Wiedereingliederung

„Ich habe wieder einen Sinn im Leben gefunden“

„Ich habe wieder einen Sinn im Leben gefunden“

„Ich habe wieder einen Sinn im Leben gefunden“

Apenrade/Aabenraa
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Karsten Larsen hilft inzwischen auch in der Küche der Blauen Oase. Foto: Karin Riggelsen

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Ob langjährige Obdachlosigkeit oder PTBS-Diagnose: Einige Menschen können nicht am Arbeitsleben teilnehmen. Doch ein Projekt des Blauen Kreuzes konnte helfen. Davon berichten zwei Betroffene. Die Projektleiter hätten diese Hilfe gerne mehr Menschen zukommen lassen. Warum es diese Hilfe jedoch nicht für jeden gibt, erklären die beiden.

„Ich war viele Jahre obdachlos“, sagt Morten Hansen. Er sitzt in der Blauen Oase Apenrade (Blå Oase Aabenraa), einem Zufluchtsort für sozial benachteiligte Menschen. Hier treffen sich Männer und Frauen, die aus dem Gesellschaftsraster gefallen sind: Alkohol- oder Drogenabhängige, Frührentner, Arbeitslose, Menschen mit psychischen Leiden und Obdachlose gehören dazu. Doch es sind auch Menschen darunter, die einsam sind, und nach Gesellschaft suchen.

Drogenmissbrauch führte zu Obdachlosigkeit

Morten war nicht nur obdachlos, er nahm auch Drogen und landete deshalb auf der Straße. „Das ist jedoch vorbei“, sagt er und blickt ein wenig stolz in Richtung Fenster, denn er muss keine Pfandflaschen mehr sammeln, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen und die Drogen zu bezahlen. Es wirkt, als können er es bis jetzt nicht begreifen, denn statt ohne Dach über dem Kopf durch Europa zu ziehen – er lebte auf den Straßen von Spanien, Frankreich und Portugal – hat er jetzt eine eigene kleine Wohnung in Apenrade. Und er hat Arbeit.

Arbeit statt Heimatlos

Der gebürtige Tonderaner macht eine Ausbildung zum Koch bei einem Apenrader Hotel. „Ich habe Glück gehabt“, sagt er. „Wenn ich mich hier umschaue: Ich habe Glück gehabt“, wiederholt er und schaut durch das Fenster auf die Menschen, die draußen vor dem Eingang der Blauen Oase sitzen. Doch er wisse auch, dass es nicht nur am Glück lag. „Klar habe ich auch selbst was dafür getan, denn ohne eigenen Einsatz schafft man es nicht aus der Obdachlosigkeit oder der Drogensucht“, erzählt der 33-Jährige.

Projekt als Start in ein neues Leben

Dafür hat er sich einige Monate in ein christliches Kloster in Frankreich zurückgezogen. „Ich musste von den Drogen wegkommen“, erzählt er offen. Dort hat er beschlossen, nach Nordschleswig zurückzukehren. Dass er in Apenrade landete, war Zufall. Hier ist er jedoch in der Blauen Oase gelandet, wo er dann die ersten Schritte zurück zum Alltag gemacht hat. Er nahm am Projekt „Lokalsjakket“ teil, das heißt übersetzt in etwa „Lokale Kolonne“. Es ist ein Projekt, dass vom „Blauen Kreuz“ (Blå Kors) initiiert wurde und seit knapp einem halben Jahr auch in Apenrade durchgeführt wird.

„Lokalsjakket“ möchte sozial benachteiligten Menschen helfen, durch Arbeit in der Lokalgemeinde mehr Lebensqualität und Würde zurückzugewinnen. Kleine, überschaubare Aufgaben bei Firmen vor Ort sollen sie beitragen.

Bei Morten hat das funktioniert. Nachdem er in Apenrade angekommen war, ist er in das Projekt gekommen. „Ich habe regelmäßig gearbeitet, habe bei der Renovierung von Gebäuden geholfen, Böden aufgerissen“, berichtet er. „Das war richtig gut“, so seine Erfahrung. Anfänglich hat er zweimal die Woche mit angepackt, in Tondern ein neues „Blaues-Kreuz-Zentrum“ instand zu setzen. Es gab sogar ein wenig Geld für die Arbeit, was zuerst der wichtigste Aspekt für Morten war, sich zu beteiligen. Doch er merkte: „Die Arbeit tat mir gut. Ich hatte was zu tun. Ich habe wieder einen Sinn im Leben gefunden, habe gemerkt, dass ich einen normalen Tag bewältigen kann“, sagt er.

