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Donnerstag, 30. Dezember 2009
Hier und jetzt

Kürzlich stand ich auf der Suche nach einem alten Artikel vor unserem Zeitungsdepot in der Sonderburger Lokalredaktion und blickte auf all die dicken Einbände, in denen die Geschichte vergangener Jahrzehnte fein säuberlich archiviert ist. Zeitung für Zeitung. Tag für Tag. Ich blickte auf mittlerweile vergilbte Ausgaben. Die Namenskürzel vor oder hinter den Artikeln sagten mir zum Teil ebenso wenig etwas wie Bürgermeisternamen vergangener Epochen. Sic transit gloria, pflegten die alten Griechen aus einer Art Hochmut, Genugtuung und Fatalismus zu sagen, so ändert sich der Ruhm. Tatsächlich gibt es kaum einen besseren Gloria-Transistor als eine alte Tageszeitung. Die Wahl eines Vorsitzenden im Jahr 1982 ist da zu lesen, 1992 ein Blumenstrauß fürs Zehnjährige und schließlich nach 18-jähriger Amtsführung der ehrenvolle Ausstand in den nun aber wirklich verdienten Ruhestand. Vereinsfeste, Wahlen, Umbauten, Abschied und Neuanfang – einst gelebte Momente, festgehalten auf gelblichem Papier. Nichts ist so gefährlich für Ruhm und Bekanntheit, Ansehen und Ehre, Gesundheit und Glück wie der scharfe Zahn der Zeit. 2020 werde ich gänzlich andere Funktionäre und Amtsträger interviewen als heute. Werde ich überhaupt noch interviewen und schreiben? Gibt es den Nordschleswiger dann noch? Wird es mich noch geben? Silvester 2000 stand ich auf der Schwäbisch Haller Michelstreppe und auf mich herab regnete es güldenes Lametta. Hätte mir damals jemand gesagt: »In fünf Jahren sprichst du dänisch und arbeitest in Nordschleswig« hätte ich geantwortet: »Nordschleswig? Wo liegt das denn?« und vor lauter Lachen einen Lamettaschnipsel inhaliert. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Der Blick zurück ein Blick auf viele dick eingebundene und oft genug überraschende Kapitel in unserem Leben. Selbst das Archiv der Vergangenheit unterliegt offenbar dem Wandel der Zeit. Mittlerweile werden unsere Zeitungsseiten in PDF-Form abgespeichert und auf der zentralen Festplatte gehamstert. Gigabites statt gelblichem Papier. Immer sofort abrufbar, es sei denn, die Technik streikt mal wieder und verschluckt diverse Tagesausgaben auf nimmer Wiedersehen. Und so stand ich im Archiv und stellte fest: So interessant und spannend es auch sein kann, in alten Ausgaben zu stöbern – man vertrödelt jede Menge Zeit damit. Und raubt der Gegenwart ihr Recht auf Aufmerksamkeit. Das Jetzt will gelebt werden – und zwar nicht im Schatten längst vergilbter Seiten. Es ist gut, um ein Archiv zu wissen. Doch wichtig sind die Menschen und Erlebnisse im Hier und Jetzt. Und so ging ich, anstatt in alten Archiven zu graben, lieber zurück an den Schreibtisch, wählte eine Telefonnummer und machte einen ersten Interviewtermin für 2010 aus. Wen interessiert die Zeitung von gestern, wenn die von heute druckfrisch auf dem Tisch liegt und man bereits an der Ausgabe von morgen feilen darf. Und das Schöne ist doch: Das Heute schreiben wir jeden Tag neu. Egal wie unleserlich verblasst die Zeitungsseiten von früher sind, es geht immer nur das Heute in Druck.

Mittwoch, 23. Dezember 2009
Zankereien am Zimtkekstöpfchen

Herzlich willkommen im Weihnachtsurlaub 2009! Wenn mir der Schneematsch keinen Strich durch die Reiserechnung macht, rutsche ich gerade über die A7 gen Süden. Im Gepäck einen nicht unwesentlichen Bestandteil nordschleswigscher Geschenke, die dem Stauraum meines Zweitürers das Äußerste abverlangen. Der Kalender vom Sozialdienst für eine schwäbische Küche, walnussverzierte Schokostangen aus Sonderburg für die Oma aus Ostpreußen und eine rote Kuchenplatte aus der Alten Apotheke aus Tondern für die Schwester aus Stuttgart. Neben diversen Gegenständen werde ich als rollender Landeskurier in diesem Jahr Nordschleswig auch subkulturell in meine alte Heimat transportieren. Das Rezept für Ris à la Mande steckt im Köfferchen hinten rechts und diverse Erzählungen aus meinem Alltag als Journalistin in Süddänemark im Kopf. Vorweg habe ich mir meine Top-Ten-Liste der Überschriften zurechtgelegt.
Denn die richtige Überschrift macht einen Artikel ja erst komplett und verankert sich in unserem Gedächtnis. Während meiner Reisevorbereitungen kam mir Folgendes in den Sinn: Ergibt sich die passende Überschrift erst aus dem Geschriebenen oder bestimmt man mit der passenden Überschrift überhaupt erst den Inhalt? Als die Kopenhagener Klimaverhandlungen nach Tagen der Diskussion mau im 2 Grad kalten Abwasser dahindümpelten, wurde aus Hopenhagen Floppenhagen, die Überschrift folgte den Ereignissen. Die erste Überschrift hatten den Realitäten nicht standgehalten.
Und wie ist das mit unseren Überschriften im Leben? Was steht in drei Tagen hinter »Weihnachten 2009«? Die Frage ist doch, ob wir uns mit einer gewünschten Überschrift nicht selbst eine Brücke in den Textfluss darunter schlagen können. »Weihnachten 2009 – Zankereien am Zimtkekstöpfchen« dürfte geradewegs in ein minder friedliches Weihnachtsfest führen. Ebenso wie »Kränkungen rund um den Kartoffeltopf« oder »Streit eskaliert – Sticheleien auf dem Spaziergang«. Wenn ich mein Weihnachtsfest aber 2009 unter Überschriften wie »Friede am Fondue-Topf«, »Einfühlungsvermögen und Ente satt« oder »Verwandte leicht gemacht – hinhören statt drüber herziehen« stelle, schaffe ich zumindest schon mal eine vorläufige, berichterstattende Tendenz in der weihnachtlichen Tageszeitung. Doch was machen wir mit Zeilen wie »Wenn die langen Festtage kommen – einsam am Essenstisch« oder »Krankheit – Umtausch ausgeschlossen«? Wenn die Schattenseiten unseres Seins unsere Überschriften düster stimmen, ob wir wollen oder nicht?
Nun, wenn wir die Überschriften nicht ändern können, bleibt uns immer noch das Textfeld darunter. Das wir trotz oder gerade wegen einer uns nicht passenden Überschrift kämpferisch, mutig oder hoffnungsvoll vollschreiben können. So kann man jeden Tag ein weiteres Stück Geschichte schreiben. Kämpferisch, mutig und hoffnungsvoll. Am Ende ist es doch so: Es gibt im Leben einen Prozentsatz an Überschriften, unter die wir unser Sein stellen müssen. Dann aber gibt es jene, die wir selbst schaffen können. »Weihnachten 2009« steht nun im Kalender. Für Text und Unterzeile sind wir selbst verantwortlich. In diesem Sinne – frohes Schreiben!

Sonnabend, 19. Dezember 2009
Lametta fürs Herz!

Kinder, es ist Zeit für den Endspurt. Die Terminkalender quellen über vor Adventsfrühstücken, Weihnachtsfeiern, Punschen mit Toten Tanten und Geschenkwanderungen durch Lametta behangene Kaufhäuser. Besenstil lange Einkaufslisten im Supermarkt-Labyrinth und auch Keksschlachten in Teig verschmierten Küchen haben ihre Spuren in unseren Rezeptbüchern für gelungene Adventsgestaltung hinterlassen. Es klebt und kneift, und ich stehe kurz davor, dem blechern singenden Weihnachtsmann vor einem Sonderburger Bekleidungsgeschäft das Maul mit Blättern aus meinem Notizblock zu stopfen. Heute in einer Woche ist alles vorbei. Die Pute verputzt und die Mandel im Ris à la Mande heimlich verschluckt.

