Regenerative Energie

Déjà-vu für Grenzbewohner: Großes Windrad im Anmarsch

Déjà-vu für Grenzbewohner: Großes Windrad im Anmarsch

Déjà-vu für Grenzbewohner: Großes Windrad im Anmarsch

Klein-Jündewatt/Lille Jyndevad
Zuletzt aktualisiert um:
Am Grænsevejen bei Klein-Jündewatt befinden sich viele Windkrafträder. Der Bau neuer Anlagen auf deutscher Seite scheint kein Ende zu nehmen. Foto: kjt

Diesen Artikel vorlesen lassen.

Auf der deutschen Seite bei Klein-Jündewatt ist die Errichtung einer weiteren Windkraftanlage geplant. Anwohner auf dänischer Seite sind alles andere als begeistert und wollen sich dagegen wehren. Erinnerungen werden wach an die Problematik in Bölau.

Drei von sieben erst vor wenigen Jahren errichteten neuen Windkraftanlagen des Bürgerwindparks Bramstedtlund befinden sich nah an der dänischen Grenze bei Klein-Jündewatt. Eine neue Anlage könnte bald folgen, denn ein Genehmigungsverfahren ist in Verbindung mit den Regionalplänen für Windenergie des Landes Schleswig-Holstein eingeleitet.

Anwohner auf dänischer Seite sind in Alarmbereitschaft, handelt es sich doch um eine Windkraftanlage mit größerem Ausmaß als die bisherigen 150 Meter hohen Anlagen.

Mega-Anlage

199,5 Meter hoch soll die Anlage laut Planungsentwurf sein mit einem Rotordiameter von 163 Metern. 5,6 MW soll das Windrad produzieren können.

„Es ist schlimm genug, dass eine weitere Anlage so dicht an der Grenze gebaut werden soll. Noch schlimmer ist aber, dass sie viel größer ist“, sagt Monika Sørensen, die am Bøgelhusvej wohnt und eigentlich vorhat, direkt nach Klein-Jündewatt in ein neues Eigenheim zu ziehen.

Monika Sørensen und insbesondere die Anrainer nah am Standort des geplanten Windrads gegenüber dem „Grænsevejen“ befürchten zusätzliche Beeinträchtigungen – vom Anblick solch einer großen Anlage ganz abgesehen.

Einige neue Windräder in der deutschen Kommune Weesby stehen nur wenige Hundert Meter von der Grenze zu Dänemark entfernt. Foto: kjt

Geräuschpegel, blinkende Signallichter und Schattenwurf der Rotoren sind die Konsequenzen, die die Anwohner von einer 200 Meter hohen Windkraftanlage in unmittelbarer Nähe erwarten.

Kenntnisnahme

Die deutschen Behörden haben die Planungen in Verbindung mit der sogenannten Espoo-Konvention der dänischen Umweltbehörde mitgeteilt.

Die Espoo-Konvention verpflichtet dazu, das jeweilige Nachbarland über das Vorhaben in Kenntnis zu setzen und die Umweltauswirkungen auf den Nachbarstaat zu prüfen.

Eine Mitteilung mit Fakten der deutschen Windkraftpläne hat die dänische Umweltbehörde mittlerweile auch an Monika Sørensen weitergeleitet mit der Möglichkeit, Anmerkungen zu machen.

Monika Sørensen ist allerdings nicht nur nach Bemerkungen zumute. Sie und andere Ortsansässigen wollen so weit es geht gegen das Projekt protestieren und wünschen sich dabei Unterstützung von dänischer Seite.

Unveränderte Problematik

Ob es am Ende etwas bringt, bleibt abzuwarten. Erinnerungen werden wach an die deutschen Windkraftanlagen in Grenznähe von Bölau (Bølå). Da hier auch auf dänischer Seite bereits Anlagen standen, kamen die Anwohner buchstäblich in die Klemme.

Der Konflikt mit Windrädern entlang der dänischen Grenze ist nicht neu. Foto: kjt

Das Problem waren und sind Richtlinien und Gesetze zweier Länder, die nach fester Überzeugung der Bölauer nicht in Zusammenhang gesetzt wurden. In der Summe werden Grenzwerte überschritten, sodass die deutschen Anlagen gar nicht erst hätten errichtet werden dürfen.

Die wiederholte Forderung aus Bölau nach einer Lösung ist bis heute erfolglos geblieben.

