Interview

Bischof Westergaard: „Friedhöfe sind für alle da“

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Ribe
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Foto: Helge Möller

Mit seinem Vorstoß, Kirchhöfe für Gläubige anderer Religionen weiter zu öffnen, hat der Ripener Bischof Elof Westergaard eine landesweite Debatte ausgelöst.

Auf den Friedhöfen lichten sich die Reihen. Warum ist das so, und wie kann gegengesteuert werden? Der Bischof des Bistums Ribe, zu dem auch die Propstei Tondern gehört, Elof Westergaard, hat mit seinen Antworten darauf eine Debatte ausgelöst. Der Nordschleswiger hat bei ihm nachgehakt.

Hat Søren Abildgaard, der Vorsitzende des Landesverbandes der Gemeinderäte, recht damit, dass es ja schon freien Zugang für alle auf den Friedhöfen gibt – und ist das denn überhaupt allgemein bekannt?

Da hat er vollkommen recht, das dass so ist. Doch die Diskussion der vergangenen Tage über dieses Thema macht ja deutlich, dass das nicht allgemein bekannt ist. Was ja für die dänische Friedhofskultur gilt und was die evangelisch-lutherischen Friedhöfe geprägt hat, ist doch, dass alle dort liegen können. Ungeachtet, ob die Kommunen die Friedhöfe betreiben, wie in den sechs größten Städten, oder ob es die Kirchen sind, die ja die allermeisten Friedhöfe betreiben. Alle können da liegen. Manche irritiert das vielleicht ein wenig, aber das heißt ja nicht, dass in den Kirchen alles Mögliche vor sich geht. Das ist der Ort, wo christliche Gottesdienste gefeiert werden. Aber draußen auf dem Friedhof, da können alle Bewohner der Gemeinde begraben werden.

Sollte also mehr Werbung für die Friedhöfe gemacht werden?

Ich glaube, dass wir daran erinnern müssen, was schon jetzt gegeben ist. Vielleicht haben auch einige Politiker dazu beigetragen, dieses Bild etwas zu stören, wenn sie zum Beispiel Anfragen von einer humanistischen oder atheistischen Gesellschaft bekommen haben, die neue Friedhöfe auf ungeweihter Erde haben wollen.

Sie sind dann möglicherweise davon ausgegangen, dass da jemand eine andere Form von Friedhof haben will, ohne daran zu denken, dass Atheisten ja durchaus auch auf kirchlichen Friedhöfen begraben werden können. Hier steht also ein Aufklärungsprojekt an, und das war mein Anliegen.

Hier im Grenzland liegen Dänen und Deutsche Seite an Seite auf den Friedhöfen. Doch die Deutschen müssen mehr für ihr Grab bezahlen, weil sie nicht Mitglied der Volkskirche sind. Die deutsche Gemeinde bezahlt dann die Differenz. Aber was ist mit den Angehörigen anderer Religionen? Sollte es für sie eine Art Sparkonto oder Ähnliches geben?

Also erst mal stimmt es, dass die, die nicht Mitglied der Volkskirche sind, einen Preis für den Erwerb einer Grabstätte zahlen. Bei denen, die Kirchensteuer zahlen, geht etwa ein Viertel ihrer Kirchensteuer jährlich an den Betrieb der Friedhöfe. Wir bezahlen also über den Mitgliedsbeitrag jährlich eine ganz beträchtliche Summe an den Friedhofsbetrieb. Da ist es dann ja nur angemessen, dass die, die nicht Mitglieder der Volkskirche sind und die Friedhöfe nicht mitfinanziert haben, auch einen Betrag bezahlen, um dort liegen zu können.
Man zahlt ja als Nichtmitglied für den Erwerb der Grabstätte, und da finde ich die Frage sehr gut – sollte es eine Art Sparkonto oder Ähnliches geben? Das beschäftigt mich nämlich selbst auch sehr. Könnte man hier auf andere Weise denken? Ich habe dazu derzeit keinen konkreten Vorschlag, aber ich bin überzeugt, dass wir da in der Volkskirche hingucken sollten.

Mein Vater war Mitglied einer Grundtvigschen Wahlgemeinde. Da ist das über den Gemeindebeitrag bezahlt worden, als er vor einigen Jahren starb. Das kann man also in der einzelnen Wahlgemeinde oder in der anderen Glaubensgemeinschaft, der man angehört, machen. Aber es kann durchaus sein, dass man auf längere Sicht eine neue Regelung findet, das will ich nicht ausschließen, aber einen konkreten Vorschlag habe ich nicht.

Ist es vielleicht einfach zu teuer, sich auf einem Friedhof bestatten zu lassen, besonders nachdem 2012 die Preise für die Grabpflege angehoben wurden, weil die Friedhöfe seither kostendeckend arbeiten müssen?