Und während sich die Hektik der letzten Adventswoche wie in jedem Jahr gleich mit dem Gedudel in unseren Ohren zum finalen Weihnachtsoramartyrium aufschwingt, beschleicht mich dieser Tage einmal mehr das Gefühl, das Loriot einst mit dem Satz »Irgendwie war früher mehr Lametta« so trefflich auf die Tannenbaumspitze brachte. Wo ist es hin, das verzauberte Gefühl aus der Kindheit, das frohlockende Erschaudern vor dem Weihnachtsfest?

Ich weiß noch, wie ich mich vor rund 18 Jahren des Nachts ins Wohnzimmer schlich, wenige Stunden nach der Bescherung. Ich setze mich unter den nach Wachskerzen und Nadelsaft duftenden Baum, streichelte meine neue Satteldecke mit Anti-Rutschbehaftung (mein Pony war recht fett und hatte einen zu runden Rücken) und verharrte im Wissen, etwas ganz und gar Wunderbares zu erleben, im stillen Zimmer. Ich habe auch in den vergangenen Jahren durchaus bewegende Geschenke und Momente bekommen. Doch eins ist nicht mehr: das Weihnachtsgefühl aus der Kindheit. Glückseligkeit und Geborgenheit Hand in Hand. Und jetzt frage ich mich: Wo ist es hin? Aufgefressen von Terminen? Überdröhnt vom Gedudel? Verhallt im Kaufhaus der Nichtigkeiten? Zerknüllt in Bergen von Geschenkpapier? Verkauft an den Konsum? Zerquetscht von der Hektik des Alltags? Ich kann so viele Kekse mit selbstgemachter Marmelade bestreichen, wie ich will (klappt auch mit gekauftem Mürbeteig ganz prima!) – irgendwie war früher mehr Lametta auf meinen Gefühlen.

Manche, die ich in den vergangenen Tagen zu jedweden Weihnachsthemen interviewt habe, gaben mir durch ihre Antworten die Kolumne in die Fingerspitzen. »Macht man halt so an Weihnachten« oder »froh, wenn der ganze Trubel rum ist« kamen da als Antworten auf vorweihnachtliche Fragen. Was passiert mit uns, zwischen Kindheit und Erwachsensein? Liegen unsere Rezeptoren für echte Glücksgefühle mittlerweile verschüttet unter erlebten Gemütsbrocken? Doch meine fragende Journalistennase konnte das nicht so stehen bzw. liegen lassen. »Und was bedeutet dir Weihnachten persönlich?«, fragte ich einmal. »Es ist ein Zurückfühlen in glückliche Tage« notierte ich als Antwort in meinen Block. Auch wenn das fette Pony inzwischen tot und die Jahre vergangen sind: Ich bin mir sicher, tief in uns sind die Rezeptoren noch funktionabel. Vielleicht sollten wir uns einfach mal auf die Suche machen und uns den Advent zur Brust nehmen, um in uns aufzuräumen. Der schöne Schein ist nichts, wenn er künstlich ist. Kein Wunder, dass wir uns im Neonlicht der Kaufhäuser nach Wärme und Wahrhaftigkeit sehnen. Wichtig ist, dass unsere Herzen leuchten. Wer braucht da noch mehr Lametta!

Sonnabend, 12. Dezember 2009
Versunkene Welten

Huch, dachte ich neulich, als mir nachmittags um 15.30 Uhr der Mond in all seiner Pracht den Weg leuchtete. Und während sich die beginnende Nacht silbern im Alsensund widerspiegelte, fragte ich mich, ob derlei kurze Tage, die im Dunkeln beginnen und ebenso schnell düster wieder enden, eigentlich Symbolkraft für den Kopenhagener Klimagipfel haben. Denn rappelduster soll sie es ja aussehen, unsere Zukunft auf der Erde, wenn wir Menschen es nicht demnächst mal hinkriegen, unsere Umwelt ordentlich und verantwortungsbewusst zu behandeln. Ich meine, wie lange können wir denn noch trockenen Fußes auf der Terrasse des Alsion unseren Cappuccino schlürfen? Schnappen uns in 15 Jahren bei derlei Pausen die Delfine das Lachsfilet im Vorbeischwimmen vom Teller? Lässt der Tonderner Ökonomieausschuss bald Schwimmflügel in beige für Hoyeraner Schafe springen? Oder können wir, nachdem der Golfstrom seinen Dienst an der Menschheit eingestellt hat, mit Schlittschuhen nach Flensburg düsen? Vorbei am verlassenen, halb versunkenen Haus Quickborn am Kollunder Strand? »Dort, mein Kind«, werden wir uns seufzend hören, »haben wir einst während Freizeiten auf der Terrasse gesessen, gespielt und Sonne getankt. Komm her, hier ist ein schneefreier Fleck. Schau durchs Eis, hier unten links, dort wo gerade der mutierte Mondfisch schwimmt, dort haben wir immer gesessen. Hach, das waren Zeiten...«
Es wird einem ja ganz übel vor Schuldgefühlen, wenn ich daran denke, was allein meine Fahrerei quer durch Nordschleswig so an CO2-Gift verursacht. Andererseits bleibt die Zahl von rund drei Tonnen doch recht schwammig. Da meine Abgase ja nicht quadratisch und kiloweise, sondern federleicht und vergast aus dem Auspuff entrinnen. Das muss man sich mal vorstellen: drei Tonnen CO2! Das sind immerhin 1.000 Chihuahuas auf einem Fleck! Ich meinerseits wäre ja gerne bereit, meine Arbeit als Journalistin per Ponyexpress zu verrichten. Doch für einen Ritt von Tondern nach Röm und zurück in die Osterstraße bräuchte ich rund drei Tage. Und am Ende würde doch jemand daherkommen und meine bei Ballum verlorenen Pferdeäpfel gegenrechnen. Irgendwo muss man aber doch beginnen, dem Wahnsinn da draußen Einhalt zu gebieten – aber wo? Vielleicht mit dem persönlichen Blick auf die eigene (Um-)Welt. Denn stell dir vor, die Welt geht unter, und keiner tut was. Auch wenn wir bald 7 Mrd. Menschen auf Erden sind, die Eigenverantwortung wird deshalb nicht kleiner. Schließlich sind es die Menschen – abgesehen von permanent pupsenden Kühen – die das Weltklima verändern. Vermögen wir es nun, unser Verhalten zu verändern?
Ich würde gerne mal mit Delfinen schwimmen – aber bitte nicht im Alsensund. Es reicht, wenn sich darin diverse Schweinswale tümmeln (und damit meine ich nicht die Touristen). Nicht ganz so elegant vielleicht, aber mit einem Mondstreif Silber kommt das schon fast hin...Ich werde mich im Sommer mal des Nachts zu Wasser lassen und mitplanschen. Huch, werden die Schweinswale dann denken, eine silberne Seekuh im Bikini! In diesem Sinne mögen der Kopenhagener Runde nicht nur der Mond, sondern vor allem diverse Solarlichter aufgehen. Damit wir in ein paar Jahren nicht alle sagen: Huch, jetzt ist es doch tatsächlich zu spät...

