Königin Margrethe im Interview

„Die Dänen hören nicht an der Grenze auf“

„Die Dänen hören nicht an der Grenze auf“

„Die Dänen hören nicht an der Grenze auf“

Jørgen Møllekær/ Flensborg Avis
Aarhus
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„Es wäre hervorragend, wenn wir etwas mehr Deutsch lernen müssten“: Königin Margrethe II. auf Schloss Marselisborg in Århus im Gespräch mit Jørgen Møllekær, Chefredakteur der Tageszeitung „Flensborg Avis“ Foto: Lars Salomonsen/ Flensborg Avis

Königin Margrethe II. von Dänemark im Interview mit dem Chefredakteur von „Flensborg Avis“, Jørgen Møllekær, über ihren viertägigen Besuch in Schleswig-Holstein und das deutsch-dänische Miteinander.

Der Text wurde von Flensborg Avis übernommen.

Von Dienstag bis Freitag besucht Dänemarks Königin Margrethe II. Schleswig-Holstein. Anlass ist das 100-jährige Jubiläum der Volksabstimmung 1920 über den Grenzverlauf. Das Plebiszit gilt als eine Art Geburtsstunde der dänischen Minderheit im nördlichen Landesteil. Den Chefredakteur der Minderheiten-Tageszeitung „Flensborg Avis“, Jørgen Møllekær, empfing die Monarchin im Vorfeld zum Interview in ihrer Residenz Schloss Marselisborg in Århus. In dem Gespräch schildert sie, wie sie die Grenze als Jugendliche als klare Trennung empfand. Und sie äußert ihr Unverständnis, dass man ihre Landsleute nördlich der Grenze heute nicht dazu zwingt, mehr Deutsch zu lernen. Nordschleswiger.dk übernimmt das in „Flensborg Avis“ erschienene Gespräch in Auszügen.

Eure Majestät, ganz Südschleswig freut sich auf den viertägigen Besuch. Es ist ein ungewöhnlich langer Besuch. Wie wichtig ist es der Königin, jetzt zu kommen und so viel daraus zu machen?

Ich finde, dass es ganz wesentlich ist, gerade jetzt im Vorfeld von 2020 zu kommen. Dieses Jahr ist eine Wegmarke, und ich möchte gern den Zusammenhang unterstreichen, der zwischen den Südschleswigern und Dänemark besteht. Und um in Verbindung mit den Feierlichkeiten (des 100-jährigen Jubiläums der Volksabstimmung, Anm. d. Red.) im Rest Dänemarks darauf aufmerksam zu machen, dass die Dänen also nicht an der Grenze aufhören. Auf der anderen Seite sind auch Leute, die sich Dänemark tief verbunden fühlen und die Sprache sprechen und können.

Jørgen Møllekær interviewte die Königin vor ihrer Reise. Foto: Lars Salomonsen/ Flensborg Avis

Können sich Eure Majestät daran erinnern, ob und wie Sie die deutsch-dänische Grenze während der Schulzeit wahrgenommen haben?

Wir, die die erste Generation Schulkinder nach der Besatzung im Zweiten Weltkrieg, haben wohl so viel wahrgenommen, dass es die Grenze zwischen Dänemark und Deutschland war. Allmählich wurden wir darauf aufmerksam, dass es eine Grenze mit dänisch Gesinnten auf der anderen Seite war. Genau so wie auch deutsch Gesinnte nördlich der Grenze waren. Aber das trat nur langsam in Erscheinung.

Also gab es damals eine klare Grenze, die trennte?

So war es. Ich kann mich daran erinnern, wie wir (während der Sommerferien der königlichen Familie auf Schloss Gravenstein auf dem Nordufer der Flensburger Förde, Anm. d. Red.) entlang der Flensburger Förde spazieren fuhren. Wenn man hinüber auf die Wälder auf der anderen (deutschen, Anm. d. Red.) Seite blickte, waren sie ziemlich ausgeholzt. Daran erkannten wir, dass es ein fremdes Land war. Es dauerte einige Zeit, bevor wir wussten, dass es in allerhöchstem Grad ein Teil unserer eigenen Geschichte war.

