Neujahrstagung

„Wovor fürchten sich, ja, wovor sollten sich Journalisten fürchten?“

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Sankelmark
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Jens Jessen in Sankelmark. Foto: Karin Riggelsen

„Zeit“-Journalist Jens Jessen referierte am Freitagabend über die Furcht der Journalisten.

„Wovor fürchten sich, ja vielmehr, wovor sollten sich Journalisten fürchten?“ Darüber referierte und philosophierte „Zeit“-Journalist Jens Jessen am Freitagabend.
„Journalisten fürchten sich davor, dass ihnen niemand zuhört, wie bei den Lehrern. Jeder Journalist glaubt, er hätte etwas zu erzählen, man will etwas erzählen, vermitteln.

Doch die Konkurrenz um Aufmerksamkeit kann auch ein Unheil sein“, so Jessen, der in Folge die durch das Internet entstehende Konkurrenz zwischen Journalisten sowie zwischen Journalisten und Publikum erläuterte, die Zusammenhänge zwischen der Identitätspolitik der amerikanischen Linken bis hin zur identitären Bewegung der neuen Rechten herleitete, die Verknüpfung zwischen der Flüchtlingsfrage und der Spaltung so mancher Bevölkerung herstellte, den Begriff der Lügenpresse näher betrachtete und das Internet als mögliches Angriffsinstrument beleuchtete.

Lügenpresse

„Es geht nicht um Lügen als solche, die der Presse vorgeworfen werden. Es geht um Meinungen, die vertreten werden. Die Lügenpresse ist ein Kampfbegriff im Streit um die Meinungshoheit“, so Jessen, der daraufhin auch auf den Begriffe Fakten und Wahrheit einging. Was sind Fakten? Wann ist etwas ein Faktum? Wenn darüber geredet wird? Wenn in einer Frage eine Übereinkunft besteht? Jessen zeigte mit philosophischem Feingeist, wie schwer wesentliche Fakten auszumachen sein können – und wie schnell das Selbstverständliche bei einem Gegenüber mit anderer Meinung nicht mehr als gegeben gilt.

Wann ist ein Mensch ein Flüchtling? Was bedeutet eigentlich Asyl? „Oft gibt es zwei völlig verschiedene Erzählungen, zwei verschiedene Fakten, unterschiedliche Abbildungen.“ Die neuen Rechten bedienten sich in zunehmendem Umfang der Vorgehensweise, die Meinungsdeutung zu übernehmen, mit Presse und Medien, „der letzten Bastion der Linken“ als Feind. Dahinter, so Jessen, stehe letzten Endes, so banal das auch scheinen möge, ein Kampf zwischen Links und Rechts.

Durch Einordnungen in soziale Milieus entstehe in der öffentlichen, aber auch in der persönlichen Diskussion ein gefährlicher Reduktionismus, durch den Argumente weggewischt und Gräben zwischen Globalisierungsfreunden und -Feinden immer tiefer würden. Jessen plädierte, das Mitgefühl, die Empathie, zur Leitschnur des Handelns zu machen, nicht jedoch das Einordnen in wie auch immer geartete Milieus.

Und wie, so mehrere Fragen und Anregungen aus dem Publikum, kann die Presse, kann die Gesellschaft diesen Grabenkämpfen, dem Unverständnis, entgegenwirken? „Gegenseitiges Einfühlungsvermögen“, so Jessen. Mit seinem Vortrag und der damit einhergehenden tiefergreifenden gesellschaftspolitischen und pressemoralischen Bestandsaufnahme konnte das Verständnis der Zuhörer an diesem Abend jedenfalls wachsen.

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