Sonnabend, 05. Dezember 2009
Sara Scrooge

Seitdem ich als Fünfjährige auf dem Weg zum Weihnachtsmann mit meiner Ferse wahrhaft eindrücklich in eine Reißzwecke getreten bin, stehe ich mit den modernen Weihnachtstraditionen auf gepinntem Kriegsfuß. Ich konnte nasal trötenden Nikoläusen und Weihnachtsmännern fortan nichts mehr abgewinnen und habe sofort die Jeanshosen unter dem ein oder anderen Rotsaum ausgemacht, und die Männer darunter stets mit Argwohn betrachtet. Auch gelbe Nikotinspuren am Rauschebart hielten mich immer wieder davon ab, mich einem wildfremden Mann auf den Schoß zu setzen und meine Gedichte habe ich ob diverser Glühweinfahnen (der Weihnachtsmänner) lieber meinem imaginären Pferd im Kleiderschrank erzählt.
Als ich nach Nordschleswig kam, sah ich mich mit weiteren Weihnachtstraditionen konfrontiert und musste das Advents-ABC der Legenden gänzlich neu erlernen. Plötzlich hatte ich es mit Wichteln zu tun, denen man aus unerfindlichen Gründen eine Schale Grütze vor die Nase stellen sollte. Und der Weihnachtsmann schlief im Oberstübchen und wurde von einer Armada Kindern wachgebrüllt, was meiner Meinung immer wieder ausreicht, um den Bewohnern von Grönland einen bleibenden Tinnitus zu bescheren. Warum der arme, wachgebrüllte Kerl den Kindern daraufhin auch noch etwas Süßes schenkt, ist mir unerklärlich. Eigentlich müssten sich die Kinder doch auch von Dorf zu Dorf brüllen hören und mal bei den Erziehungsberechtigten nachhaken, warum es in Bollersleben UND in Bevtoft einen Weihnachtsmann zu geben scheint, wenn dieser doch eigentlich auf Grönland und nicht im ersten Stock eines Einfamilienhauses wohnt. Und dass diverse Einkaufszentren ihre Weihnachtsmänner mittlerweile in Zeiten raren Rohöls per Kerosinschwangerem Heli einfliegen lassen, sollte man mal auf dem Kopenhagener Klimagipfel erörtern.
Anfang der Woche hatte ich jedenfalls nun endlich einmal Gelegenheit, dem nordschleswigschen Wichteltum auf die Schliche zu kommen. Ich saß im Stübchen der Düppeler Mühle dem Oberwichtel vom Dienst gegenüber. Während ich einem selbst gebackenen Pfefferkuchenmann den Kopf abbiss – ich weiß Weihnachtstraditionen durchaus zu schätzen – hakte ich nach. Und man erzählte mir vom Aberglauben der Landbevölkerung an rotznäsige Wichtel, die man mit süßem Brei gnädig stimmen musste.
Ganz ehrlich, als klar denkender Bauer hätte ich beim ersten Verdacht auf merkwürdige Wesen auf meinem Hof ebenfalls eine süße Schüssel Brei vor die Scheune gestellt – jedoch garniert mit einer ordentlichen Portion Rattengift. Aber nun, Traditionen kommen und gehen und ich will nicht als mürrischer Scrooge aus Charles Dickens Weihnachtsmärchen in die Geschichte der Zeitung eingehen.
Aber wer braucht Wichtel, wenn Weihnachten doch so viel mehr ist als rote Mäntel aus 100% Polyester. Im Vergleich mit der Geschichte, dass sich Gott höchstpersönlich in eine kalte Welt begeben hat, um jedem einzelnen Wichtel, äh Menschen, seine gesamte Liebe ganz persönlich schenken zu können, kommt ein mieser Zwerg einfach schlecht weg. Doch ich werde trotzdem versuchen, am Wochenede bei einem warmen Milchreis-Brei à la Mande das Kind in mir mal wieder wachzubrüllen. Dazu sollte im Advent doch allemal Zeit sein und irgendwann sollte man alte Verletzungen auch mal loslassen können. In diesem Sinne: einen kindisch-unbefangenen 2. Advent!

Sonnabend, 28. November 2009
Spiegel-Zeit

Dieser Tage erlebe ich ein Déjà-vue nach dem anderen. Plötzlich stand ich wieder unter bordeauxfarbenen Girlanden im Gravensteiner Einkaufscenter. Ich blickte zu ihnen hinauf und dachte »aber hallo, euch kenn` ich doch? Ihr seid aber auch nicht hübscher geworden«, als sich mein merkwürdig verzerrtes Gesicht in den blank polierten Kitschkugeln in Kirschrosa widerspiegelte, bevor ich erschrocken aus der Spiegelzone hüpfen konnte. Meine Güte, was kann man hässlich sein! Ich war unterwegs im Auftrag des Herrn der Anzeigenseiten, die Gravensteiner Weihnachtsgeschichten standen auf meinem gewissenhaft mitgebrachten Block und Supermarktchef Jesper wartete mit Informationen über Weihnachts-aktionen auf mich. Um das merkwürdige Gefühl abzuschütteln, genau das vor genau einem Jahr schon mal getan zu haben, trat ich erstmal an die duftende Bäckerstheke, um mich mit einem faustgroßen Honigkuchenherz aus meinem Déjà-vue zu nagen.
Ich vermute, dem ein oder anderen Leser gehts zur Zeit nicht anders. Man kramt Adventsschmuck hervor, den man gefühlt vorgestern erst eingepackt hat. Inklusive Kerzenwachstropfen vom vergangenen Jahr. Weihnachtsfeiern werden begangen, wo Grünkohl und lauwarmer Wein (Heizungen eignen sich in meinen Augen nicht wirklich als Abstellfläche) doch gerade erst im Schlund von 2009 verschwunden sind. Genau das Gefühl habe ich: Ein Tag nach dem anderen ist in den vergangenen Wochen klammheimlich in den Schlund der Vergangenheit hineingekrabbelt und nun lunzen sie mit Schalk noch einmal daraus hervor, um in der selben Sekunde donnernd und hämisch den Abhang des ewig Gestrigens hinabzustürzen. Wer um alles in der Welt hat an der Uhr gedreht? Ein vom Glühwein angedudelter Wichtel? Manchmal könnte man meinen, der Blick in den Spiegel, und sei es in eine Weihnachtskugel, fördert nicht nur ein verzerrtes Gesicht, sondern zudem eine verzerrte Zeit zu Tage.
Ein anderer Blick in den Spiegel hingegen war in dieser Woche hoch interessant. Zumal ich dabei keine Frau erblickte, die aussah wie die Hexe von Blairwitch mit Nickelbrille: »Sieg der Deutschen« war darin abgedruckt zu lesen. Ein Artikel über die SP im »Spiegel«-Magazin – das entdeckt man nicht aller Tage. Wobei ich die Überschrift doch ein wenig neben der transnationalen Spur fand. Der zuständige Spiegel-Redakteur mag in einem Glashaus an der Alster sitzen – vom Miteinander am Alsensund hat er offenbar keinen blassen Schimmer. Bediente die Überschrift doch genau die Ressentiments, über die in Nordschleswig in den vergangenen Jahren ein immer dickerer Mantel des Miteinanders gelegt wurde – gepatchworked aus nordschleswigschen Fetzen Alltagserfahrungen im Nähmuster des Füreinanders. Zudem las ich im Spiegel, dass Stephan Kleinschmidt den Posten als Kulturausschussvorsitzender beibehält. Respekt, Herr Kollege, vor so viel Weitsicht. Als der Spiegel am Montag erschien, waren Stephan und SP noch in den Parteiverhandlungen. Manchmal erlebt man im Journalismus Déjà-vues, bevor die tatsächlichen Ereignisse eintreten. Ja, Albert Einstein hätte in Nordschleswig seine ganz eigene Relativitätstheorie erstellen können. »Zeit ist das, was man an der Uhr abliest«, hat Einstein einst gesagt. Wann aber weiß man, ob es die richtige Zeit ist, wenn sie doch so schnell vergeht? Ich finde, Theodor Fontane bringts auf den Punkt: »Uns gehört nur die Stunde. Und eine Stunde, wenn sie glücklich ist, ist viel.« Und wenn bei Déjà-vues ab und an ein Honigkuchenherz rausspringt, kann ich damit erst recht leben lernen...