An dem Projekt nimmt er jetzt nicht mehr teil. „Mit der Ausbildung kann ich das nicht mehr vereinbaren.“

Karsten Larsen leidet an PTBS, einer psychischen Erkrankung, die meist langwierig und schwer zu behandeln ist. Er hat beim Blauen Kreuz Hilfe bekommen. Foto: Karin Riggelsen

Vom Soldaten zum Frühpensionär mit PTBS

Auch Karsten Larsen hat durch das Projekt Mut bekommen. Der Kriegsveteran war viele Jahre für das dänische Militär im Ausland stationiert und ist heute aufgrund einer PTBS-Diagnose Frührentner. PTBS ist eine posttraumatische Belastungsstörung. Die psychische Erkrankung bezeichnet eine wiederholte und intrusive Erinnerungen an ein überwältigendes traumatisches Ereignis. Bei Soldaten, die im Einsatz waren, tritt eine solche – meist langwierige – Erkrankung nach Monaten, manchmal erst nach Jahren auf.

Wenn Hilfe benötigt wird, ist Karsten zur Stelle – auch in der Blauen Oase. Foto: Karin Riggelsen

Larsen hilft in der Blauen Oase mit, übernimmt dort kleine Arbeitern, wie fegen oder als Aushilfe in der Küche. Zwei Tage in der Woche arbeitet er fest für das Projekt in Tondern, so wie Morten Hansen.

Alltag als Herausforderung

„Ich habe es schwer, den Alltag zu überschauen. Schon kleinste Anstrengungen können zu viel werden für mich“, beschreibt er seine täglichen Lebensherausforderungen. Deshalb ist es für ihn „ein großes Geschenk, dass ich mich durch das Projekt wieder an einen Alltag gewöhnen kann“, sagt der 46-Jährige. Und es sei ein schönes Gefühl, der Allgemeinheit etwas wiedergeben zu können und gebraucht zu werden, erklärt er. „Ich möchte mit etwas beitragen“, so sein Wunsch.

Für den heutigen Apenrader ist es zudem „schön, dass ich meine Arbeit in Tondern leiste, denn dort bin ich aufgewachsen. So leiste ich was für die Stadt“, freut er sich. Und noch etwas freut den Veteranen: „Ich bekomme ein wenig Geld für meine geleistete Arbeit. Das bedeutet mir viel.“

Ein Erfolg mit einem Aber

Robert Refslund-Nørgaard ist Leiter der „Blauen Oase“. Zusammen mit Administrationsmitarbeiterin Christa Berg, die hauptverantwortlich für das  „Lokalsjakket“ ist, führt er das dreijährige Projekt durch.

Robert Refslund-Nørgaard und Christa Berg betreuen das Projekt „Lokalsjakket“ in Apenrade. Foto: Jan Peters

Auch wenn die beiden sich einig sind, dass das Vorhaben Erfolg gezeigt hat: Richtig überzeugt sind sie bisher nicht. „Drei Bürger haben am Projekt teilgenommen“, berichtet Christa Berg. Man habe zu Beginn mehr erhofft, sagt sie.

Zwei Gründe gebe es dafür, das haben sie inzwischen herausgefunden.

Menschen nicht in der Lage zu arbeiten

„Die Bürgerinnen und Bürger, die zu uns kommen, bringen große Herausforderungen mit. Sie sind seit vielen Jahren abhängig, haben viele Jahre nicht gearbeitet und haben es schwer, zuverlässig zur Arbeit zu erscheinen. Für sie ist es schwer, wenn nicht unmöglich, am Projekt teilzunehmen“, so die bisherige Erfahrung. „Diese Menschen haben so viel zu verarbeiten, dass der Wunsch nach Arbeit nicht vorhanden ist“, fügt sie hinzu.

Belastung für Unternehmen zu groß

„Es ist für die Unternehmen ein Problem, wenn die Leute nicht zuverlässig sind“, hat Berg bei Gesprächen mit den Unternehmen festgestellt. „Die Firmen müssen sich darauf verlassen können, dass die Leute kommen und die Arbeit erledigt wird“, berichtet die Oasen-Mitarbeiterin. Das können jedoch bei der „Blauen Oase“ nur wenige.

