Bildung

Die Schließung internationaler Studiengänge und ihre Folgen

Die Schließung internationaler Studiengänge und ihre Folgen

Die Schließung internationaler Studiengänge und ihre Folgen

Max Hey
Max Hey
Esbjerg/Kopenhagen
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Hörsäle sind zwar wieder gefüllt, aber bald wohl fast nur noch von Einheimischen. Foto: dpa

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Ende Juni vereinbarte die dänische Regierung, ab Sommer 2022 landesweit englischsprachige Studiengänge zu schließen.
Dies hat nicht nur folgenschwere Auswirkungen für viele internationale Studierende, wie den gebürtigen Flensburger Ove Brandt, sondern berge auch Gefahren für die Regierung selbst, wie Brandt denkt.

Als Ove Brandt vor gut einem Jahr nach Esbjerg zog, um an der Business Academy Southwest (Erhvervsakademi Sydvest) Marketingmanagement zu studieren, dachte er, dass die nächsten Jahre seines Lebens klar vorgegeben sind: Studium in Esbjerg mit studienbezogenem Nebenjob und danach in Dänemark ins Berufsleben einsteigen. Die parlamentarische Vereinbarung vom 25. Juni, die Anzahl der englischsprachigen Studiengänge ab Sommer 2022 stark zu reduzieren, macht jedoch ihm und vielen anderen nicht-dänischsprachigen Studierenden die Zukunftspläne zunichte.

Hintergrund der Kürzungen

Nachdem auf Grundlage eines EU-Beschlusses auch EU-Staatsbürger, die mindestens 43 Stunden im Monat einer entlohnten Nebenbeschäftigung nachgehen, die Möglichkeit auf das sogenannte „SU“ (Statens Uddannelsesstøtte) haben, sind die dafür vorgesehenen Mittel von circa 442 Millionen Kronen jährlich deutlich überschritten worden. Trotz des Kürzens von 1.700 internationalen Studienplätzen in 2017 und 1.200 in 2018 prognostiziert das Bildungsministerium 576 Millionen Kronen für das Jahr 2025. Dies liegt vor allem daran, dass die Zahl an EU-Staatsbürgern, die ein Anrecht auf SU haben, sich seit 2013, der dänischen Universität zufolge, verfünffacht hat.

Anzahl der EU-Bürger mit Anspruch auf SU (Y-Achse), seit 2010 (X-Achse) Foto: Bildungsministerium (Uddannelses- og Forskningsministeriet)

Das größte wirtschaftliche Problem dabei ist, dass zu viele nach ihrer Ausbildung das Land wieder verlassen und somit laut Staat nicht genug zur dänischen Wirtschaft beitragen. Nach Angaben des Bildungsministeriums ist dies besonders bei englischsprachigen Wirtschaftsakademie- und Professionsbachelor-Ausbildungen der Fall, wo 72 Prozent aller Studierenden nicht Dänisch sind, aber nur jede fünfte Person (21 Prozent) nach Abschluss eine Arbeit in Dänemark findet. Deswegen zielen die Kürzungen ab Sommer 2022 nun darauf ab, mit Ausnahme von 13 Programmen, die 650 internationale Studienplätze umfassen, alle englischsprachigen Wirtschaftsakademie- und Professionsbachelor-Ausbildungen zu schließen.

Fehlende Perspektive

Über das Studium hinaus in Dänemark bleiben wollte jedoch Ove Brandt, denn als Flensburger war für ihn eine langfristige Zukunft im „wahrsten Sinne des Wortes eine naheliegende“, sagt er. Das Unfairste an der Vereinbarung ist für ihn, dass er und seine Kommilitonen nun nicht wenigstens die Möglichkeit bekommen, ihr Studium abzuschließen. „Das Problem für uns ist, dass sie sagen, dass wir ja mit dem AP einen Abschluss nach diesem Jahr haben werden, aber wir haben jetzt keine Möglichkeit auf ein ‚Top-Up-Degree‘ mehr, was uns den Bachelorgrad bringen würde“, erläutert Brandt. Denn ein AP-Grad (Akademische Profession) allein „reicht in der realen Berufswelt im Regelfall nicht aus“, fügt er an.

Auch bei der nun notwendigen Suche, ihr Studium woanders fortsetzen zu können, gab es weder vonseiten der Akademie noch der Politik ernstzunehmende Hilfestellungen: „Das Einzige war, dass wir nach fünfmaliger Nachfrage vor ein paar Tagen eine Liste mit Hochschulen bekommen haben, wo wir uns bewerben können. Da waren nur zwei dänische Hochschulen dabei, ansonsten war das alles in Großbritannien, Holland oder sonst wo“, was für Brandt, der weiterhin gerne in Dänemark bleiben würde, keine wirkliche Alternative darstellt.

Das wird Dänemark irgendwann auch noch zu spüren bekommen.

Ove Brandt, Student

Unfaire Vereinbarung?

Seiner Meinung nach ist in dem Beschluss außerdem nicht berücksichtigt, wie schwierig es ist, als Nicht-Däne generell einen studienbezogenen Job auf dem dänischen Arbeitsmarkt zu bekommen: „Hier in Esbjerg gibt es ein Unternehmen, das sich wirklich mit dem beschäftigt, was wir an der Akademie lernen, da gab es im Sommer einen einzigen Studentenjob. Darauf haben sich natürlich alle von uns beworben“, schildert Brandt. Er selber fand nun einen Nebenjob als Servicekraft in der Gastronomie, für den er trotz SU immerhin 38 Prozent Steuern zahlt.

Ove Brandt würde gerne über den kommenden Sommer hinaus in Dänemark studieren. Foto: Ove Brandt

Obwohl die Regierungsvereinbarung Dänemarks Staatshaushalt entlasten soll, bewirkt sie eventuell genau das Gegenteil, denn wenn begabte internationale Lehrkräfte und Studierende fernbleiben, mindert das nicht nur das Prestige und die Qualität dänischer Studiengänge im internationalen Vergleich, sondern führt auch zu dem Verlust vieler potenzieller Arbeitskräfte. Und „das wird Dänemark irgendwann auch noch zu spüren bekommen“, ist sich Brandt sicher. Daher vermutet er, dass bei den Gründen für die anstehenden Schließungen englischsprachiger Studiengänge, „auch viel nationales Gedankengut dabei ist.“

Nicht aufgeben

Im Gegensatz zu vielen seiner Kommilitonen, die die Entscheidung mittlerweile hingenommen haben, will Brandt selber nichts unversucht lassen, damit sich „die Situation in Zukunft wieder verbessert, auch wenn ich davon wahrscheinlich nichts mehr mitbekommen werde“. Um den ersten Schritt in diese Richtung zu unternehmen, haben sich Betroffene im ganzen Land zusammengeschlossen, um der Regierung möglichst bald eine Alternative aufzuzeigen, die es den derzeitigen Studierenden ermöglicht, ihr Studium vollwertig abzuschließen.

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