Sonnabend, 21. November 2009
Ketten der Macht

»Guten Tag, mein Name ist Kannenberg, ob wohl jemand Stift und Zettel für mich hat? Ich bin Journalistin.«
Es gibt bessere und vor allem heroischere Starts in den Tag als diesen. Ähnlich wie ich mich unlängst als vergessliche Journalistin ohne Kuli und Block fühlte, dürften sich dieser Tage einige Politiker ohne Stimmrecht und Mandat vorkommen: einfach nur blöd. Die Kommunalwahl hat die Stadträte der vier nordschleswigschen Kommunen durcheinandergewirbelt und dem einen oder anderen Stadtoberhaupt die in Dänemark so traditionelle Bürgermeisterkette vom Hals gerissen.
Ob Jan Prokopek Jensen in Sonderburg und H. P. Geil in Hadersleben wohl fortan bekettet ins Bett gehen, um letzte Nächte an die Macht gekuschelt einzuschlafen? Und ob Sonderburgs designierte und weniger denn je resignierte Bürgermeisterin Aase Nyegaard bereits ein Plätzchen im Schmuckkästchen freigeräumt hat? Hinfort mit den Broschen, die Bürgermeisterkette kommt! Oder legt man sich das Geschmeide probeweise schon mal beim Abendessen um? Schatz, du hängst mit dem Stadtwappen in der gesalzenen Butter, du solltest das wirklich nochmal üben. Reichst du mir jetzt bitte das Fettnäpfen ohne Kette???« Ich werde beim ersten Auftritt von Aase jedenfalls ganz genau hinsehen, ob ich Spuren von Zahnpasta oder Fettflecke entdecke. Bei zu erspähenden Salzkristallen in den Verbindungsgliedern der Kette bitte ich Jan Prokopek Jensen um ein Interview und title mit »Bittere Tränen – mein Abschied von den Ketten der Macht«.
Nun also sind die Würfel gefallen, der 17. November hat unsere Gegenwart für einen Tag lang gestreift und ist nun schon wieder Vergangenheit. Während Prokopek weint und Aase ihre Broschen im Nähkästchen verstaut (aus dem sie mir gegenüber hoffentlich freizügig plaudern wird), sind Sieger und Verlierer, Plakataufhänger und Wahlergebnistipper dieser Tage gleichermaßen paralysiert und stellen sich mit fransig geredeten Lippen beziehungsweise wund geschriebenen Fingern eine einzige Frage: Und jetzt? Huch, es gibt ein Leben nach der Wahl! Oder? Was tun an einem Donnerstagabend, wenn keine Plakate geklebt und keine Kontakte gepflegt werden müssen? Wenn keine Wahlveranstaltungen mehr den Feierabend und keine Wahltabellen mehr meinen Bildschirm kreuzen?
Abgesehen vom Zirkus kann man die Politik in diesem Sinne eigentlich sehr schön mit einer Hochzeit vergleichen. Da schreibt man Monate im Voraus Listen, verschickt Einladungen, organisiert den Countdown, schmückt und argumentiert, organisiert und platzt vor Spannung – und dann rauscht der Tag in Schallgeschwindigkeit durch die Gegenwart, um innerhalb von gefühlten zwei Stunden im »weißt du noch?« zu verschwinden. Und dann wacht man auf und fühlt sich betrogen. Im besten Fall nicht vom Angetrauten oder den Wählern. Sondern von der Verpuffung des Ereignisses im Plusquamperfekt. Als mir der 17. November vor viiiielen Monaten erstmalig in meinen Artikeln begegnete, war der Mais noch kaum geschlüpft und der Wahlkampf schien so ferne wie der Literatur-Nobelpreis für meinen Roman »Ein Spätzle im Smørrebrød«. Und nun, nach einem Marathon aus Sitzungen, Satzungen, Stimmzettelzählen und Seitenkloppen ist alles vorbei.
Doch mein Kaffeebecher ist stets halbvoll und nicht halbleer und natürlich beginnt nun etwas Neues. Wie immer, wenn Altes endet und Stimmzettel neu gemischt werden. Die SP wird ausgeruht und aufgestockt in eine neue Regierungsperiode gehen, um den Alltag in Nord­-schleswig zwischen Stadtratssitzungen und Spatenstich-Reden mitzugestalten. Und ich, ich werde als Schnüffelnase live dabei sein.
Ist es so nicht immer im Leben? Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus – und im Handumdrehen passiert man den Punkt X und läuft auf neuen Pfaden, der Sonne entgegen. Ich bin gespannt, über was ich schreiben werde. Also falls ein Schatten im Geschehen der Gegenwart auftaucht: Das bin ich. Mit Stift und Zettel, versprochen.

Sonnabend, 14. November 2009
Aristoteles reloaded

Sprachlos

Der November 2009 ist nicht nur regnerisch. Er hinterlässt neben Wasserflecken auf Glattleder auch eine gehörige Portion Sprachlosigkeit neben abrupt abfallenden Tellerrändern, über die wir dieser Tage immer wieder hinausschauen, ob wir wollen oder nicht. Todesanzeigen und Nachrufe füllten dieser Woche sowohl Lokal- als auch Sportteil und plötzlich schien der November noch sehr viel unerträglicher zu sein als sonst. Den Regen hatten wir einkalkuliert, aber abrupt endende Lebenswege, die noch so längst nicht ausgelaufen schienen? Unser Dasein als eine irgendwann jäh endende Wanderung auf dem schmalen Pfad zwischen eigener Entscheidung und unbeeinflussbaren Vorkommnissen – nicht nur die von Nebel (oder war es Nieselregen?) durchwobene Luft ließ uns nach Luft schnappen. Krankheit und Tod sind von uns kaum planbar. Beschreibbar aber doch, und so war die Zeitung voll Buchstaben, die Abschied und Innehalten, Akzeptanz und ehrendes Andenken in Worte zu formen suchten, während viele Bürger zwischen Rinkenis und Recklinghausen sprachlos nach Antworten suchten. Und ich habe das Gefühl, dass jedes in der Zeitung geschriebene Wort die Sprachlosigkeit Satz für Satz in Formen goss, die wir brauchten, um das ABC des Lebens selbst wieder sprechen zu können.

Stimmlos

Wer seine Stimme nicht abgibt, darf sich nicht wundern, wenn er später sprachlos zurückbleibt. Nun schiebe ich noch einen ganz großen Denker in die sonnabendliche Lektüre mit ein: Aristoteles. Wobei man durchaus objektiv bleiben muss. Von einem alten und immerhin längst toten Mann aus der Antike, der nie eine E-Mail versandt oder eine jener modernen Reistüten zum Garen in die Mikrowelle gelegt hat, sollte man keine allzu großen Antworten auf Fragen der Gegenwart erwarten. Als Impulsgeber dient er aber auch heutzutage noch allemal. Und so soll heute die Zukunft mit Blick in die Denkfabrik der Antike im Mittelpunkt stehen. Allen, die sich nun vor dem Hintergrund der Welt-ich kanns-nicht-mehr-hören-Wirtschaftskrise fragen: »Haben wir denn überhaupt noch eine?«, sei gesagt: Ihr habt die Wahl! Und zwar am Dienstag, wenn die Kommunalwahl ansteht. Man ahnt es ja schon seit Längerem. Plötzlich tauchten jede Menge bekannte und unbekannte Gesichter an Straßenrändern auf. Mittlerweile starren einen derart viele an Laternenpfählen klebende Augen an, dass einem als Autofahrer ein Schauer über den Rücken läuft, selbst wenn man nicht im Cabrio sitzt. Bis Dienstag noch. Dann schreiben die Bürger in den vier nordschleswigschen Kommunen Hadersleben, Tondern, Sonderburg und Apenrade das Buch ihrer Geschichte mit ganz vielen Xs neu. Jeder Bürger kann sich verewigen, in den Wahlakten der Kommune. Wer die SP wählt, kann dies auch noch in breitestem Synnejysk-Dialekt tun. Diese Stimme versteht Nordschleswig ja nun wirklich von ganzem Herzen.
Aristoteles sah die Grundlage der Demokratie in der Freiheit eines jeden und des Volkes im Allgemeinen. »Alle Ämter werden aus allen besetzt, alle herrschen über jeden und jeder abwechslungsweise über alle«. Im Leben haben wir nicht immer die Wahl. Doch immer wieder. Das Leben lässt uns nicht immer die Freiheit, selbst zu bestimmen. Die, die wir haben, sollten wir aber nutzen: Unsere Demokratie stärken, indem wir wählen gehen. Oder unser Miteinander. Indem wir Freunden und Familie mit offenen Sinnen und Ohren begegnen. Und Herz- und Sprachlosigkeit über den Tellerrand des Miteinanderredens in den Abgrund der Unmenschlichkeit verbannen.
Herr Aristoteles hat gesagt: »Wenn auf der Erde die Liebe herrschte, wären alle Gesetze entbehrlich. Wie gerne hätte ich diesen Mann interviewt! Sicher hätte er auf meine erste Frage »Ist das nicht vollkommen utopisch?« geantwortet: So ist es, aber jeder Versuch, diese Utopie zu leben, ist es wert. Plausible Unmöglichkeiten sollten unplausiblen Möglichkeiten vorgezogen werden.« Wenn das kein SPitzen-Argument ist...