Ab dem 3. September ist die Monarchin für vier Tage im Grenzland unterwegs. Foto: Lars Salomonsen/ Flensborg Avis

Eure Majestät haben daran festgehalten, in der Neujahrsansprache außer Grönland und den Färoer-Inseln alljährlich auch Südschleswig mit seiner dänischen Minderheit zu erwähnen.

Ja, ich finde einfach, das gehört dazu. Ich erinnere mich so deutlich daran, dass mein Vater dies stets in seinen Reden getan hat, und es kommt mir ganz natürlich vor, das Gleiche zu tun.

Nun haben wir ja glücklicherweise zwischen Dänisch und Deutsch Jahrzehnte des Friedens und gegenseitigen Vertragens gehabt. Man kann vielleicht fast von einer Erfolgsgeschichte in der Aussöhnung sprechen. Im Gegenzug hat dies den „Preis“ gehabt, von Südschleswig aus gesehen, dass das Wissen des heutigen Durchschnittsdänen über Südschleswig relativ begrenzt ist. Wie sieht die Königin diese Entwicklung?

Das bedauere ich tatsächlich. Das ist wohl auch einer der Gründe dafür, dass ich nicht mit meinem Gruß in der Neujahrsansprache aufhöre. Dann bekommen die Leute wenigstens das zu hören. Ich hoffe sehr, dass die Leute weiterhin verstehen, was Südschleswig ist.

Vorfreude aufs deutsch-dänische Grenzland: Königin Margrethe II. wenige Tage vor ihrer Reise nach Schleswig-Holstein auf der Terrasse von Schloss Marselisborg in Århus. Dort verbringt sie jedes Jahr einige Wochen im Sommer und die Weihnachstfeiertage. Foto: Lars Salomonsen/ Flensborg Avis

In der eigenen Familie der Königin hat es viele verschiedene Nationalitäten gegeben, auch dänisch-deutsche Beziehungen. Die Schwester der Königin, Benedikte, war mit Prinz Richard von Berleburg verheiratet und König Christian X. mit Königin Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin. Aktuell gibt es Schwiegertöchter aus Australien und Frankreich. Was muss man als Familie aus Sicht Eurer Majestät tun, wenn man Teil einer anderen Gesellschaft sein möchte?

Was man ja tut, ist, dafür zu sorgen, diejenige Sprache zu lernen, zu der man hinzieht. Meine Schwester spricht ja ganz ausgezeichnet Deutsch. Und meine jüngste Schwester, die ja nach Griechenland geheiratet hat, spricht ja ganz hervorragend Griechisch. Meine Mutter kam aus Schweden, und sie setzte alles daran, Dänisch zu lernen.

Die dänische Minderheit ist ja eine Gesinnungs-Minderheit. Es gibt keinerlei Kontrolle, ob man nun irgendwelche Kriterien erfüllt. In früheren Zeiten war es sehr einfach, sich für dänisch und antideutsch zu erklären. Heute leben wir in einer anderen Zeit. Es sieht so aus, als ob die jungen Mitglieder der Minderheit durchaus zu sagen wagen, dass sie sowohl als auch sind. Dass sie nicht entweder dänisch oder deutsch sind. Haben Eure Majestät Verständnis für diese Zweiströmigkeit?

Ich finde, dass das ganz prima ist. Das, was für die Minderheit als Ganzes wohl eine große Rolle spielt, ist wohl, dass sie sich zu ihren dänisch-schleswigschen Wurzeln bekennt. Was ihre Angehörigen darüber hinaus daraus ableiten, dass sie in Deutschland wohnen – das muss sozusagen die eigene Sache jedes Einzelnen sein. Wenn man aus einer der Familien kommt, die ihre dänische Verbundenheit spüren, ist es ein Alleinstellungsmerkmal, dass man dies aufrechterhalten kann. Wohl auch deswegen tut man von dänischer Seite aus eine ganze Menge dafür, dass dies weiterleben kann. Nicht, weil man Menschen zurückfordern würde oder Menschen für die dänische Gesellschaft vereinnahmen wollte. Sondern weil man die Zweiströmigkeit respektieren möchte, die damit verbunden ist, dass Menschen in einem Land wohnen, aber ihre tiefen Wurzeln in einem anderen haben und dort auf vielerlei Weise dazugehören.

