World Press Photo

Momentaufnahmen

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Kopenhagen
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Royal Shrovetide Football – wenn die Upwards gegen die Downwards "Fußball" spielen. Foto: Oliver Scarff

Die Ausstellung mit den besten Fotografien der Welt ist gerade in Kopenhagen zu sehen. Es sind beunruhigende Pressefotos, meint Chefredakteur Gwyn Nissen. Nur in den Kategorien Sport und Natur gibt es wenige Lichtblicke.

Besuchern der diesjährigen World Press Photo Ausstellung sei es gleich gesagt: Es wird viel Krieg und Elend gezeigt – und nur wenig Hoffnung und Licht. Sie sind dem Betrachter nicht unbekannt, jene Themen und Bilder aus den Brennpunkten der Welt. Der Alltag in Syrien, Chaos in Venezuela, Vertreibungen in Myanmar, Tote im Irak oder die Anschläge von Las Vegas, London und Charlottesville – sie laufen zu jeder Tageszeit über Fernsehschirme und Handys.

Aber dennoch ist die Foto-Ausstellung der besten Pressefotografen der Welt etwas ganz anderes. Es ist etwas ganz anderes, aus der Kopenhagener Innenstadtidylle in die Dunkelheit der alten Druckhalle von Politiken zu treten. Man spürt es fast schon auf dem Weg die Treppe hinunter: Hier ist die Welt des Bösen. Obwohl die Fotos den meisten bekannt sind, treffen sie einen wie ein Faustschlag mitten ins Gesicht oder nehmen einem mit einem visuell platzierten Treffer in die Bauchregion die letzte Luft. Man wird förmlich von der Brutalität in der Welt erschlagen.

Die Besucher stehen meist stumm vor den Fotos. Lassen das Weltgeschehen auf sich einwirken. Es sind beunruhigende Bilder. Momentaufnahmen von 2016/2017, doch die gleichen Szenen könnte man auch heute fotografieren. Jetzt. Irgendwo und überall auf der Welt. Denn was für uns extrem erscheinen mag, ist für andere Alltag. In Südamerika, Afrika, Asien, ja, auch in Europa. Und genau deshalb wirken die Fotos so stark und lebendig, denn eigentlich sind wir live dabei.

Die Fotografen greifen inmitten der Brennpunkte zu einfachen Wirkungsmitteln: Trauer. Schmerz. Kinder und weinende Mütter. Trostlosigkeit. Blut, viel Blut. Auch mal in Schwarz-Weiß. Doch das Auge sieht dennoch Rot, und die Bilder im Kopf sind fast noch grausamer, als wenn es ein Farbmotiv wäre.

Blutige Straßen in Südamerika – auch schwarz-weiß ein starkes Motiv. Foto: Javier Arcenillas Luz

Fotografen suchen Konflikte auf

Es ist „leicht“, dramatische Fotos zu schießen, wenn man sich als Fotograf in Kriegen und Konflikten bewegt. Manchmal sind es fotografisch nicht einmal die besten Bilder, aber der Augenblick zählt, wenn ein Auto durch die Menschenmenge pflügt oder ein Demonstrant von den Flammen eines explodierenden Mopedtanks eingehüllt wird.

Und dennoch: Gerade weil sich diese Fotografen selbst in Gefahr bringen, können sie unsere Augen öffnen. Die Besucher können hier ganz nah ran, können jedes Detail des Grauens inspizieren.

Aber auch der Ideenreichtum der Fotografen überzeugt. Zum Beispiel die gesichtslosen Porträts jener Mädchen, die von Boko Haram entführt wurden. Und auch jene Technik: Li Huaifengs Foto von zwei Brüdern in einer Yaodong-Höhle ist eine Alltagsstudie in Licht – der Fotograf ist ein Meister des Lichts (sehen Sie das Foto auf nordschleswiger.dk/kultur).

Li Huaifeng fängt wie kein anderer das Licht in seinen Motiven. Foto: Li Huaifeng

Fast symbolisch hängen in dem einen Ende der Druckhalle Alltagsfotos aus Dänemark von Politiken-Fotografen. Und fast sieht es so aus, als ob die Rentner vor dem selbst ausgehobenen Swimmingpool in gehörigem Sicherheitsabstand das Grauen der Welt betrachten. Sie sind wir. In unseren geborgenen Villenvierteln und mit Problemen, von denen die meisten in dieser Welt nur träumen.


Wenige Lichtblicke

Es gibt auch Lichtblicke bei der diesjährigen Ausstellung – wenn auch nur wenige: Wunderschöne Fotos aus der Natur (aber eben auch Klima-Konsequenzen) und die tollen Sportfotos und Reportagen. Aber an der nächsten Wand wartet schon der nächste Tiefschlag.
Die World-Press-Photo-Ausstellung ist nichts für Kinder oder für Leute, die ihr Glanzbild dieser Welt bewahren wollen. Für alle anderen ist die Fotoausstellung ein Muss.

Flüchtlingskinder der Rohyngia. Hoffen auf eine bessere Welt – und einen Happen zu essen. Foto: Kevin Frayer, Getty Images
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