100 JAHRE DEUTSCHE MINDERHEIT

Wahlplakate von der Volksabstimmung 1920

Wahlplakate von der Volksabstimmung 1920

Wahlplakate von der Volksabstimmung 1920

Hauke Grella
Hauke Grella Museumsleiter
Sonderburg/Sønderborg
Zuletzt aktualisiert um:
Wahlkampf am Südermarkt in Flensburg – dort hingen hauptsächlich deutsche Plakate. Foto: Privat

2020 wird die deutsche Minderheit in Nordschleswig 100 Jahre. Wir veröffentlichen jede Woche eine von 100 Geschichten von Museumsleiter Hauke Grella. In dieser Woche geht es um Wahlplakate bei der Volksabstimmung. Ihre Inhalte waren häufig ein Appell an die Gefühlswelt – manchmal verbunden mit der Aussicht auf eine bessere wirtschaftliche Zukunft.

Fahnen und Wahlplakate prägten das Straßenbild um den 10. Februar und den 14. März 1920, den Tagen der Volksabstimmung in der ersten und zweiten Abstimmungszone.

Eine Vielzahl von unterschiedlichsten Plakaten wurde von beiden Seiten eingesetzt, um auf unterschiedlichste Weise die Stimmberechtigten zu überzeugen, entweder für Dänemark oder für Deutschland zu stimmen.

Das bekannteste Plakat von dänischer Seite ist sicher „MUTTER STIMM DÄNISCH – DENK AN MICH“. Das Plakat zeigte einen leicht traurig wirkenden Jungen. Die mit der linken Hand gehaltene dänische Fahne lässt er auf den Boden schleifen. Mit der rechten Hand hält er eine Schnur, an der wohl eine Streichholzschachtel festgebunden ist. Seine Kleidung wirkt eindeutig verschlissen, und es ist zu erkennen, dass der untere Teil schon einmal geflickt wurde. Dazu ist stark auffällig, dass der Junge keine Schuhe trägt. Interessanterweise wurde das Plakat, wie auch andere, in einer dänischen und einer deutschen Fassung gedruckt.

Ansprechen der Gefühlsebene

Diese Momentaufnahme des Plakates arbeitet sehr stark auf der Ebene von Gefühlen. Dies zeigt die Verbindung zwischen dem traurig ausschauenden Jungen und der Aufforderung an seine Mutter, dänisch zu stimmen. Auch mit anderen Plakaten wurde auf der Gefühlsebene gearbeitet. Aber hier verbindet sich die Gefühlsebene mit einem weiteren wichtigen Thema der Volksabstimmung, nämlich der wirtschaftlichen Zukunft des Jungen. Der Junge lebte zu dem Zeitpunkt als das Bild „aufgenommen“ wurde, in Deutschland. Dass er verschlissene Kleidung, keine Schuhe und nur eine Streichholzschachtel zum Spielen hatte, zeigt, dass er in ärmlichen Verhältnissen lebte. Die Aufforderung an seine Mutter, dänisch zu stimmen, ist also auch mit der Hoffnung verbunden, dass es ihm in Zukunft finanziell besser gehen wird.

Das vom dänischen Künstler Thor Bøgelund gezeichnete Plakat wurde in der ersten und zweiten Zone benutzt und hatte wohl eine Auflage von ca. 7.500 Plakaten.

Was viele nicht wissen dürften. Der Künstler holte sich die Inspiration für das Plakat von einem anderen Wahlplakat. Zur Wahl der verfassungsgebenden Nationalversammlung Deutschlands am 19. Januar 1919 warben die Sozialdemokraten mit einem Jungen. Zu lesen war: „Mutter! Denk an mich! Wähle sozialdemokratisch“.

Weiterverwendung nach der Volksabstimmung

Auch nach der Volksabstimmung wurde das Plakat, in verschiedenen Abwandlungen, bei anderen Wahlen benutzt. So unter anderem bei der Volksabstimmung um Ostpreußen von der polnischen Seite, bei der Volksabstimmung um das Saarland (1935), bei Amtsratswahlen in Flensburg (1948) und bei der Volksabstimmung um den EU-Maastricht Vertrag (1992).

Das von dem Künstler Paul Haase gezeichnete Plakat mit dem Text: „Ich bin Deutsch“ ist im Grunde genommen der Gegenentwurf zum beschriebenen dänischen Plakat. Der Junge mit der Schleswig-Holstein-Fahne in der Hand sieht, im Gegensatz zum Jungen vom dänischen Wahlplakat, wohlgenährt und fröhlich aus. Klares Zeichen dafür sind die roten Wangen des Jungen. Darüber hinaus sieht seine Kleidung geordnet aus, und er trägt Schuhe. Durch Kleidung, Schuhe und den gesunden Ausdruck soll hier dargestellt werden, dass es ihm in dieser Momentaufnahme gut geht und für ihn auch keine Veränderungen nötig sind. Er möchte weiterhin ein Teil von Deutschland sein.

Unten auf dem Plakat ist zu lesen, dass der Zensurausschuss der internationalen Kommission das Plakat am 06. März 1920 zugelassen hat. Aus dem Datum geht hervor, dass es also für die zweite Zone zugelassen wurde.

Gedruckt wurde das Plakat bei August Westphalen. Eine Firma, die seit 1854 existiert und heute noch als Buchhandlung in Flensburg besteht. Interessant, aber keine Verbindung zum Plakat. A. G. Nissen machte in den 1920er Jahren bei der Firma August Westphalen eine Ausbildung zum Grafiker.

Mehr lesen