Am Ball bleiben

Die Anrainer am Grænsevejen befürchten das gleiche Schicksal, wollen aber nichts unversucht lassen, um gegen die große Anlage anzugehen. Denn für sie stellt sich die Frage, ob die Flächen kurz hinter der Grenze auf deutscher Seite in naher Zukunft nicht noch mehr mit Windkraftanlagen zugepflastert werden.

Monika Sørensen hat Anwohner mobilisiert und Anfang der Woche zu einem konspirativen Protesttreffen bei sich eingeladen. Acht Anrainer waren da und erörterten die Sachlage.

„Die Bewohner am Grænsevejen 102 hatten die Mitteilung der Behörde noch nicht einmal in der E-Boks erhalten. Sie bekommen die Mega-Windmühle direkt vor Augen“, so Monika Sørensen mit Verwunderung, dass die Mitteilungen offenbar nicht vollständig an betroffene Parteien verschickt wurde.

Drei der sieben neuen Anlagen des Bürgerwindparks Bramstedtlund liegen dicht an der dänischen Grenze. Eine größere vierte Anlagen könnte dort bald dazukommen. Foto: kjt

Für die Gruppe stellt sich die Frage, ob die deutsche Anlage gegen Abstandskriterien und andere Vorgaben verstößt, um somit eine rechtliche Grundlage für eine Klage zu haben.

Darüber hinaus sehen sie eine moralische Verpflichtung von deutscher Seite, die Lebensverhältnisse im Nachbarland nicht zu beeinträchtigen.

Keine gute Nachbarschaft

Von einer guten Nachbarschaft, wie das deutsch-dänische Verhältnis gern bezeichnet wird, könne dann nicht mehr die Rede sein, so der Tenor der dänischen Anrainer aus Klein-Jündewatt und Umgebung.

„Ich habe sechs Personen beidem Scooping-Treffen in Flensburg angemeldet“, erwähnt Monika Sørensen und spricht damit ein ebenfalls vorgeschriebenes Planungs- und Informationsgespräch mit betroffenen Parteien und Interessensorganisationen an.

Am 29. September ist diese Sitzung beim Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume angesetzt, und die Gruppe aus Klein-Jündewatt hofft, ihren Standpunkt und auch ihre Sorgen angemessen vorbringen zu können.

Ausschussvorsitzender sieht wenig Einflussmöglichkeit

Die Kommune Apenrade (Aabenraa) wird voraussichtlich auch teilnehmen.

„Ich gehe fest davon aus, dass wir einige aus der Verwaltung hinschicken werden“, erwähnt Philip Tietje (Venstre), Vorsitzender des Wachstumsausschusses der Kommune Apenrade.

Apenrade ist als Nachbarkommune des Projekts in der deutschen Kommune Weesby ebenfalls in Kenntnis gesetzt worden mit der Möglichkeit, die Angelegenheit zu kommentieren.

Ich befürworte regenerative Windenergie, und Anlagen können meinetwegen auch in Sichtweite unseres Anwesens sein, nur nicht so nah. Wenn Anlagen auf der anderen Seite der Betonstraße dazukommen, dann könnte ich damit leben.

Erik Duedahl

„Wie bei anderen Projekten mit grenzüberschreitenden Auswirkungen werden wir auch diesmal klarmachen, dass wir die Einhaltung dänischer Gesetze erwarten und sichergestellt wissen wollen, dass unsere Bürger nicht beeinträchtigt werden“, so Tietje.

Ob die Haltung der Kommune zusammen mit dem Protest der Anrainer letztendlich etwas bringt, sei fraglich. Daraus macht Philip Tietje keinen Hehl.

„Die Entscheidung liegt letztenendes auf deutscher Seite. Wir als Kommune haben da wenig Einfluss.“

Wenn nicht klare Verstöße vorliegen, wird solch ein Projekt kaum zurückgenommen, so Tietje.

„Bei einem Treffen mit meinem Ausschusskollegen Arne Leyh Petersen (Technischer Ausschuss, red. Anm.) am Mittwoch werden wir die Sache noch einmal beleuchten und das weitere Vorgehen besprechen“, so Tietje.