Sonnabend, 7. November 2009
November Rain

Noch ein Tropfen und meine Zehennägel schwimmen davon. Nicht genug damit, dass der goldgelbe Klops am Himmel seit geraumer Zeit nur noch sporadisch und hinter dicken Wolken über den Horizont huscht, um kurz nach 13 Uhr wieder unterzugehen. Als würde es nicht reichen, dass der November überhaupt über uns hereingebrochen ist, um jegliches Leben in der Natur mit feuchtkalten Krallen dahinzuraffen. Ich mag gar nicht an all die Hümmelchen und Schmetterlinge vom Frühjahr denken, die nun vermutlich mit aufgeweichten Flügelchen in der Regenrinne umherdümpeln oder in der gurgelnden Kanalisation mit ihren klammen Beinchen vergeblich ums Überleben strampeln. Nein, da kommt dieser Monat auch noch mit derart aufdringlich dicken Regentropfen daher, die sich vom Westwind getrieben in meine neuen Lederstiefel bohren, sobald ich einen Fuß aus der Redaktion setze. Jeden Morgen das gleiche Drama, wenn ich vor meinem Schuhschrank stehend das Opferpaar des Tages auswählen muss. Wasserflecken in Hellbraun stehen höchstens Bambi gut. Noch zwei Tage und meine Schuhe und ich sind derart mürbe, dass ich auf mein Outfit pfeife und die Grünbraunen raushole. Vielleicht gibt es in Nordschleswig einen Tüftler, der diese meine Gummistiefel mit einem kleinen Blei-Kiel versieht? Sicher ist sicher...

Nein, nein, der November gehört verboten. Auch mein kleiner schwarzer Werbe-Faltschirm verweigert dieser Tage restriktiv seine Dienste. Kaum habe ich das Cimber-Sterling-Werbebutton darauf entfaltet, knickt ein Stäbchen nach dem anderen um und die pitschnasse Schirmhaut wickelt sich um mein Gesicht. Guten Morgen, liebe Sara, nun bist du wach. Spricht nicht gerade für Cimber Sterling. Wenn die nicht mal ihre Schirme gegenwindtauglich herstellen lassen, will ich nicht wissen, wie der rechte Außenflügel einer Cimber-SterlingMaschine in 8.000 Metern Höhe auf Gewitterböen aus Nordost reagiert. Knickknack. Da sieht man mal, wie pessimistisch einen der November stimmt.

Probleme bereitet mir das Regenwetter auch beruflich. Oder besser gesagt: terminlich. Es ist nämlich gar nicht so leicht, Schreibblock, Schirm und Stift auf zehn gefrorene Finger zu verteilen. Und ich habe mittlerweile die Erfahrung gemacht, dass Gesprächspartner lieber im Regen stehen, als meinen Schirm für mich zu halten. Also bleibt nur eins: blank ziehen. Schirm runter, Schultern und Kapuze hoch. So aber sehe ich wiederum aus wie ein fellumkranzter Eskimo und ich kann mir vorstellen, dass meine Gesprächspartner mich im Schatten der Kapuze nur vermuten. Keinesfalls aber sehen können.

Zudem ist es immer wieder erstaunlich, wie schnell einem so ein Block Papier in der Hand zwischen den bläulich angelaufenen und tropfenden Fingern zerrinnt. Wie Kuli-Blau in Bächlein kunstvoll aus S-und O-Rundungen hinabrinnt.

Und so komme ich – zurück in der Redaktion – dann und wann doch ins Schwimmen: Stand da nun »hat unlängst einen Wal geschossen« oder »hat Belangloses zur Wahl beschlossen?« Glücklicherweise rinnt mein Gehirn nicht einfach so mit den Wassermassen davon und ich besinne mich auf mein tüchtiges Gedächtnis. Was wollte ich noch gleich sagen? Ach so. Tatsächlich gibt es über den November nur eins zu sagen: Er geht vorbei. Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen, sagt man. Nun denn. So sehe ich den November als einen glitschigen Stolperstein, den zu überspringen mir Weihnachten und nicht zuletzt den Frühling näher bringt. Wo Licht, da auch Schatten. Wo Regen und Kälte, da auch Vanillekerzenduft und Kamingeknister.

Und wenn mir mein dämlicher Schirm nochmal ins Gesicht schlägt und mir hinterrücks einen Sturzbach auf gesträubtem Nackenhaar verursacht, spül ich ihn den Gulli runter. So, jetzt gehts mir besser. Ich wate nun nach Hause und ich bin mir sicher, dass ich beim Duschen erste zarte Schwimmhäute entdecken werde.

Sonnabend, 31. Oktober 2009
Nordschleswigsch gesprochen

Donnerlüttchen. Einst aufgegabelt auf Immenhof, als ich mit Dick und Dalli vorpubertäre Techtelmechtel zwischen Ponyrücken und Ethelbert erlebte, schoss mir dieses Wort durch den Kopf, als ich kürzlich die Liste aller Organisationen der deutschen Volksgruppe in Nordschleswig in den Händen hielt. Nun bin ich gespannt, wie viele Leser es aus dem morgendlichen Stehgreif zwischen Brötchenkrümeln auf dem Brettchen und Röstkaffee im Schlund herauszuposaunen wissen: Wie viele Organisationen und Adressen finden sich? Na? Eine ungemein gute Rätselfrage, die ich hiermit für meine Kolumne verbrate. Ich sag nur Donnerlüttchen und verbanne des Rätsels Lösung ans Ende meiner Kolumne. Nun aber bitte nicht den Kopf ruckartig nach unten bewegen und mit der Nase in der gesalzenen Butter hängen bleiben, sondern erst lesen, was die Kolumnistin zu sagen hat.
Normalerweise lasse ich als Erklärung auf Fragen wie »Deutsche Tageszeitung IN Dänemark???« jenen singenden Sermon erklingen: »Neben einer deutschen Tageszeitung – übrigens, jaha, die mit Abstand größte in ganz Skandinavien – unterhält die Deutsche Minderheit in Nordschleswig auch deutsche Kindergärten und deutsche Schulen, um die durch diverses Hin- und Hergeschubse der Grenze entstandene eigene Identität der Minderheit zu hegen und zu pflegen.« Diese Erklärung zu meinem Arbeitseinsatz in Süddänemark kann ich nun endlich kreativ erweitern, seit ich die Donnerlüttchen-Liste ausgedruckt vor Augen hatte. Schulen und Kindergärten mögen dem Gesprächspartner ja ein leicht verständliches Beispiel sein – ein ehrfürchtig geflüstertes »Ach so?« entlockt man dem Fragenden damit jedoch selten. Eher ein handfest genicktes »Jaja, na dann, sowas gibts in Flensburg ja auch. Nur für Dänen eben.«
Für die Zukunft habe ich mir nun folgende Erklärung zusammengebastelt: »Natürlich ist für uns ein eigenständiges Pressezentrum mit fünf Süddänemark abdeckenden Dependancen in Sachen Meinungs- und Minderheitsfreiheit unabdingbar. Neben der Aufzucht deutscher Sprachwurzelzwerge in Schulen und Kindergärten ist die Deutsche Minderheit aber auch kulturell ungemein aktiv. Sie kennen die »Sektion Nordschleswig der Schleswig-Holsteinischen Universitätsgesellschaft« mit Sitz im Deutschen Generalsekretariat in Apenrade NICHT? Nun, ich werde beim nächsten Konzert der Nordschleswigschen Musikvereinigung darüber nachsinnen, was gegen derlei Unwissen zu tun ist. Seien Sie nicht allzu betrübt – unser Sozialdienst Nordschleswig kann in Seelennot helfen, in einem Gottesdienst der Nord-schleswigschen Gemeinde können Sie in sich gehen und zu Weiterbildungszwecken empfehle ich einen Gang ins Deutsche Museum Nordschleswig oder einen Anruf bei der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig. Was Nordschleswig ist? Das lesen Sie bitte unter www.nordschleswiger.dk unter meinenr Kolumne vom 11. Juli nach. Sie wollen Teil des Ganzen sein Mitgliedsanträge bitte an unsere Dachorganisation, den Bund Deutscher Nordschleswiger.«
Und Dick, Dalli, Jochen von Roth und Va-Ti hätten sich dereinst beim Landwirtschaftlichen Hauptverein für Nordschleswig sicher wertvolle Tipps für einen wirtschaftlich sinnvollen Betrieb ihres Gutes holen sollen, anstatt Oma Jantzsen Busladungen voll dicker und doofer Touristen aufzuhalsen. Und bestimmt hätten sie aus lauter Dankbarkeit dem Sonderburger Spitzenkandidat der Schleswigschen Partei, Stephan Kleinschmidt, Zuchtpony Gänseblümchen fürs Ringreiten zur Verfügung gestellt. Donnerlüttchen, hätten sie gesagt, Nordschleswig hat es ja echt in sich. Die listen in der Deutschen Minderheit doch glatt 30 Organisationen auf.