Der dänischen Königin sei es wichtig, im Vorfeld von 2020 noch einmal den Zusammenhang zwischen den Südschleswigern und Dänemark zu unterstreichen, sagt sie. Foto: Lars Salomonsen/ Flensborg Avis

Flensborg Avis hat vor einigen Wochen eine Geschichte darüber gebracht, wie wenige junge Leute in Dänemark ab diesem Wintersemester ein Fach mit Deutsch studieren wollen. Insgesamt nur 46 an den Universitäten Kopenhagen und Aarhus. Sowohl Portugiesisch als auch Chinesisch haben mehr Studenten als die Sprache, die direkt um die Ecke liegt.

Also, um es ganz deutlich zu sagen: Das kann nicht angehen. Das ist wirklich schade, aber ich weiß zum Teil durchaus, warum das so ist. Als ich zur Schule ging und auch noch eine ganze Zeit darüber hinaus hatten wir ja ganz schön viel Deutsch. Wir mussten Deutsch nehmen. Nun ist Deutsch ja nicht sonderlich leicht zu lernen. Weil es eine Menge Grammatik gibt, und die wurde uns eingebläut. Das fanden wir natürlich nicht sonderlich spaßig. Aber das Ergebnis ist ja, dass hier und da immer noch etwas zwischen den Ohren sitzt. Die jungen Leute heute hingegen bekommen ja nicht mehr so viel Deutschunterricht. Dass sie es abwählen können, ist vielleicht die Ursache, aber so ist das Schulsystem nun mal heute gestrickt. Vielleicht ändert sich das eines Tages wieder. Ich kann mich daran erinnern, dass wir Deutsch in der siebten Klasse bekommen haben. Das war ganz schön anstrengend, da durch zu müssen und damit zurechtzukommen. Auf dem Gymnasium hatte ich einen fantastischen und tüchtigen Deutschlehrer. Er stammte übrigens von der Insel Röm. Das war damals sehr charakteristisch: Er war so alt, dass er selbst noch während der deutschen Zeit Nordschleswigs zur Schule gegangen war, aber nichtsdestotrotz war er Studienrat für Deutsch geworden.

Also höre ich Eure Majestät sagen, dass es von Vorteil wäre, wenn wir Dänen wieder etwas mehr Liebe zum Erlernen der deutschen Sprache entwickeln würden?

Ich denke, dass es hervorragend wäre, wenn wir tatsächlich etwas mehr Deutsch lernen müssten, denn dann wäre es ja einfacher, damit zurechtzukommen. Denn es ist ja nicht gerade einfach zu erlernen, jedenfalls so, wie ich es in Erinnerung habe. Es geht mir so wie meiner Schwester (der in Nordrhein-Westfalen lebenden Prinzessin Benedikte, Anm. d. Red.), dass es mir leicht fällt, die Wörter auszusprechen – aber du meine Güte, wenn ich versuchen soll, da oben im Kopf einen Kasus passend hinzubekommen! (die Königin lacht, Anm. d. Red.)

Es gab ja mal eine Zeit als das höhere Bürgertum in Kopenhagen Deutsch besser lesen und verstehen und vielleicht sogar sprechen konnte als das damalige Englisch. Und man kann ja sagen, dass das deutsch-dänische Grenzland einerseits unglaublich stärker verschmolzen ist und andererseits haben wir noch immer unsere kulturellen Unterschiede. Wenn die Königin eine Generation vorausblicken sollte, setzt sich diese Annäherung dann fort oder wird die derzeitige Fokussierung auf nationale Identität ein weiteres Annähern verhindern?

Es lässt sich ja schwer vorhersagen, wie kommende Generationen auf die Geschichte reagieren werden. Ich rechne damit, dass das Verständnis über die Grenze hinweg Bestand haben wird. Es muss Bestand haben. Man muss sich zugleich im Klaren darüber sein, wo was ist. Wir können ja sehr gut den Unterschied zwischen Dänisch und Schwedisch erkennen und hören, obwohl nur ein bisschen Wasser zwischen Kopenhagen und Malmö ist. Und es gibt ja niemandem, dem das Schmerzen bereitet.

Deshalb finde ich auch, dass es fein ist, dass es den einen oder anderen Unterschied zwischen dem einen und dem anderen Ufer der Flensburger Förde gibt.

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