker Bertel Haarder hat angekündigt, sich aus der Politik zurückzuziehen.

Und wenn man mit jemandem spricht, der 1975 erstmalig ins Folketing gewählt wurde, geht es naturgemäß vor allem um die Vergangenheit.

Doch wie beschreibt man ein Dänemark, das sich jüngere Generationen gar nicht mehr vorstellen können. Ja, selbst wir, die damals dabei waren, erinnern uns kaum noch daran, wie es wirklich war.

Heutzutage steht Dänemark wirtschaftlich so gut da, dass das Land selbst Finanz- und Corona-Krisen einigermaßen glimpflich übersteht. Die 70er Jahre, in denen Haarder politisch aktiv wurde, sahen vollkommen anders aus. Das Land lebte auf Pump. Die Inflation war so hoch, dass selbst eine Lohnerhöhung von 11 Prozent letztlich ein Lohnrückgang war, weil die Preise noch schneller stiegen. Die Schulden Dänemarks stiegen genauso schnell. Eine möglicher Staatsbankrott war kein Hirngespinst.

Der sozialdemokratische Staatsminister Anker Jørgensen mag das Herz an rechter Stelle gehabt haben, der Umgang mit dem Rechenschieber (mechanischer Vorläufer der Rechen-App auf eurem Smartphone) war nicht seine Stärke.

Die politische Situation war dermaßen labil, dass es alle naslang Neuwahlen gab.

Will man sich ein Bild von der Situation machen, muss man sich eher Griechenland während der Finanzkrise vorstellen als das Dänemark von heute.

Dies war dann wohl auch die Ursache dafür, dass Anker Jørgensen 1982 aufgab: Er konnte keinen Ausweg mehr erkennen. Die bürgerlichen Parteien übernahmen das Ruder und mussten zunächst einmal aufräumen: Kürzungen an allen Ecken und Enden.

Das dies nicht sang- und klanglos über die Bühne ging, ergibt sich fast von selbst. Proteste und Demonstrationen gegen die Regierung des Konservativen Poul Schlüter gab es ebenfalls alle naslang.

Auch die ideologischen Auseinandersetzungen wurden hart geführt. Die Studentenbewegung, der ich angehörte, war so links, dass selbst die Sozialistische Volkspartei fast schon als rechts galt. Gerade die Vorstellungen zur Bildung und Ausbildung eines Haarder stießen auf massive Widerstände.

Ich war an einer Aktion beteiligt, bei der wir Bertel Haarders Gesicht auf Klorollen druckten und diese ins Unterrichtsministerium schmuggelten. (Ich kann versichern, dass es gar nicht so einfach ist, Klopapier zu bedrucken, ohne dass es reißt, um es danach wieder fein säuberlich aufzurollen).

Doch trotz all unserer Proteste war es uns zumindest unterschwellig bewusst, dass nicht die bürgerliche Regierung schuld an den Kürzungen war, sondern die verantwortungslose Politik der 70er. Gleiches galt für die haushohe Arbeitslosigkeit, die Jugendlichen schlechte Berufsperspektiven bot.

Als in den 90ern die Sozialdemokraten wieder an die Macht kamen, hatten sie in zentralen Punkten die Finanz- und Wirtschaftspolitik der Bürgerlichen übernommen. Es war Konsens geworden, dass man nicht mehr Geld ausgibt als man hat.

Bertel Haarder meint heute, auch seine bildungspolitischen Ideen hätten sich durchgesetzt. Das stimmt jedoch nur in Teilen. Denn auch Vorstellungen, die damals als links galten, wie Projektarbeit und weniger hierarchische Strukturen, haben sich längst auch in der Wirtschaft durchgesetzt.

So hat in dem Punkt eher mein kommunistischer Dänischlehrer Calmar Nielsen mit seiner dialektischen Weltanschauung recht behalten: Aus der These und der Antithese entsteht die Synthese.

Wir mögen (und sollten) das heutige Dänemark kritisieren so viel wir wollen: Im Grunde läuft vieles doch sehr gut. Diesen neuen Konsens sollten wir zu schätzen wissen.

Doch denke ich, dass eine weitere Lehre aus dem Beschriebenen ist, dass wir auch harte Auseinandersetzungen nicht scheuen sollten. Konflikte sind oft fruchtbarer als die schweigende Zustimmung.

Denn wie gesagt: Aus der These und der Antithese entsteht die neue Synthese. Und für diese gibt es vielleicht mal wieder Bedarf.

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