Kunst

Song Dong – Collaborations

Song Dong – Collaborations

Song Dong – Collaborations

Timo Iwersen
Aarhus
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Ein Teil der Song Dong-Ausstellung war das Werk „Eating City“ – die Stadt aus Keksen durfte vom Publikum gegessen werden. Foto: DN

Konzeptkünstler aus China sorgt in der Aarhuser Kunsthal für rekordhohe Besucherzahlen.

Ich habe heute ein Treffen mit dem chinesischen Konzeptkünstler Song Dong. Also, nicht wirklich. Aber Song Dong lädt ein – in die Aarhus Kunsthal, dem kleinen Kunstmuseum in Aarhus, nur wenige hundert Meter vom großen Aros entfernt. Aarhus Kunsthal feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen, ist also eine alteingesessene Kulturinstitution der Stadt.

Song Dong (geboren 1966 in Peking, er lebt auch heute noch dort) hat zurzeit die gesamte Kunsthalle mit seinen Ausstellungen unter dem Titel „Collaborations“ (Kooperationen) eingenommen. Und er lädt ein. Er lädt die Besucher der Kunsthalle in sein Haus ein, in seine Familie, in seine Stadt, sein Land, seine Welt, sein Leben. Das ist teils ganz buchstäblich zu verstehen, teils künstlerisch verformt und bearbeitet.

Das Hauptstück der Ausstellung von Song Dong ist ”My Home is Your Stage” (Mein Zuhause ist deine/eure Bühne). Der Name ist Programm. Song Dong hat hier ein Ein-Zimmer-Haus aus Materialien aus seinem eigenen Haus in China errichtet. Mit Badewanne, Bett, Sessel, Couch, Tisch und jeder Menge Hocker und kleiner Stühle. Eine imposante Dachkonstruktion und verschiedene, zusammengesetzte Fensterpartien bilden den Rahmen des Hauses. Um das Haus herum tragen Spiegelwände dazu bei, den Raum zu vertiefen und zu vervielfachen. Und so sieht man sich dann auch selbst als Teil der Ausstellung im Haus sitzen.
Ich sitze in Song Dongs Sessel, während ich diesen Artikel schreibe, danach auch auf der Couch. (Darf man hier wohl die Beine hochlegen? Ich tu es einfach mal.) Ich überlege noch, ob ich mich auch noch kurz ins Bett lege. Es ist aus Holz und hat keine Matratze.

Vorhin saßen hier auch eine Frau und ein Mann und hielten etwas ab, das wie ein Termin beim Psychologen oder Psychiater vorkam. Sie die Therapeutin, er der Patient. Keine Kunst, sondern ganz echt. An anderen Tagen waren hier Studentengruppen zu Besuch, die hier Gruppenarbeit durchgeführt haben. Und auch eine Hochzeit hat im Haus stattgefunden. So ist es von Seiten des Künstlers ursprünglich auch gedacht. Leute sollen kommen und sein Haus nutzen, so wie es ist. Und so wie sie sind. Gastfreundschaft als Kunstwerk, ganz ungekünstelt.

Im Kontrast dazu stehen an allen Eingängen und in vielen Ecken der Kunsthalle lebensgroße und sehr realistische wirkende chinesische Polizistenfiguren, die sozusagen alles im Auge behalten, was hier abläuft. Einer steht auch im Haus selbst, rechts hinter der Couch, auf der ich gerade sitze. Man fühlt sich in Song Dongs Haus einerseits sehr willkommen und geborgen, andererseits wird man aber auch ständig überwacht.

Familienkunst

In dem Raum, der an „My Home is Your Stage“ angrenzt, stellt der chinesische Konzeptkünstler zusammen mit seiner Ehefrau und Künstlerkollegin Yin Xiuzhen das Werk „The Way of Chopsticks“ aus dem Jahr 2006 aus. Im Mittelpunkt stehen zwei riesige chinesische Essstäbchen, das eine hergestellt von Song Dong, das andere von seiner Frau.

Das Konzept: Beide fingen mit zwei normalen Stäbchen an und arbeiteten damit auf Grundlage gleicher Parameter weiter, aber ohne zu wissen, was der andere macht. Es entstanden zwei Werke, die den Verlauf der Zeit in menschlichen Beziehungen darstellen, das Miteinander und Nebeneinander einer Ehe, einer Familie. Es entsteht Gleiches, aber verschieden.

My home is your stage – Song Dong stellt sein zu Hause zur Verfügung. Foto: Aarhus Kunsthal

Mittelpunkt der Erde

Im Untergeschoss der Kunsthalle wird neben geschichtlichen und geschichtlich-persönlichen Werken von Song Dong auch der Faden der oben genannten Ausstellungen wieder aufgegriffen. Protagonistin des gut 20-minütigen Films „50+14“ ist Song Dongs 16-jährige Tochter Song Errui, die auch Mitautorin dieses Werks ist. Sie wird in verschiedenen (Lebens-)Situationen gezeigt, zwischen Gefangensein und Freiheit, zwischen Kind und Erwachsensein, zwischen Turbulenz und Ruhe. Am Ende des Films steht Song Errui im Haus von „My Home is Your Stage“ und zertrümmert mit einem großen Hammer eine Scheibe.

Wer sich schon einmal Gedanken darüber gemacht hat, wo eigentlich der Mittelpunkt der Welt ist, der erhält jetzt die Antwort: In Aarhus am Eingang zu Aarhus Kunsthal. Dort hat Song Dong auf Grundlage der architektonischen Ideen chinesischer Tempelgebäude ein schlichtes, unspektakuläres Werk errichtet, das innen mit Sand aus den 24 verschiedenen Zeitzonen gefüllt ist. So ist die ganze Welt in Aarhus versammelt, so wird Aarhus zum Mittelpunkt der Welt. Auf dem „Tempel“ wird dies durch ein Schild quasi bestätigt: „The Centre of the World“.

Die Ausstellung „Collaborations“ besteht aus Kooperationen verschiedenster Art. Kooperationen mit der Familie, konkret und abstrakt, mit den Besuchern, mit Song Dongs Gegenwart, seiner Geschichte, mit früheren Werken, mit China, mit Aarhus und mit der ganzen Welt. Und sie ist ein Riesenerfolg. Es wird erwartet, dass die Besucherzahl 2017 sämtliche Rekorde der 100-jährigen Geschichte von Aarhus Kunsthal brechen wird.

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