Nach 2012 ist ja Folgendes geschehen: Volkskirchenmitglieder bezahlen für die gemeinsamen Bereiche auf den Friedhöfen. Das, was auf dem einzelnen Grabplatz vorgeht, das ist das, wofür dann der einzelne bezahlt. Und das wird nach dem Selbstkostenprinzip abgerechnet. Und es stimmt, dass diese Kosten gestiegen sind.

Aber zugleich wird auch daran gearbeitet, ob es nicht neue Grabstättenformen geben kann. Wenn man einen Friedhof von heute mit einem Friedhof von vor zwanzig Jahren vergleicht, dann gibt es viele neue Bereiche, mehr Grasflächen oder grüne Bereiche, dafür weniger individuelle Grabstätten, in gewisser Weise mehr billige Lösungen. Also es ist schon richtig, dass es teurer geworden ist – aber nicht teurer als das, was die Leistung, die man für die einzelne Grabstätte bekommt, tatsächlich auch kostet.

Warum entscheiden sich dann so viele für ein Urnengrab bzw. eine Einäscherung? Ist das nicht eine Geldfrage oder ist es auch eine kulturelle Frage, wenn selbst Prinz Henrik sich einäschern lässt?

Wieder eine sehr gute Frage. Auf jeden Fall beobachten wir, dass das im Laufe der vergangenen hundert Jahre von etwa einem Prozent auf heute landesweit über 80 Prozent gestiegen ist. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das ökonomische Ursachen hat, dass Urnenbestattungen weniger kosten. Es kann aber durchaus auch eine kulturelle Frage sein, ein inneres Bild der Natur, das hier zur Geltung kommt. Der Friedhof unterliegt ja einer Verwandlung seit dem 19. Jahrhundert, von einer Stätte des Gedenkens hin zu dem, was er heute ist, eigentlich mehr ein Ort des Vergessens, denke ich manchmal.

Und diese immer schneller werdende Gesellschaft, in der wir leben, spielt mit rein. Es dauert neun Monate, bis wir auf die Welt kommen, aber es dauert nicht sehr lange, bis man verbrannt und zur Urne geworden ist. Das hat also auch etwas mit Kultur zu tun. Ich glaube, es kann auch eine Rolle spielen, dass wir in einer mobileren Gesellschaft leben, wo wir in den Familien an ganz unterschiedlichen Orten wohnen. Und schließlich glaube ich, dass das mit den Urnen, nun wurde Prinz Henrik genannt, das Ausstreuen über dem Meer, dass es da ein inneres Bild der Natur gibt, wo bei vielen der Wunsch gewachsen ist, ein Teil der Natur sein zu wollen.

Aber ist man nicht auch Teil der Natur, wenn man in einem Grab liegt?

Ja, das denke ich. Der Friedhof wird als der andere Ort begriffen, wenn ich mit Menschen darüber spreche, als der Ort, an dem wir unsere Toten begraben. Aber es ist ja auch der Ort, an dem wir ein Danke für das Leben, das wir miteinander gelebt haben und die Liebe, die wir füreinander empfunden haben, zum Ausdruck bringen. Deshalb ist es in vielerlei Hinsicht ein unglaublich menschlicher Ort. Hier finden Trauer, Vermissen und Dankbarkeit ihren Ausdruck.
Für den, dem es etwas bedeutet, ist der Friedhof ein guter Ort, um die zu grüßen, die dort liegen. Auf dem Friedhof werden wir daran erinnert, wie kurz das Leben ist, aber auch an alles, für das wir danke sagen können, und wir werden an die Geschichte erinnert, von der wir ein Teil sind.

In Jyllands-Posten sagte Christian Langballe (DF), dass Sie „Multikulti-Quatsch“ erzählen und dass Friedhöfe nur für Christen da sein sollten. Hat er recht? Ist das Teil der christlichen Botschaft?

Das hier ist kein bisschen Multikulti-Quatsch. Im Gegenteil. Es ist ein Ausdruck für das, was durch und durch evangelisch-lutherisches Christentum ist, dass hier auf dem Friedhof alle liegen können. Wir als Christen, egal wo wir begraben werden, ob am Meeresgrund oder auf dem Friedhof oder wo auch immer, haben das Vertrauen, in Gottes Händen zu sein.
Den Friedhof macht es aus, dass es Platz für alle gibt. Dass es sich um geweihte Erde handelt, bedeutet nicht, dass es ein Ort ist, der ausschließt, ganz im Gegenteil, es ist ein Ort, der einschließt, ein Ort, wo Platz für alle ist – und das ist doch Teil der christlichen Botschaft, würde ich meinen.

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