Klima und Konsum

Beim Urlaub wird das Klima zur Nebensache

Beim Urlaub wird das Klima zur Nebensache

Beim Urlaub wird das Klima zur Nebensache

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Odense
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Passagiere warten am Kopenhagener Flughafen auf ihren Flieger. Foto: Mads Claus Rasmussen/Ritzau Scanpix

MIT KLIMARECHNER: In Dänemark starten und landen so viele Flugzeuge wie noch nie. Und das, obwohl den Menschen hier das Klima oft wichtiger scheint als alles andere. Wie passt das zusammen? Wir haben nachgefragt.

18,2 Millionen Fluggäste haben 2018 von Dänemark aus abgehoben. Vier Prozent mehr als noch 2017. Das zeigen neue Zahlen der Statistikbehörde Danmarks Statistik. Und da sind all diejenigen, die zum Beispiel den Flieger von Hamburg aus nehmen, noch nicht mitgerechnet.

Paradox ist: Nur wenige Tage vor dieser Meldung berichteten mehrere Medien, dass Umfragen zufolge das Thema Klimaschutz derzeit das wichtigste Thema für die Wähler in Dänemark sei – und die Flüchtlingsfrage von der Spitzenposition verdrängt habe.

Konsumforscher: Dänen fühlen, ein „Recht“ auf weite Reisen zu haben

Wie passt das zusammen, wo Flugreisen doch als besonders klimaschädlich gelten? „Wir sind damit aufgewachsen, dass die Welt unser Spielplatz ist. Das ist eine Einstellung, die schwer zu verändern ist. Es ist fast schon so, dass wir es als unser Recht ansehen. Es braucht also eine starke Überzeugung, um dieses Recht sozusagen aufzugeben, sein Leben dadurch zu bereichern, fernere Orte zu sehen als die, die man zum Beispiel mit dem Fahrrad erreichen kann, um mal die umweltfreundlichste Alternative zu nehmen“, sagt Søren Askegaard, Professor für Konsum-, Kultur- und Kommerzforschung an der Süddänischen Universität, zum „Nordschleswiger“.




Forscher: Bahn-Infrastruktur vernachlässigt

Für den Großteil der Reisen, auf die die Menschen dieser Einstellung nach ein Recht beanspruchen, fehlten zudem die Alternativen, sagt Askegaard: „Die ganz kurze Erklärung ist, dass man über viele Jahre speziell den Zugverkehr auf europäischer Ebene gedrosselt und herabpriorisiert hat. Es war früher viel einfacher, internationale Züge und Nachtzüge zwischen verschiedenen Ländern und Großstädten zu nutzen, als es das heute ist. Also rein infrastrukturell hat man die Möglichkeiten, die es geben könnte, um die Wettbewerbsfähigkeit auf diesem Markt zu erhöhen, nicht genutzt. Man hat einfach nicht dafür gesorgt, dass es die Infrastruktur gibt. Eine, die es den Leuten leicht macht, eine Alternative zu wählen.“

Sydbank-Analytiker: Flugreisen auch im Herbst und Winter sind Normalität

15,1 Millionen Menschen hoben 2018 aus Kopenhagen ab, 1,8 Millionen aus Billund. Jacob Pedersen, Aktienanalytiker und Experte für Flugverkehr bei der Apenrader Sydbank, meint: Günstige Preise blenden dabei die moralischen Aspekte aus. „Die Flugtickets sind billig und davon gibt es immer mehr. Zugleich gibt es immer mehr spannende Reiseziele. Außerdem läuft es ökonomisch gut. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig und die Dänen haben mehr Geld in den Händen und Lust, zu reisen und die Welt zu sehen“, sagt er der Nachrichtenagentur Ritzau.

„Es ist normal geworden, dass Flugreisen nicht nur für die jährlichen Sommerferien gebucht werden. Es wird vielleicht auch ein kurzer Winterurlaub eingeschoben und eine kleine Auslandstour im Herbst“, sagt Pedersen. „Das Umweltbewusstsein scheint das Portemonnaie der Fluggäste noch nicht erreicht zu haben. Es müssten schon sehr hohe Abgaben auf das Fliegen kommen, damit sich das auf die Reiselust auswirkt“, glaubt er.

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es zum Trend wird, Urlaub in der näheren Umgebung zu machen ...

Søren Askegaard

Für den Wissenschaftler Askegaard ist der Zug aber noch nicht abgefahren, wenn es um die Hoffnung auf eine Trendwende hin zu mehr Urlaub ohne Flugzeug geht: „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es zum Trend wird, Urlaub in der näheren Umgebung zu machen und ich sehe es als möglich und wünschenswert an, dass man wieder damit beginnt, zumindest den intereuropäischen Zugverkehr zu priorisieren. Dass es nicht möglich ist, den Zug nach New York oder Bangkok zu nehmen, ist ja klar. Aber man könnte sehr, sehr viel CO2 sparen, wenn man ein effizientes Zugnetz in Europa schafft. Das ist auf kleiner Ebene ja durchaus möglich, bei Metrolinien und städtischer Infrastruktur insgesamt. Es ist also nur eine Frage der politischen Priorisierung, das auch auf europäischer Ebene zu schaffen.“

Selbst berechnen: Wie klimaschädlich ist mein Flugurlaub?




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