Sonnabend, 24. Oktober 2009
Nordschleswigsch gesprochen

Es gibt diverse Begriffe, die mit unserem Leben in Nordschleswig ähnlich eng verwoben sind wie Hundehaare im Autositzbezug. Trennung unmöglich. Die sesshaften oder grenzpendelnden Einwanderern immer wieder den Gesichtsausdruck eines bei Emmerleff weidenden Schafs ins Gesicht zaubern. Was für euch Eingeborene so selbstverständlich wie geselliges Kaffeetrinken und Kuchengeschlemme nachts um 23.45 Uhr, ist für Fremdlinge zwischen Hadersleben und Holebüll oftmals ein Buch mit Sieben Sprachverständnissiegeln. Ich weiß, wovon ich rede.
Nehmen wir mal K wie Knivsberg. Als ich zum ersten Mal dorthin geschickt wurde, ließ ich mir meine Verwunderung nicht anmerken. Ein Sportfest auf einem Berg? Da wo ich herkomme, sind Berge spitz und nicht selten mit Schnee bedeckt. Ein Handballspiel an einem Steilhang zu veranstalten, leuchtete mir zunächt nicht ein. Und all die Kinder, die an Freizeiten auf dem Knivsberg teilnahmen – verschiffte man sie in Gondeln gen Gipfelkreuz? Nun, als ich die leichte Waldhügelwölbung hinaufspazierte und fast in ein Amphietheater fiel, hätte meine Verblüffung nicht größer sein können. Ein Kulturzentrum mitten im Grünen – aber wo war der Berg? Ich finde nach wie vor, dass die Bezeichnung Knivshügel angebrachter wäre. Berg ist wirklich ein klein wenig großspurig. Das dort befindliche Kulturzentrum indes kann man getrost mit den ganz großen Kulturstätten des Landes über einen (Berg-)kamm scheren.
Auch der Begriff »Frokost« erschließt sich einem Fremdling nicht auf den ersten Biss und verwirrte mich zunächst, auch wenn ich meine Unwissenheit hinter Bergen von Matjesschnitten und Hühnchenpasteten stets zu verbergen wusste. Frohe Kost? Frische Kost? Fros-stigeTiefkühlkost. Fro??? Die Übersetzung Frühstück strich ich nach der ersten Schlacht am Büfett. In Öl gebadetes Meeresgetier im Dillsoßenbassin sowie tellergroße Pasteten und Käseberge so mächtig wie der schwäbische Bausparberg gehören für mich nicht unbedingt aufs Frühstücksbrettchen. Schimmelkäse und Schnaps auch nicht. Zumindest nicht jeden Morgen. Und so dauerte es einige Frokost-Gänge, bis ich die Universalität des Wortes verstand. Aus dem ursprünglich angedachten »Happenbüfett für zwischendurch« hatte sich eine flexibel auftischbare Esskultur entwickelt, die jeden Einwanderer einfach überfordern musste. Wenn ich nun bei einem Termin auf ein Frokost stoße – Julefrokost, Ringreiterfrokost oder einfach mal so Frokost – denke ich mittlerweile nicht mehr über die genaue Bedeutung nach. Sondern denke: Prima, Frokost! Damit ist nämlich alles gesagt.
Ein weiterer Begriff innerhalb der Deutschen Minderheit: Haus Quickborn. Ein Thermalbad mit Solebecken? Gänzlich falsch lag ich nicht – nur war das Salzbecken des Seminar- und Erholungsheims mit der direkt angrenzenden Flensburger Förde etwas größer als gedacht.
Weniger über eine Begrifflichkeit als über eine dänische Augenscheinlichkeit stolperte unlängst eine Freundin von mir: »Sara«, erzählte sie mir ganz fassungslos, »ich habe eine Frau gesehen, die hatte ihre sechs Kleinkinder in einem Kinderwagen. Auf Bierbänken! Die Leut hier oben sind echt anders. Aber cool. Hab glei a Foto g`macht. Das glaubt mir da unten kein Mensch.« Meine Erklärung, sie habe eine von tausenden Tagesmüttern getroffen, die ihre Schützlinge eben in funktionalen Multi-Kinder-Wagen verstauen, vermochte ihre Begeisterung nicht zu dämpfen. Erst gegen Abend, um 23.45 Uhr, um genau zu sein, wurde sie nebst Ehemann schlummrig. So einem süßen Mitternachts-Frokost ist halt nicht jeder gewachsen...

Sonnabend, 17. Oktober 2009
Schritt für Schritt

Was wäre meine Arbeit ohne die Entscheidungen der anderen! Ich könnte Stift und Schreibblock nebst Schreibtisch und Schnüffelnase einpacken und mich auf das Schreiben von Romanen konzentrieren. Hm, wenn ich mir das so überlege... Aber nein, das Leben ist ebenso spannend, vielschichtig und zum Teil auch irrsinniger, als ich es mir je ausdenken könnte. Telefongeklingel und Termingebimmel in der Redaktion machen meinen Alltag zudem doch erst lebenswert. Ach wie stille schwiege mein Dienstapparat, wenn drauß` vor dem Fenster nichts geschähe. Ohne meine Leserschaft aufstacheln zu wollen: Nur was ihr reißt und regelt, kann von mir auch beschrieben werden.
Während Frank Schätzing, Dan Brown und Co. dieser Tage auf der Frankfurter Buchmesse ihre erfundenen Geschichten ins Blitzlicht der Weltpresse halten und mit Trüffel-belegten Canapeeschnittchen und Champagnerflöten sowie ihrer Hardcover-Ausgabe in der Hand von Fans und Feuilleton-Journalisten belagert und belabert werden, sitze ich hier in meinem Redaktionsstübchen bei Filterkaffee und »Wiking«-Brötchen und hantiere mit handfesten Fakten. Gut, meine Geschichten fließen weder in Samteinbände noch in Millionenauflage (noch!), dafür aber aus der Feder der Wirklichkeit. Und so sind es die Entscheidungen und Veranstaltungen der Menschen zwischen Mögeltondern und Mommark, die mein Schreiben bestimmen.
Wie das Leben eben so läuft, sagt man, dabei sind wir es, die zu laufen haben. In eine Scheune auf dem Gelände der Gravensteiner Landwirtschaftsschule beispielsweise, um die Vision von einem Kulturzentrum in Augenschein zu nehmen. Erste Schritte zwischen Strohballen, die den Blick auf etwas Großes in der Zukunft schärfen und eine Kette von Ereignissen lostreten. Der Weg im Familienbus über die Grenze bei Krusau, das Leben in Deutschland zurücklassend, den Umzugstransporter mit der mittlerweile blattlosen Benjamini und Bücherkisten im Schlepptau. Zukünftige Erlebnisse in Nordschleswig vor sich, über die ich dann schreiben werde. Was wohl gerade alles in ersten Gedankenskizzen entworfen oder auf einer Papierserviette niedergekritzelt wird, um in den kommenden Monaten meinen Schreibblock zu kreuzen? »Die Gedanken sind frei«, singt ein Chor von Eltern-, Lehrer- und Schülerschaft auf nahezu jeder Schulentlassungsfeier und so wie den Jugendlichen auf ihrem Weg ins Sein obliegt es auch uns, die Zukunft immer wieder neu anzudenken und unsere eigene(n) Geschichte(n) zu schreiben.
Manchmal läuft das Leben in persona aber auch schief und so führt mich der Schlenker ab vom Weg der Norm ins Gericht. Zu Verhandlungen, bei denen über den Grad der Schiefe entschieden wird.
Wenn Menschen besonders schief laufen, drehen sie sich im Kreis. Was im Roman ein tragischer Handlungsstrang, ist im Zeitungsalltag bereits gelebtes Schicksal. Nicht in jedem Buch wartet ein Happy End auf den Leser und allein durch die Endlichkeit des Lebens ist unser Manuskript keine »Endlose Geschichte«. Und immer wieder schreibe ich Geschichten von Menschen, die sich so lange im Kreis gedreht haben, bis sie aus der Bahn katapultiert wurden. Oder selbst ausbrachen. In diesem Zirkel des Lebens entscheiden oft Bruchstücke im Lebenslauf über Tragik oder geglückten Neuanfang.
Bildlich gesprochen hat also jeder von uns seine ganz persönliche Tageszeitung mit Meldungsspalten, Nachrufen, Terminen im »Heute« und längeren Reportagen zu füllen. Und auch die Sonderbeilagen muss sich jeder selbst schreiben. »Ich bin dann mal weg« von Hape Kerkeling war so eine. Mein journalistisches Arbeitsbuch würde heißen »Ich lauf dann mal los«. Schritt für Schritt. Für bemerkens- und beschreibenswerte Lebenswege muss man nämlich nicht nach Westspanien fliegen, wie mir die Nordschleswiger Woche für Woche beweisen. Samteinbände habe ich indes nicht zu bieten und auch mit dem Champagner im Redaktionskühlschrank sieht es mau aus. Stift, Block und ein offenes Ohr hingegen sind stets vorhanden. So, Frankfurt kann warten. Büdelsdorf nicht.

