100 Jahre – 100 Gegenstände – 100 Geschichten

Deserteure am Ende des Zweiten Weltkriegs

Deserteure am Ende des Zweiten Weltkriegs

Deserteure am Ende des Zweiten Weltkriegs

Hauke Grella
Hauke Grella Museumsleiter
Nordschleswig
Zuletzt aktualisiert um:
Ein Karabiner – als Standardmodell im Krieg vielleicht nichts Besonderes – erzählt eine Geschichte Foto: Deutsches Museum Sonderburg

Ein Karabiner – als Standardmodell im Krieg vielleicht nichts Besonderes – erzählt eine Geschichte

Das Deutsche Museum Nordschleswig ist weit davon entfernt, ein Militärmuseum zu sein. Trotzdem befinden sich in unserer Sammlung natürlich auch militärische Ausrüstungsgegenstände und Waffen. Gesammelt werden Letztere nicht aus Faszination an der Waffentechnik, sondern weil diese, ebenso wie viele andere Gegenstände, eine besondere Geschichte zu erzählen haben.

Genauso verhält es sich auch mit Karabiner 98K. Das Modell ist im Grunde genommen das Standardmodell der Wehrmacht vor und während des Zweiten Weltkriegs gewesen. Als Gegenstand an sich also nichts Besonderes.

Wann genau das Gewehr nach Dänemark gekommen ist, lässt sich schwer nachvollziehen. Folgende Erzählung wurde uns aber von Zeitzeugen überliefert: Danach stammt das Gewehr von einem Wehrmachtssoldaten, der als Besatzungssoldat nach Dänemark kam. Wenige Wochen vor der Kapitulation entschied sich dieser Soldat zu desertieren.

Dies hätte für den Soldaten schwerwiegende Folgen haben können. Wäre er von seinen Landsleuten ergriffen worden, wäre er sehr wahrscheinlich wegen „Fahnenflucht“ zum Tode verurteilt worden.

Wie viele wirklich verurteilt und dann auch hingerichtet wurden, ist heutzutage schwer nachzuvollziehen. Schätzungen gehen von bis zu 23.000 Verurteilten und etwa 15.000 vollstreckten Urteilen aus.
Der desertierte Soldat hatte Glück. Er wurde bis zur endgültigen Kapitulation Deutschlands von einem Dänen auf der Halbinsel Loit/ Løjt auf einem Dachboden versteckt. Dieser stand dem dänischen Widerstand nahe. Als der Soldat die Heimreise antrat, blieb die Waffe zurück. Die Familie und der Soldat hatten auch nach den Geschehnissen des Jahres 1945 noch Kontakt.

Da die Familie, die den Soldaten versteckte, typisch für das Grenzland, dänische und deutsche Zweige hatte, gelang die Waffe über den „deutschen“ Zweig der Familie dann in unser Museum.

Wie extrem es den deutschen Soldaten hätte treffen können, zeigt ein anderes Beispiel aus Nordschleswig. Am 3. Mai 1945 kam das Minensuchboot M 616 nach Sonderburg. Es hatte den Auftrag, eingeschlossene deutsche Truppen aus dem Baltikum zu evakuieren. Nach der Betankung des Schiffes in Fredericia machte es sich auf den Weg. Während der Fahrt, am Abend des 4. Mai, erhielt man über Funk die Meldung der Teilkapitulation. Diese sollte am 5. Mai 1945 um 8 Uhr in Kraft treten. Die Matrosen entschieden sich deswegen, den Kapitän und die Offiziere von M 616 gefangen zu nehmen und einen Kurs Richtung Kiel zu setzen.

Bei der Durchquerung des Alsensund wurden sie aber von zwei deutschen Schnellbooten aufgehalten und ohne Gegenwehr gefangen genommen. Gegen Abend des 5. Mai trat ein Standgericht zusammen und verurteilte elf der Matrosen zum Tode. Während man in der Stadt Sonderburg die Befreiung feierte, wurde vor der Stadt das Urteil vollstreckt. Die Leichen wurden beschwert und in den Sund geworfen. Erst viel später tauschten sieben der elf Leichen wieder auf. Diese wurden dann auf dem Friedhof bei der Sonderburger Christianskirche begraben.
Leider blieb das Beispiel der Marinesoldaten das einzige Beispiel der verblendeten Militärjustiz um und nach der Kapitulation.

Mehr lesen