Hinzu komme, dass die Firmen Ressourcen, sprich Mitarbeitende, bereitstellen müssen, um die „Lokalsjakket“-Arbeiter zu beaufsichtigen. „Auch wenn wir unsere Leute begleiten: Es bleibt eine Restverantwortung bei den Unternehmen.“ „Die Firmen wollen gerne soziale Verantwortung übernehmen, doch wenn der Aufwand dafür zu groß wird, dann ziehen sie sich zurück“, erklärt Robert Refslund-Nørgaard.

Drei sind mehr als gedacht

Doch es gibt einige wenige, die für das Projekt infrage kommen. „Dafür sind drei, die teilnehmen, ein Erfolg – auch wenn wir gerne mehr Menschen helfen würden“, erzählt Christa Berg.

Zwar habe es in der Anfangsphase einige gegeben, die Interesse am „Lokalsjakket“ hatten, doch „je näher die Aufgabe rückte, so klarer wurde, dass sie nicht teilnehmen konnten“, so die Sozialmitarbeiterin. „Wir benötigen Menschen, die stabiler sind“, so eine Konklusion.

Robert Refslund-Nørgaard und Christa Berg vor der „Blauen Oase Foto: Jan Peters

„Wenn wir uns die Projektbeschreibung anschauen, dann richtet sich das Vorhaben an Frührentnerinnen und -rentner und Sozialhilfeempfangende. Diese Menschen machen bei uns nur eine sehr kleine Gruppe aus“, sagt Robert Refslund-Nørgaard. Und: „Für Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger gibt es verschiedene Angebote von der Kommune Apenrade. Da sind weitere Offerten nicht notwendig“, erklärt er weiter. „Das schränkt unsere Auswahl an möglichen Teilnehmenden an ,Lokalsjakket’ sehr ein.“

Gleiche Probleme in anderen Städten

Ähnlich gehe es den anderen teilnehmenden „sjak“ aus den kleineren Städten, das wissen Berg und Refslund-Nørgaard aus Treffen mit anderen ähnlichen Blaues-Kreuz-Angeboten im Land. „Nur in den großen Städten sieht es anders aus. Dort tauchen mehr Menschen, die noch auf den Arbeitsmarkt können, auf“, sagt der Oasen-Leiter.

Die beiden Sozialarbeiter geben jedoch nicht auf. Das Projekt läuft noch knapp zweieinhalb Jahre. „Klar nehmen wir die Erfahrungen mit und versuchen, zu verbessern, wo es geht“, sagt Christa Berg.

Man werde sich jetzt nicht mehr nur an Firmen wenden, die in unmittelbarer Nähe der Blauen Oase seien, sondern zu den Firmen Kontakt aufnehmen, die das sogenannte CSR-Siegel (CSR-mærke) der Kommune haben. Die Fühler werden weiter ausgestreckt. Das CSR-Siegel erhalten Firmen in der Kommune Apenrade, die sich durch besondere sozialer Verantwortung ausgezeichnet haben.

Trotz der großen Herausforderungen, die das Projekt „Lokalsjakket“ mit sich bringen, sehen Oasen-Leiter Refslund-Nørgaard und Oasen-Mitarbeiterin Berg positiv in die Zukunft.

Lokalsjakket – Lokale Kolonne

Es hat Einfluss auf die Lebensqualität, wenn man Teil einer Arbeitsgemeinschaft ist. Das ist der Ausgangspunkt des Projekts „Lokalsjakket“.

Das Projekt wird gemeinsam vom Blauen Kreuz und KFUM's Sociale Arbejdeangeboten, um sozial benachteiligten Menschen Arbeit in der lokalen Umgebung anbieten zu können.

„Lokalsjakket“ setzt sich aus Nutzern von Obdachlosenunterkünften und Tagesaufenthaltsorten zusammen, die verschiedenste – einfache – Arbeiten ausführen können. Die Verwaltung, Entlohnung und Beaufsichtigung steht unter der Obhut der lokalen „Sjak“-Leitung.

Die Zielgruppe sind Bürgerinnen und Bürger, die Sozialhilfe empfangen, Frührente erhalten oder soziale oder psychische Herausforderungen mitbringen und nicht einer „normalen“ Arbeit nachgehen können.

Das Projekt wird vom „Den A.P. Møllerske Støttefond“ unterstützt.

 
https://blaakors.dk/lokalsjakket
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