Leitartikel

„Impfsicherheit dank Vertrauen in den eigenen Staat“

Impfsicherheit dank Vertrauen in den eigenen Staat

Impfsicherheit dank Vertrauen in den eigenen Staat

Apenrade/Kopenhagen
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Mit der Entscheidung der Gesundheitsbehörde, die Impfungen mit dem Vakzin von Astrazeneca auszusetzen, macht Dänemark den Schritt, den Deutschland verpasst hat: das Vertrauen in die Regierung und ihre Behörden zu stärken, meint Nils Baum.

Auf einer Pressekonferenz am Donnerstag dieser Woche hat der Direktor der Gesundheitsbehörde, Søren Brostrøm, mitgeteilt, dass der Impfstoff von Astrazeneca für drei weitere Wochen nicht in Dänemark verabreicht wird.

Vor zwei Wochen hatte die Behörde bekannt gegeben, den Astrazeneca-Impfstoff vorerst nicht mehr zu verwenden, und mehrere europäische Länder unternahmen vergleichbare Schritte. Vergangenen Donnerstag teilte dann die Europäische Arzneimittelbehörde mit, dass der Impfstoff von Astrazeneca sicher sei, eine Verbindung zwischen dem Vakzin und Thrombosefällen wollte man dennoch nicht ausschließen. Trotzdem würden die Vorteile einer Impfung mögliche Risiken überwiegen.

Und während in Deutschland und andernorts inzwischen wieder mit Astrazeneca geimpft wird, vermag die hiesige Gesundheitsbehörde noch nicht zu entwarnen. Noch läge nicht genügend Datenmaterial vor, um den genannten Zusammenhang sicher verneinen zu können.

Brostrøm hatte drei Argumente, die er für weitere drei Wochen Astrazeneca-Shutdown heranzog: die guten wissenschaftlichen Voraussetzungen, das hohe Maß an Vertrauen und die aktuelle Infektionssituation.

Die guten wissenschaftlichen Voraussetzungen hängen mit einer größeren Anzahl forschungsintensiver Unternehmen in Dänemark zusammen. Außerdem dürfte dem Land der hohe Stand seiner Digitalisierung sowie die Tatsache, dass jede Person mit einer Personennummer ausgestattet ist, zugutekommen. Die niedrigen Infektionszahlen werden damit begründet, dass kaum ein anderes Land so viel testet; zudem sind bereits die meisten Personen, die einer Risikogruppe angehören, geimpft worden.

Zentral scheint aber vor allem das dritte Argument Brostrøms, nämlich das große Vertrauen der Bevölkerung in das Impfprogramm. Im weltweiten Vergleich liegt Dänemark ganz oben, wenn es um die Frage der Impfbereitschaft geht.

Doch das Vertrauen ist nicht nur groß, wenn es ums Impfen geht; in Dänemark haben die Menschen ganz allgemein ein hohes Maß an Vertrauen in den Staat.

Dies spiegelt sich auch in den Umfragen zu den aktuellen Corona-Maßnahmen wider: Während in Deutschland nur noch 38 Prozent die Corona-Maßnahmen für angemessen halten, finden die Corona-Maßnahmen der Regierung in Dänemark noch immer bei 63 Prozent der Bevölkerung einen positiven Widerhall.

Und diese Tendenzen dürften sich seit Anfang dieser Woche nur noch verstärkt haben, angefacht durch das Handeln der politischen Führungspersonen.

Während Mette Frederiksen in der Nacht auf Dienstag ihren großen Wiedereröffnungsplan für Dänemark ankündigt hatte, verordnete Bundeskanzlerin Merkel den Deutschen zur selben Zeit eine verschärfte Osterruhe.

Wie unterschiedlich Wirklichkeiten doch verkauft werden können!

Merkel hatte ihr Debakel dann bereits keine zwei Tage später, als sie den verkündeten Osterlockdown am Mittwoch wieder zurückzog.

Man möchte Mette Frederiksen wünschen, dass ihr Debakel ausbleibt und ihr angekündigter Wiedereröffnungsplan nicht durch steigende Infektionszahlen gekippt wird.

Die Argumentation der Europäischen Arzneimittelagentur, die Vorteile einer Impfung mit dem Impfstoff von Astrazeneca würden mögliche Risiken überwiegen, funktioniert deswegen bei uns eher andersrum: Die gesundheitlichen Risiken einer Aussetzung der Impfung sind geringer als das mögliche Risiko eines Vertrauensverlustes.

Für manchen mögen Brostrøms Worte deshalb schon fast wie Balsam auf die verunsicherte Corona-Seele gewirkt haben.

Was Deutschland verpasst hat, ist Dänemark somit ein weiteres Mal gelungen: das Vertrauen in die Regierung und ihre Behörden zu stärken. Keine schlechten Voraussetzungen, um auch in den kommenden Wochen das Land weiterhin einigermaßen zielsicher durch die Corona-Krise zu steuern.

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