Sonnabend, 10. Oktober 2009
Die Reaktionärin

Ein Jahr hat 365 Tage und der Tag 24 Stunden. Na, heute haue ich aber eine Wahrheit nach der anderen raus. Was ich mit dieser verblüffenden Neuigkeit eröffnen will, ist folgender Gedanke: Wenn auch die zeitlichen Rahmen immer die gleichen bleiben, ist doch kein Tag wie der andere. Sowohl am 1. Januar 2008 als auch 2009 lagen zu Beginn in unserem Kalender 365 ungefüllte Seiten. Ich vermute, keiner meiner Leser hat es je versucht und selbst wenn – ein Jahr genauso zu leben wie das letzte, ist unmöglich. Menschen, die kommen und gehen, Krankheit und Gesundheit, Liebe und Zerwürfnis – all das prägte und lenkte unser Leben in genau die Spur, in der es am heutigen Sonnabend verläuft.
Deshalb sind gute Zeiten in unserem Leben ja auch so gern gesehene Gäste: Wir genießen sie, aber wir können sie weder festhalten noch herbeireden. Und auch wenn sich mein Jahr mit Generalversammlungsberichten der Schulen, Tonderner Krämermärkten oder Herbstferienprogrammen immer wieder thematisch wiederholt, ist es doch mit jedem geschriebenen Artikel ein Jahr drauf eine immer wieder neue Geschichte mit anderen Namen und Projekten. Wer führt da bloß Regie? Eigentlich doch wir – denkt man zumindest. Doch ist es nicht oft so, dass die Termine wie von selbst in unseren privaten und beruflichen Terminkalender rutschen? Hier eine Vernissage mittwochs um 15.30 Uhr in der Deutschen Bücherei Sonderburg, dort ein Brunch am Sonnabend und der spontane Besuch aus der Heimat füllt unerwartet gar eine ganze Woche. Manchmal hat man doch wirklich das Gefühl, man sei nicht Herr seiner Zeit. Als füllten sich unsere Tage und Wochen(enden) wie von selbst und ohne unser Zutun. Fast könnte man meinen, wir spielen in einem Schauspiel namens Leben mit, in dem ich die Journalistin bin, und du gerade der Leser.
Freunde und Familie sind in unserem persönlichen Dokumentarfilm die Hauptdarsteller und uns im Alltag kreuzende Menschen die Nebendarsteller. Und immer handeln wir aus einem Geflecht aus Aktion, Reaktion und Interaktion. In dieser Woche wurde mir der schmale Grat an Interaktion zwischen durschnittlich vier Terminen pro Tag und Nase wirklich deutlichst vor Augen geführt. Ich reagierte auf Gestalter. Jene Menschen, die unermüdlich Veranstaltungen sowie Einladungen auf die Beine stellen und aussprechen und mit ihrer Aktivität die Terminkalender anderer füllen.
Und so sind wir alle Gestalter, Terminwahrnehmer und sind vor allem eins: abhängig von unserem Umfeld. Als Termin-Tante in Nordschleswig muss ich eins ja mal sagen und festhalten: Alter Schwede, in eurem Monopoly-Spiel des Lebens gibt es nicht nur diverse Schlossalleen, sondern auch einen Riesenstapel an Aktivitätskarten. Nur mal so, nach einer Arbeitswoche mit rund 21 Terminen. Ihr bastelt Ausstellungen, Veranstaltungen und Projekte wie andere Weihnachtssterne mit der Papierschere! Dazu muss ich aber sagen, dass ich vor derlei Aktionswut meine fliederfarbene Strickmütze ziehe und dem Geschlecht der nordschleswigschen Gestalter bei derlei Freude am Schaffen nur allzugern über die emsige Schulter blicke.
An einem meiner letzten Termine kamen jedoch gleich mal diverse Abende 2010 unter die Räder der Terminmaschinerie: Der Sonderburger Stadtrat zurrte seine Sitzungs­abende fest. So schnell geht das. Von wegen 365 leere, noch zu füllende Tage. Ob die prozentuale Verteilung zwischen auferlegten und selbst gelegten Terminen Auswirkungen auf unsere Zufriedenheit hat? Als dieswöchige Reaktionärin auf eure Putzmunterkeit gebe ich zwar einen gewissen Grad der Erschöpfung zu. Beeindruckt bin ich aber trotzdem. Und freue mich auf weitere aktive Schulprojekte, Kindergarten-Vernissagen oder Pressekonferenzen im Solarpark oder im Bunker. An Ideenreichtum mangelt es hier in Nordschleswig jedenfalls nicht. So, ich muss los. Bunte Bilder gucken und dann aufs Schloss zum Empfang hoppeln. Ach so, nein, die Kaninchenausstellung ist ja erst nächstes Wochenende. Na, dann laufe ich. Und versuche, auf dem Weg dorthin nicht über ein neues Projekt zu stolpern.

