Eurovision Song Contest

Schulte gönnt sich einen Sekt, Rasmussen zufrieden

cvt/dpa/Ritzau
Lissabon
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Michael Schulte
Michael Schulte Foto: Ritzau Scanpix/REUTERS/Pedro Nunes

Der Eurovision Song Contest in Lissabon endete in der Nacht zu Sonntag mit dem Sieg Israels. Lange war Deutschlands Michael Schulte mit im Rennen, Dänemarks Wikinger holten spät mächtig auf. Dänemark gab Deutschland zweimal zwölf Punkte.

Israel hat den 63. Eurovision Song Contest gewonnen, Deutschland schaffte es überraschend auf den vierten Platz. Die schrille Sängerin Netta bekam für ihren ungewöhnlichen Song „Toy“, der Zeitgenössisches mit typisch koreanischem Pop, Hip-Hop und orientalischen Klängen verbindet, die meisten Punkte – und zwar 529. Ihre Botschaft an junge Frauen: Nehmt Euch an, so wie Ihr seid und seid stolz auf Euch selbst.

Die Israelin Netta Barzilai (25) galt auch bei den Buchmachern als eine der Top-Favoritinnen. Auf Platz zwei kam Zypern (Eleni Foureira mit „Fuego“) und auf Rang drei Österreich (Cesár Sampson mit „Nobody But You„). Es ist der vierte Sieg Israels beim ESC - nach 1978, 1979 und 1998.

Rasmussen am Ende zufrieden

Der dänische Kandidat Rasmussen, der sich mit seiner Begleitgruppe als Wikinger gebar und eine zumindest vom DR-Moderator Ole Tøpholm hochgelobte Show ablieferte, landete nach dem Jury-Urteil aus 43 Ländern nur auf Rang 20 – was Tøpholm zu dem Kommentar verleiutete, dass es sich um einen „Betrug“ handeln müsse. Einzig den Experten in Ungarn gefielen die bärtigen Männer so gut, dass es 12 Punkte aus Budapest gab.

Das Blatt wendete sich erst, als die Stimmen der Zuschauer angezeigt wurden. Bei ihnen waren die Wikinger der fünftbeliebteste Beitrag, was letztlich Rang 9 einbrachte. „Die Stimmung ist besser als nur einigermaßen gut. Wir waren bei den Buchmachern nie so hoch, nachdem die Jury uns also wirklich nicht leiden konnte, ist es einfach verrückt, dass wir die Stimmen der Zuschauer bekommen haben und als fünftbeste bei ihnen gelandet sind. Dann ein neunter Platz – das ist einfach super fett“, so der Sänger Jonas Fodager Rasmussen nach der Show.

„Besonders nach den Stimmen der Jury fühlt es sich wie ein Sieg an“, sagt er. Es sei ihnen die ganze Zeit über bewusst gewesen, dass sie mit dem Song ein hohes Risiko gehen würden – „weil er so theatralisch und dramatisch“ gewesen sei.

Michael Schulte überglücklich und überrascht

Der deutsche Kandidat Michael Schulte landete mit der sehr persönlichen Ballade „You Let Me Walk Alone“ über den Tod seines Vaters mit 340 Punkten auf dem vierten Platz. Er beendete somit die Misserfolgsserie der vergangenen drei Jahre, als Deutschland immer nur Letzter oder Vorletzter geworden war. Der vierte Rang ist die beste Platzierung seit 1999 - mit Ausnahme von Lena, die 2010 gewann. Unterstützt wurde er dabei mächtig von der dänischen Jury und dem dänischen Publikum. Beide gaben dem Südschleswiger, der heute in Buxtehude bei Hamburg lebt, die berühmten zwölf Punkte.

