| 01. April 2011 - von Sara Kannenberg
Raus hier! Als Journalistin braucht man nicht nur am Wintermantel ein dickes Fell, wenn einem die Widrigkeiten des Berufes – Hagelstürme auf dem Truppenübungsplatz oder Gegenwind im Interview – mal wieder auf den Pelz rücken. Beispielsweise im Gericht. Regelmäßig werde ich nach Verlesung der Anklageschrift zum Verlassen des Saals aufgefordert, in dessen Mitte ein meist Anfang 20-jähriger Dieb sitzt, dessen Komplize noch auf freiem Fuß ist. Die Ermittlungen laufen noch, raus mit den Berichterstattern! Als Randnotiz sei in diesem Zusammenhang festgehalten, dass der Räuber von heute auffällig oft Bulldoggen-Print, Jogginghose und Nike-Schuhe mit Luftkernkissen trägt. Die Mode macht offenbar auch um Einbrecher keinen Bogen. Auf jeden Fall beantragt die Anklageseite Mal um Mal den Ausschluss der Öffentlichkeit. Rein aus Reflex und Gewohnheit, wie mir scheint. Denn selbst wenn alle Beteiligten eines Bäckereiüberfalls reumütig und geständig nebeneinander sitzen und die Polizei die Wohnung sämtlicher Sonderburger Kleinkrimineller erfolgreich nach Backware und Dope gefilzt hat, selbst wenn alle Taten auf dem Richterpult liegen und alle Täter an den Tischen davor, selbst dann beantragt die Anklage eine Verhandlung hinter geschlossenen Türen. Natürlich leuchtet es mir ein, dass ein Täter auf freiem Fuß die Argumentationskette seines Komplizen nicht aus der Tageszeitung erfahren sollte. Da macht ein Ausschluss meiner Zunft durchaus Sinn. Oft habe ich aber eher das Gefühl, als habe die Anklageseite keine Lust auf zu viele Menschen im Saal. Raus hier, sagt dann zumeist der folgsame Richter und komplimentiert mich und die Zuschauer aus den hinteren Reihen, beispielsweise die aufgedonnerte Freundin des Anabolika-Dealers, aus dem Saal. Fairerweise werden wir Journalisten vorher nach unserer Meinung gefragt. Beim ersten Mal war ich doch sehr erstaunt, als der Herr Richter mich ansprach um meine Sicht der Dinge zu erfahren. Mehr als ein zartes »Dagegen?« war damals nicht drin. Mittlerweile trage ich ausgefeilte Argumentationsketten vor. Ein einziges Mal ist es mir bislang gelungen, erfolgreich Einspruch gegen den Antrag der Anklägerin einzulegen. 1:146 für mich. Ich wollte schon immer mal eine leidenschaftliche Rede vor Gericht halten und da ich weder Anwältin noch Mörderin geworden bin, lebe ich meine Gerichtssaal-Auftritte nun als protestierende Journalistin aus. Mittwoch bin ich aber ganz zahm aus dem Saal geschlichen. Mittäter auf freiem Fuß. Raus hier. Was die Journalistin vom Nordschleswiger denn dazu sage? fragte der Richter. »Ach, was soll ich sagen. Macht in diesem Fall ja auch wirklich Sinn.« Leis stand ich auf und ging. Ich habe mittlerweile gelernt, Niederlagen mit Würde zu begegnen. |
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