Kein Agrément erkennbar

Ob bei Windkraftanlagen oder Deponiepläne auf deutscher Seite – Projekte in Grenznähe, die das Leben der Bürger auf der anderen Seite beeinträchtigen, hatte Apenrades Bürgermeister Thomas Andresen (Venstre) vor einiger Zeit veranlasst, die Thematik in Kiel mit Schleswig-Holsteins Ministerpräsidenten Daniel Günther zu erörtern mit dem Ziel, das auf die andere Seite entsprechend Rücksicht genommen wird.

Die Klein-Jündewatter bezweifeln, dass mit dem Projekt des 200-Meter-Windrads in nicht einmal 1.500 Meter Entfernung zu den ersten dänischen Grundstücken ausreichend Rücksicht genommen wird.

Laut dänischer Verordnungen müssen Windkraftanlagen mindestens viermal die Gesamthöhe von Anrainern entfernt sein. Das wäre laut Plan eingehalten.

Zu den Zweiflern gehört Erik Duedahl. Es ist jener Anwohner am Grænsevejen 102, der mit dem neuen Mega-Windrad eine vierte Anlage in Sichtweite seines gerade erst neuerbauten Hauses bekommt.

Kein Respekt

„Ich finde es respektlos, wenn auf deutscher Seite solche Projekte so dicht an der Grenze realisiert werden – unabhängig der Gesetzeslage“, so der ehemalige Landwirt, der erst 2018 seinen Wohnsitz von Møn an den beschaulichen „Grænsevej“ verlegte und prompt mit „Windmühlen" zu kämpfen hatte.

Erik Duedahl findet das Errichten von Windkraftanlagen dicht an der Grenze zu Dänemark respektlos. Foto: kjt

Duedahl hatte schon beim Projekt mit den sieben Anlagen protestiert, von denen drei 2019 und 2020 besonders nah an seinem Grundstück errichtet wurden.

Er hatte sich auch an die deutschen Stellen gewandt und sogar eine Anwältin in Flensburg eingeschaltet, um gegen das Vorhaben anzugehen.

„Sie kam in der Sache aber nicht weiter. Es ist ein sehr undurchsichtiges Verfahren, bei denen wirtschaftliche Interessen offensichtlich überwiegen“, so Duedahl.

Er vermisst eine klarere Position des dänischen Staates.

„Man hat das Gefühl, dass die dänischen Stellen alles nur zur Kenntnis nehmen und es dabei bewenden lassen“, so Duedahl.

Beeinträchtigungen

„Bei bestimmter Windrichtung ist die Geräuschkulisse enorm, und störend sind zudem die Signallichter auf den Anlagen. Hiesige Anwohner haben zudem mit Schattenwurf zu kämpfen. Wenn die große Anlage jetzt noch dazu kommt, dann wird das alles ja noch verstärkt“, sagt der Wahl-Nordschleswiger, der sich einen ruhigeren Einstand am neuen Wohnort gewünscht hatte.

„Ich befürworte regenerative Windenergie, und Anlagen können meinetwegen auch in Sichtweite unseres Anwesens sein, nur nicht so nah. Wenn Anlagen auf der anderen Seite der Betonstraße dazukommen, dann könnte ich damit leben“, so Duedahl.

Er spricht sich zudem für eine Erneuerung und Optimierung bestehender Anlagen aus, anstatt ständig neue Anlagen zu bauen.

Es gehe ihm einzig und allein darum, dass man ihm und anderen nicht so dicht auf die Pelle rückt, wie er sagt.

Alles andere halte er für respektlos – auch in dem Fall, wenn es mit geltenden Bestimmungen und Gesetzen übereinstimmt.

Dass er im Gegensatz zum letzten Mal noch keine Mitteilung von der Umweltbehörde erhalten hat, würde seine Skepsis nur verstärken.

Nichts unversucht lassen

Erik Duedahl wird beim Scooping-Treffen in Flensburg teilnehmen und seine Sicht der Dinge auch an die dänische Umweltbehörde schicken, die sämtliche Stellungnahmen und Einwände an die deutschen Stellen weiterleitet. Einsendeschluss ist der 23. September.

Besonders nah an der geplanten Mega-Anlage auf deutscher Seite liegt der Kulkærvej.

Dicht besiedelt ist der Weg nicht, doch auch dort wohnen Menschen. Hört man sich bei dortigen Bewohnern um, die weniger als 1.400 Meter vom geplanten Standort des großen Windrads entfernt sind, ist ebenfalls Frust zu vernehmen.

Auch am Kulkærvej ist man mehr als skeptisch, dass ein Protest etwas bringt.

Mehr lesen