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Speerspitze und „Elitetruppe“ der nationalsozialistischen Bewegung

Speerspitze und „Elitetruppe“ der nationalsozialistischen Bewegung

Speerspitze und „Elitetruppe“

Hauke Grella
Hauke Grella Museumsleiter
Nordschleswig
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Marsch der Schleswigschen Kameradschaft durch Sonderburg in „klassischer“ Bekleidung – mit schwarzer Reithose, weißem Hemd mit Schulterriemen Foto: Deutsches Museum Sonderburg

Die Schleswigsche Kameradschaft war eine Organisation mit den Aufgaben Wehrertüchtigung und politische Schulung.

V iele der nationalsozialistischen Organisationen der deutschen Minderheit wurden den „Vorbildern“ aus Deutschland nachempfunden. So wurden 1933 auch Abteilungen der „Sturmabteilung“ (SA) in Nordschleswig gegründet. Diese wurden aber nach kurzer Zeit schon wieder aufgelöst und stattdessen die Schleswigsche Kameradschaft (SK) gegründet.

Laut Peter Larsen, der ab 1. Juli 1941 neben der Leitung des Organisationsamtes der NSDAP-Nordschleswigs auch die Führung der SK übernahm, war diese eine „nationalsozialistische Wehrorganisation“ mit den grundlegenden Aufgaben der Wehrertüchtigung und der politischen Schulung seiner Mitglieder. Zu diesem Zweck wurden die Mitglieder auch zu Schulungen nach Deutschland geschickt.

Das abgebildete Foto zeigt einen Marsch der SK durch Sonderburg. Zu sehen ist die „klassische“ Bekleidung der SK mit schwarzer Reithose, weißem Hemd mit Schulterriemen. Am Arm ist eine schwarze Armbinde mit schwarzem Hakenkreuz auf weißem Grund zu sehen. Dies entspricht auch der Armbinde, die sich in der Sammlung des Deutschen Museums Nordschleswig befindet.

Die „Uniformierung“ der SK hat, gerade nach der Besetzung Dänemarks durch NS-Deutschland, immer wieder zu Diskussionen und Zwischenfällen geführt. Gerade weil in Dänemark grundsätzlich ein Uniformverbot in der Öffentlichkeit herrschte. Aber es ist sicherlich nicht verwunderlich, dass sich die SK nach der Besetzung Dänemarks erst recht über dieses Verbot hinwegsetzte. Verhandlungen zwischen der deutschen Gesandtschaft in Kopenhagen und der dänischen Regierung sorgten dann aber dafür, dass ein gewisser Rahmen für die SK abgesteckt wurde. Dies betraf auch das regelmäßige Durchführen von Schießübungen.

Dass sich die SK uniformiert zeigte, war von deutscher Seite eigentlich kein Problem. Vielmehr, so zeigen es zumindest Quellen auf, war es die Art der Bekleidung.
Die Thematisierung der Grenzfrage vonseiten der deutschen Minderheit war von Berlin unerwünscht bzw. untersagt. Vielmehr fokussierte man von deutscher Seite auf eine „Gemeinschaft“ mit den nordischen Völkern und wollte zusammen mit ihnen, nach einem gewonnenem Krieg, ein „Groß-Germanisches Reich“ bilden. Jegliche Provokation und Agitation, betreffend der Grenze, sollte deswegen unterlassen werden. Symbolisch, so besagen es die Quellen, sollten die weißen Hemden der SK darstellen, dass man noch „unerlöst“ sei. Mit „unerlöst“ war der noch nicht vollzogene Anschluss an Deutschland gemeint.

Foto: Deutsches Museum Sonderburg

Obwohl man der Symbolik der weißen Hemden, von deutscher Seite, kritisch gegenüberstand, hielt Peter Larsen an diesen fest. Dies schreibt er in einem Brief an Jens Möller vom 25. Juli 1941. Dies mit dem Hinweis, dass man „eben noch nicht gelöst von Versailles“ wäre. Sinngemäß sagt er weiter, dass man die von der SA in Deutschland getragenen braunen Hemden ja beim Dienst und bei Geländeübungen der SK tragen könnte.
Wie die Mitglieder der SK zur Grenzziehung von 1920 standen, geht aus einem selbst geschriebenen Lied hervor. Dieses wurde aber aufgrund des Intervenierens des damaligen deutschen Konsuls Lanwer in Apenrade in seiner Verbreitung verhindert. Damit folgte man der allgemeinen Linie, dass die Grenzfrage nicht thematisiert werden sollte. In der ersten Strophe heißt es:


Durch Schleswig Land marschieren wir, für Deutsch-Nordschleswig kämpfen wir.

Das Schanddiktat, reisst es entzwei!

Parole heisst: Achtung – Frei von Versailles!

Die SK sollte eine Art „Elitetruppe“ der nationalsozialistischen Bewegung innerhalb der Minderheit sein. Im öffentlichen Erscheinungsbild gegenüber der Mehrheitsbevölkerung nahm die SK durch ihre Aufmärsche viel Platz ein. Allein schon durch ihr uniformiertes Auftreten. 1942 gab es etwa 40 Standorte der SK. Diese hatten zusammen rund 1.800 Mitglieder. De facto war die SK eine paramilitärische Organisation, die, wenn auch nicht mit dem Segen der oberen Strukturen, auch diesbezüglich aktiv wurde. So beseitigten sie bei der Besetzung Dänemarks am 9. April 1940 Wegsperrungen, damit die Wehrmacht ungehindert voranschreiten konnte oder widersetzten sich der Inhaftierung eines ihrer Mitglieder durch die dänische Polizei.

Auch für die Werbung, sich freiwillig für den deutschen Kriegsdienst zu melden, wurde die SK eingesetzt. Durch den Arbeitseinsatz außerhalb Nordschleswigs und den Kriegsdienst rekrutierte die SK später auch ältere Altersgruppen. Durch Gründung von Selbstschutz- und Zeitfreiwilligenkorps wurde die SK noch weiter bei der Anzahl an aktiven Mitgliedern dezimiert. Durch die militärische Ausbildung der Zeitfreiwilligen bestand auch nicht mehr der gleiche Bedarf an Schießübungen.

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