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Wahlkampfthema Schulen in Dänemark: Freie Wahl oder soziale Mischung

Wahlkampfthema Schulen in Dänemark: Freie Wahl oder soziale Mischung

Schulen: Freie Wahl oder soziale Mischung

Kopenhagen
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Gemeinsam lernen: Die Konservativen wollen verhindern, dass an den Volksschulen Kinder aus finanziell bessergestellten Haushalten stärker als bisher mit Kindern aus finanziell schlechter gestellten Haushalten durchmischt werden (Symbolfoto). Foto: Signe Goldmann/Ritzau Scanpix

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Die Unterrichtsministerin will mit Regeln dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche gemeinsam mit Gleichaltrigen aus anderen sozialen Kontexten lernen. Die Konservativen wollen dagegen angehen – und damit Wählerinnen und Wähler gewinnen.

Das anstehende Folketingsjahr ist das letzte vor der nächsten Wahl und ein zentrales Thema im Wahlkampf dürfte laut der unterrichtspolitischen Sprecherin der Fraktion der Konservativen, Mai Mercado, das Thema freie Schulwahl werden.

Denn die sieht die in Tondern (Tønder) geborene und auf Fünen lebende ehemalige Kinder- und Sozialministerin durch eine Regierungsinitiative gefährdet.

Diese sieht vor, dass für die öffentlichen Volksschulen in Dänemark (von der Vorschulklasse bis zur 9. oder 10. Klasse) ein ähnlicher sozialer Verteilungsschlüssel angewendet werden soll, wie es für die öffentlichen Gymnasien im Lande ab dem Schuljahr 2023/2024 der Fall sein wird.

Gymnasien in Dänemark ab 2023/2024

• Ab dem Schuljahr 2023/2024 sollen Schülerinnen und Schüler durch eine neue Verteilungsregelung sozial ausgeglichener auf die Gymnasien in Dänemark verteilt werden.

• Das Einkommen der Eltern soll dabei ein Faktor sein.

• In Gebieten, wo ein Ungleichgewicht vorliegt, soll es nur Platz für einen bestimmten Anteil an Schülerinnen und Schülern aus bestimmten Einkommensgruppen geben.

• Bürgerliche Parteien haben die Absprache scharf kritisiert, ebenso der Rektorenverband und die Organisation der Schülerinnen und Schüler.

• Zunächst sollte per Los entschieden werden können, wenn Schülerinnen und Schüler verteilt werden sollten, für die kein Platz mehr war. In einer Revision der Absprache wurde beschlossen, die Verteilung nach Entfernung vorzunehmen.

Quellen: Unterrichtsministerium, Ritzau

Mercado rechnet damit, dass die Regierung ihren Volksschul-Entwurf nach den Sommerferien vorlegen wird. Und dass die Verteilung der Schulkinder auch auf Schulen zum Beispiel außerhalb des eigenen Stadtteils zum Wahlkampfthema wird.

„Ich sehe es kommen, dass die Regierung die Wahlfreiheit eingrenzen will“, sagt sie zur Nachrichtenagentur „Ritzau“.

„Dagegen werden wir genauso hart ankämpfen, wie wir es von Tag eins an bei der Schülerinnen- und Schülerverteilung an den Gymnasien getan haben. Wir sind grundlegend nicht der Auffassung, dass weniger Wahlfreiheit am Ende für glücklichere Bürgerinnen und Bürger sorgt. Daran glauben wir nicht“, so Mercado.

Ministerin: Müssen einander über Unterschiede hinweg kennen

Unterrichtsministerin Pernille Rosenkrantz-Theil (Soz.) hat bei mehreren Anlässen angedeutet, dass die Regierung für eine ausgewogenere Verteilung der Schülerinnen und Schüler in der Volksschule über ethnische und soziale Grenzen hinweg sorgen möchte.

Am 24. Februar sagte sie der Zeitung „Politiken“, dass sie noch vor den inzwischen längst begonnenen Sommerferien ein entsprechendes Modell präsentieren würde.

Anlass war eine Analyse der gewerkschaftsnahen Stiftung Arbejderbevægelsens Erhvervsråd, die zeigt, dass der Anteil der in Bezug auf das elterliche Einkommen gemischten Grundschulen (also Volksschulen und Privatschulen bis zur 10. Klasse) in Dänemark stark gefallen ist. Von 42 Prozent auf 27 Prozent im Laufe von zehn Jahren.

„Wenn wir in unserer Gesellschaft eine Zusammenhangskraft haben wollen, dann müssen wir einander über alle Unterschiede hinweg kennen. Einer der entscheidendsten Faktoren dabei ist, dass wir gemeinsam die Schule besuchen“, so die Ministerin damals.

Sie will bei den Volksschulen nicht dasselbe Modell benutzen wie bei den Gymnasien, da die Kinder „nicht so mobil sind wie Jugendliche“. Die Entfernungen sollen also nicht, wie bei den Gymnasien, bis zu 45 Minuten Schulweg betragen können.

Noch liegt kein Gesetzentwurf vor

Der Gesetzesentwurf der Regierung lässt auf sich warten, doch die Debatte hat bereits begonnen. Jens Joel, unterrichtspolitischer Sprecher der Sozialdemokratie, veröffentlichte im Frühjahr gar ein Buch über die „ungleiche Volksschule“. Darin schlägt er unter anderem vor, die bisherigen Schuldistrikte aufzuheben.

Stattdessen sollten drei bis fünf Schulen einen Distrikt ausmachen und die Kinder sollten über einen Algorithmus verteilt werden, der mehrere Kriterien verrechnet, darunter das Einkommen der Eltern.

So wird bisher an den Volksschulen verteilt

• Jeder Schule ist ein Gebiet („Schuldistrikt“) zugeordnet

• Alle Kinder sind einer Schule in dem Distrikt zugeordnet, in dem sie leben und sie genießen Vorzugsrecht auf die örtliche Schule.

• Die Kommunalverwaltung legt die Schuldistrikte fest. Sie können sich je nach Kinderzahl verschieben.

• Heute gibt es freie Schulwahl. Eltern können ihre Kinder an Schulen über Kommunengrenzen hinweg schicken.

• Das Kind kann nur an einer Schule außerhalb des eigenen Distrikts unterrichtet werden, wenn diese einen Platz hat.

Quelle: Kinder- und Unterrichtsministerium, Skole og Forældre

Kommunen haben bereits den Auftrag, die Zusammensetzung zu regulieren

Mercado hatte vor den Sommerferien die Ministerin gefragt, ob ein Entwurf vorbereitet werde, doch keine direkte Antwort erhalten. Stattdessen verwies Rosenkrantz-Theil auf eine Absprache mit dem Landesverband der dänischen Kommunen (KL) bezüglich der Haushaltsabsprache für 2023.

Darin heißt es, dass die Kommunen dafür sorgen sollen, dass die Anzahl der Schulen, in denen die Zusammensetzung der Schülerinnen und Schüler wesentlich von der gesamtgesellschaftlichen Zusammensetzung abweichen, verringert wird.

„Die Verhandlungspartner werden den Bedarf nach flexibleren Regeln erörtern, um die Zielsetzung bezüglich der Zusammensetzung der Schülerschaft zu erreichen“, hieß es in der Antwort.

Weder die Ministerin noch KL haben sich auf Anfrage der Nachrichtenagentur „Ritzau“ zu dem Thema äußern wollen.

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