100 Jahre Deutsche Minderheit

Teil 5: Unterschlupf privat und in Lagern

Hauke Grella
Nordschleswig
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Foto: Archivfoto: DN

Bereits im Februar 1945 kamen erste Flüchtlinge nach Nordschleswig. Die praktische Arbeit übernahm die deutsche Minderheit zusammen mit der Wehrmacht.

Am 9. April 1940 wurde Dänemark durch deutsche Truppen besetzt. Die Befreiung erfolgte fünf Jahre später, am 5. Mai 1945. Am Tage der Befreiung befanden sich etwa 240.000 deutsche Flüchtlinge in Dänemark. Eingesetzt hatte die Flucht nach Dänemark aber schon Ende Januar, Anfang Februar. Am 12. Februar 1945 kamen die ersten deutschen Flüchtlinge auch nach Nordschleswig. Bei Kriegsende waren es wohl an die 23.000 Flüchtlinge.

Organisiert wurden Verteilung und Unterbringung durch die extra eingerichtete Flüchtlingszentralstelle. Diese unterstand dem in Dänemark verantwortlichen Reichsbevollmächtigten Dr. Werner Best. Unterstützt wurde die Arbeit durch die Außenstellen des Reichsbevollmächtigten, die über Dänemark verteilt lagen. Dies galt im Grunde genommen auch für Nordschleswig. Auch hier hatte die Außenstelle des Reichsbevollmächtigten die übergeordnete Verantwortung. Die praktische Arbeit wurde aber vom Volksgruppenamt der deutschen Minderheit, in Zusammenarbeit mit der Wehrmacht übernommen. Das Volksgruppenamt in Apenrade/Aabenraa war in der Zeit des Nationalsozialismus, der zentrale Verwaltungssitz der deutschen Minderheit.

Als die ersten Flüchtlinge im Februar 1945 nach Nordschleswig kamen, stand es außer Frage, dass es nicht gelingen würde alle privat unterzubringen. Zu diesem Zeitpunkt standen die Lager der Kinder-Land-Verschickung leer. Diese konnten also ohne größeren Aufwand mit einbezogen werden. Aber auch die Beschlagnahmung von Gebäuden, egal ob von Minderheit oder Mehrheit, wurde schnell in Betracht gezogen. Trotzdem gelang es der deutschen Minderheit, einen großen Teil der Flüchtlinge privat einzuquartieren. Eine Zählung vom 22. März 1945 ergab, dass von den zu dem Zeitpunkt ca. 15.300 Flüchtlingen in Nordschleswig etwa 9.000 privat untergekommen waren.

Das Haus Adalbert in Sonderburg war einst ein Versammlungshaus der deutschen Minderheit und diente zeitweise auch als Flüchtlingsunterkunft. In dem Haus entstanden auch die oben abgebildeten Theaterfiguren aus Pappmaschee. Foto: Archivfoto: DN

Die erfolgreiche Unterbringung war vor allem dem Wohlfahrtsdienst Nordschleswig, einer sozialen Einrichtung der deutschen Minderheit, zu verdanken. Dieser war schon 1928 gegründet worden. Zu seinen Aufgabenbereichen gehörten unter anderem die Pflege von Kranken und die Unterstützung von hilfsbedürftigen Familien. Wie auch andere Vereine und Verbände musste sich auch der Wohlfahrtsdienst Nordschleswig in den 1930er Jahren in die nationalsozialistischen Strukturen der deutschen Minderheit eingliedern. Mit Februar 1945 übertrug dann das Volksgruppenamt der deutschen Minderheit die praktische Organisation der Flüchtlingsunterbringung an den Wohlfahrtsdienst Nordschleswig.

Da der Flüchtlingsstrom nicht abreißen wollte, war es unrealistisch, die meisten Flüchtlinge privat einzuquartieren. Deswegen wurden extra Lager eingerichtet, in denen die Flüchtlinge untergebracht wurden. Dies konnten konfiszierte Gastwirtschaften, Jugendherbergen, Hotels und dänische wie deutsche Schulgebäude sein. Insgesamt wurden so über 200 Lager in Nordschleswig eingerichtet.

Die auf dem Foto gezeigten Figuren eines Kasperletheaters stammen aus dem Haus Adalbert in Sonderburg. Hergestellt wurden die Köpfe der Figuren aus Pappmaschee. Nach der Trocknung wurden die Köpfe dann bemalt. An den Seiten und im Inneren der Köpfe ist noch zu erkennen, dass es sich um Zeitungspapier handelt. Das Haus Adalbert gehörte dem Deutschen Bürgerverein Sonderburg und wurde vor und nach dem Zweiten Weltkrieg als Versammlungshaus der deutschen Minderheit in Sonderburg genutzt. Schon während des Krieges wurde es als Flüchtlingsunterkunft gebraucht.

Eine Zählung vom 11. Juni 1945 ergab, dass zu diesem Zeitpunkt 141 Erwachsene und 29 Kinder im Haus Adalbert untergebracht waren. Dies auf nicht einmal 400 Quadratmetern. Nach Beendigung des Krieges wollte man von dänischer Seite die Flüchtlinge sammeln und auch keine private Unterbringung mehr gestatten. Dadurch erhöhte sich die Anzahl im Haus, im August 1945, auf insgesamt 250. Anfangs war es eine gemischte Unterbringung. Dies bedeutete, dass Alte, Erwachsene und Kinder zusammen im Haus wohnten. Im Frühjahr 1946 wurde es aber zu einer Art Altersheim für ältere Flüchtlinge umgewandelt. Zuletzt wurde es dann als Durchgangslager genutzt, für Flüchtlinge, die bald wieder nach Deutschland zurückkehren sollten. Das Haus Adalbert wurde noch bis Juni 1947 als Lager genutzt. Es ist anzunehmen, dass die Figuren des Kasperletheaters aus der Anfangszeit stammen.

Bis zur Befreiung Dänemarks gab es für die Flüchtlinge keinerlei Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Dies änderte sich mit Kriegsende. Dänemark hatte grundsätzlich damit kalkuliert, dass die Flüchtlinge schnell außer Landes gebracht werden sollten. Dem widersprach die Situation in Schleswig-Holstein. Diese war um ein Vielfaches schlimmer als in Dänemark. Deswegen gab es auf Seiten der Alliierten bei Kriegsende kein Interesse daran, die Flüchtlinge aus Dänemark schnellstmöglich nach Deutschland zurückzuführen. Dänemark musste sich auf eine längere Anwesenheit der Flüchtlinge einstellen und begann, größere Lager einzurichten. Gleichzeitig arbeitete man daran, die private Einquartierung zu beenden. Durch die größeren Einheiten fiel die Anzahl von Lagern im Herbst/Winter 1945 auf 50. Die letzten privaten Einquartierungen wurden Anfang 1946 beendet.

Im Februar 1949 verließen die letzten Flüchtlinge Dänemark. Schon im Oktober 1947 waren die letzten Flüchtlinge aus Nordschleswig abgereist.

Foto: BDN
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