Michael Schulte hat sich überglücklich und überrascht zugleich gezeigt. „Oh mein Gott, was soll ich sagen? Das ist so verrückt“, sagte der 28-jährige Norddeutsche im Gespräch per Live-Schalte mit Barbara Schöneberger, die die deutsche ESC-Party in Hamburg moderierte. „Ich hab' mir auch ein Sektchen gegönnt, nachdem ich eine Woche gar nichts getrunken habe, um ganz konzentriert zu sein.“ Dann gab es eine kleine Panne: Die Übertragung nach Lissabon brach ab. Schöneberger überspielte dies gekonnt.

Störer entriss SuRie das Mikrofon

26 Lieder konkurrierten beim großen Finale. Zum vierten Mal war auch Australien als Ehrengast dabei, weil es dort viele Fans gibt, die die Show gucken.

Beim Auftritt der britischen Kandidatin SuRie stürmte ein Störer die Bühne und entriss der Sängerin das Mikrofon, er wurde von Sicherheitsleuten weggebracht. Die souverän weitersingende SuRie lehnte eine Wiederholung ihres Auftritts ab. Am Ende landete sie trotz einer guten Performance abgeschlagen auf Platz 24.

Insgesamt nahmen am ESC in diesem Jahr 43 Länder teil, so viele wie zuletzt beim ESC in Deutschland 2011. 17 Beiträge wurden in den beiden Semifinals (Halbfinals) am Dienstag und Donnerstag aussortiert, darunter auch Russland, die Schweiz, Polen und Belgien. Neben Deutschland sind als große Geldgeber automatisch auch Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien fürs Finale gesetzt, ebenso der Gastgeber, also diesmal Portugal.

Sobral mit neuem Herzen auf der Bühne

Der deutsche Singer-Songwriter Schulte, der manchem als eine Art deutscher Ed Sheeran gilt und im niedersächsischen Buxtehude wohnt, absolvierte souverän seinen Auftritt, bei dem er lediglich von grafischen Einblendungen und Fotos im Hintergrund begleitet wurde - alles in Schwarz-Weiß gehalten.
Im vergangenen Jahr hatte der Portugiese Salvador Sobral mit dem stillen Lied "Amar pelos dois" gewonnen und so den Grand Prix in sein Heimatland geholt. Sobral, der im Dezember ein neues Herz transplantiert bekommen hat, trat bei der Show als Pausen-Act auf. Er sang seinen Siegerhit zusammen mit der brasilianischen Musiklegende Caetano Veloso, was zu den emotionalen Höhepunkten der großen Musikshow gehörte, die laut Veranstalter weltweit etwa 200 Millionen TV-Zuschauer verfolgen.

Deutsche gaben Schweden zwölf Punkte

Deutschland hat bisher zweimal beim ESC gesiegt: Vor Lenas Triumph mit dem Song "Satellite" siegte Nicole 1982 mit "Ein bißchen Frieden".

Die Zuschauer konnten wie immer über den Sieger mit abstimmen, jedoch nicht für die eigene Nation. Ihr Voting wird ergänzt von Juroren. In diesem Jahr war die Punkteverkündung von Jurys und Publikum zum dritten Mal bereits getrennt, zuerst wurden per Schalte in alle 43 Teilnehmerländer die Jurystimmen abgefragt, dann verlasen die Moderatoren die Zuschauervoten. Nach den Jury-Voten hatte noch Österreich vorne gelegen.

Die Jury-Punkte aus Deutschland gab Barbara Schöneberger bekannt. Sie war live von der ESC-Party auf der Hamburger Reeperbahn zugeschaltet. In der deutschen Jury hatten dieses Jahr die Schlagersängerin und zweimalige Grand-Prix-Teilnehmerin Mary Roos gesessen sowie die Sänger Max Giesinger und Mike Singer, die Singer-Songwriterin Lotte und der Musik-Manager Sascha Stadler. Sie gaben die Höchstwertung von zwölf Punkten für Schweden, das am Ende Platz sieben belegte. Die Dänen bekamen aus Deutschland lediglich drei Zuschauerpunkte.

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Leitartikel

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
„Schöne Zahlen“