Freitag, 02. Oktober 2009
Mit dem Boskop durch die Prärie

»Sag mal Sara, gibt es hier Menschen?« Besuch aus der Heimat ist etwas feines. Derlei Fragen indes gewöhnungsbedürftig. Sicher, aus der Peripherie Stuttgarts heraus mag dem einen oder anderen die Prärie zwischen Tingleff und Röm recht karg vorkommen. Endlose, bekreiselte Straßen gen Westen, an denen lediglich Gemüseboxen mit handbeschriebenen Pappschildern auf Einheimische schließen lassen. Die sich, so mag der Städter mutmaßen, von Kartoffelbeet und Kuh im Vorgarten ernähren. Häuser, die sich derart niedrig unter windschiefen Tannen ducken, dass man sich als Reisender unwillkürlich fragen muss, ob der Nordschleswiger als solcher zu Kleinwuchs neigt. »Ist das ein Freilandmuseum?« hörte ich meine Nebensitzer staunend fragen, als wir durch Ballum Ende brausten und der Blick meiner Gäste auf die weißen Häuser fiel, die sich drei Steinwürfe vom Watt entfernt um Kirche und Friedhof scharten. Ich beschloss, ihnen auf dem Rückweg aus gegebenem Anlass Hoyer zu zeigen und verkaufte ihnen das Dorf als Westernstadtkulisse. Erling Jepsen wäre stolz auf mich gewesen. Auch das verlassene Wellnesshotel auf Röm ließ sich als morbid einsame Kulisse für einen Psychothriller a la »Shine« allerbest verkaufen. Und säße Roman Polanski nicht in der Schweiz fest – er wäre längst auf die Insel zurückgekehrt. Indes nicht, um sich mit jungen Frauen in der mittlerweile verwaisten Poollandschaft zu vergnügen. Sondern um das Freilandmuseum Nordschleswig oskarreif zu nutzen. »Und hierher fährst du manchmal zu Terminen?« fragte meine zweiköpfige Reisegruppe mit einem Anflug Sand im Westwind sowie Neid (oder Mitleid?) in der Stimme, als wir bei Lakolk über die Sandkuppel rumpelten und uns die Dünen wieder auf dem Strand ausspuckten. »Ach nun ja«, antwortete ich bescheiden, »hin uns wieder muss ich schon mal auf die Insel. Wenn gerade mal ein Film gedreht wird.« Dass ich bei einer geführten Bunkertour im vergangenen Herbst böse mit dem Knöchel in einem Fuchsbau hängen geblieben war und mir die Lederstiefel versaut hatte, erwähnte ich nicht. Auch nicht meine vergeblichen Versuche, mich am Osthafen hinter dem Absperrgitter des Filmsets vorbeizuquetschen, um wenigstens einen Blick auf den Stuhlträger Polanskis zu werfen. »Hier oben hängen die Wolken irgendwie tiefer«, stellte mein Beifahrer fest und nestelte unwillkürlich am Reißverschluss seiner Regenjacke. Er tat gut daran – die Wanderung von Lakolk zum Süderstrand war tatsächlich ein klein bisle zu lang und zu feucht geraten. Zudem hatte außer mir niemand an schlammgrüne Gummistiefel gedacht. Anfängerfehler. Ich entschuldigte mich ob der Fehlplanung mit einem duftenden Hot Dog auf Lakolk. Die goldenen Zwiebeln funkelten in Fett und Sonnenstrahlen. »Lebt hier im Winter jemand?«, wollte man von mir mit Blick auf den doch recht verwaisten Park- und Campingplatz wissen, »oder ziehen die alle aufs Festland?« Während meine Mitfahrer kurz darauf auf mein Geheiß hin ihre Socken im Fahrt- und Nordseewind trockneten, versuchte ich mir meine erste Begegnung mit Nordschleswig in Erinnerung zu rufen. Der umwerfend salzig-schlammige Geruch, der ab Damm ins Auto geströmt war. Am liebsten wäre ich ausgestiegen und hätte ins Watt gebissen. Ein Impuls, den ich am Abend mittels Fischbrötchen befriedigte. Tatsächlich war auch mir die Weite zwischen Süderlügum und Scherrebek Süd weltfremd vorgekommen. Und die Gemüseboxen! Hatte ich völlig falsch interpretiert. Wer ahnt schon, dass man nicht an der Hoftür klingelt und den verdutzten Landwirt bittet, drei Äpfel, eine Stange Lauch, 500 Gramm Kartoffeln und zwei Zwiebeln abzupacken. Mittlerweile leisten mir die Futterstellen am Straßenrand in der Mittagspause zwischen den Terminen gute Dienste. Mit dem Boskop hinterm Lenkrad durch die Prärie – kein schlechter Filmtitel. Ob Roman Polanski das nicht mal verfilmen mag? Leer stehende Häuser als Unterschlupf gibts hier jede Menge! Abgesehen vom Nordschleswiger verirrt sich auch kaum Presse nach Ballum. Und der Auslieferungsantrag der USA würde sicher fälscherweise in eine Gemüsebox geworfen und verrotten. Nordschleswig mag karg besiedelt sein. Ein Leben im Freilandmuseum hat aber auch seine Vorteile...

Sonnabend, 26. September 2009
Parallelwelten

An einem Dienstag Anfang September stolperte ich im Sonderburger Gericht über das Thema dieser Kolumne. Besser gesagt: Ich schritt dran vorbei und schaute im Sitzen hinterher. Im Gericht laufen sie plötzlich nebeneinander her, die Gestalten dieser Tage und Breiten. Berühren sich die aktuellen Schicksale Nordschleswigs in der sonst so aufgeteilten Welt aus Freundeskreis und sozialem Umfeld. Richter und Räuber, Raumpflegerin und Reporterin – alle sammeln sie sich auf wenigen Quadratmetern, um eine kurze Lebenssequenz nebeneinander zu verbringen.
Während ich also auf die Urteilsverkündigung des Tonderner Messerstechers wartete, der dem Schwurgericht zum finalen Schuldspruch vorgeführt werden sollte, wurden mir unwillkürlich die Parallelitäten des Lebens vor Augen geführt. Da war die Verhandlung im Gerichtssaal nebenan, bei der drei illegal eingewanderte Iraker auf dem richterlichen Vormittagsprogramm standen. Ich warf im Vorbeigehen einen zufälligen Blick auf die Namen am Aushang. Drei Schicksale, drei Geschichten. Wo hatte die Odyssee ihres Auf- und Ausbruchs wohl begonnen und welche Umstände hatten sie nach Sonderburg verschlagen? Während ich an einem ganz normalen Arbeitstag im spätsommerlichen Cord-Rock auf dem Gang Richtung Schwurgericht im Westflügel marschierte und einen buchstäblichen Augenblick in den Saal warf, sah ich drei Männer nebst Pflichtverteidigern. Einer der Iraker blickte auf. Und für diese Sequez einer Sekunde begegneten sich unsere Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde begegneten sich unsere Leben. Während ich in den vergangenen Wochen meinem Alltag nachgegangen war, meine Sommerferien, Strand, Sonnabendvormittage und Sonderburg genossen und verlebt hatte, war sein Leben zwischen Orient und Sonderburg aus dem Alltagsruder gelaufen. Einen Wanderritt hatte dieser Mann höchstens über den Gebirgszug von Taurus nach Zagros erlebt und anstatt von Freiheit vom Alltag vielleicht das nackte Überleben des Lebens zu gewinnen gesucht. Und doch liefen unsere Leben auf einmal für ein paar Sekunden nebeneinander her.
Wie vielen Menschen man wohl auf diese Weise im Verlauf des Lebens begegnet?
Wie viele Schicksale man wohl kreuzt?
Was wir als einspaltige Meldung unter der Überschrift »Drei Illegale im Zug nach Pattburg« zum Frühstücksmüsli überfliegen, ist für die Beteiligten ihre Reise in die Ungewiss­heit des Seins. Nicht nur in Gericht oder Redaktion – allein der Gang in den Supermarkt mutet unter diesem Aspekt als philosophisch abgründiges Abenteuer an. Woher kommt dieser Mensch an der Kasse vor dir, der sein Toastbrot nebst Tofu vor dir aufs Band packt? Wann und wo legt die Kassiererin heute Abend ihr Haupt nebst Kittel nieder?
Beginnt man einmal auf die Parallelitäten des Lebens zu achten, lässt einen der Gedanke daran nicht mehr los. Warum nickt der Polizeibeamte auf dem Stuhl schräg hinter dem angeklagten Totschläger während des Prozesses und trotz mahnender Blicke der vorsitzenden Richterin immer wieder ein? Zu viel Portwein am Abend zuvor? Auf dem Sofa übernachtet? Fünf Meter vom Angeklagten sitzt die Tochter der Getöteten. Voll Trauer und Schmerz erlebt sie den Prozess, während ich die Informationen darüber nicht persönlich, sondern professionell in meinen Notizblock schreibe. Nach drei Stunden ist der erste Prozesstag vorüber, und alle 20 Menschen strömen aus dem Saal hinaus. In ihr Leben. Vorbei an dem der anderen. Der Angeklagte wird vom mittlerweile wieder aufgewachten Polizis­ten in seine Arrestzelle geführt. Ich flitze in die Redaktion, um den Anriss für Seite 1 zu schreiben. Der illegale Einwanderer Nummer 2 fährt mittlerweile mit einem von der Grenzpolizei ausgehändigten Zugticket gen Norden Richtung Flüchtlingslager. Und vielleicht denkt er beim Anblick der glitzernden Förde, Drive-In-Bäckereien, bunt bemalten Kindergärten und Schildern wie »Vorsicht, Radfahrer kreuzen« ja gerade, wie sonderbar es doch ist, dass es nur eine Welt, aber doch so viele unterschiedliche Universen gibt. Wie viele wir davon an diesem Wochenende wohl streifen werden?

Sonnabend, 19. September 2009
Kaninchenmomente

Wer hätte das gedacht: Kaninchen sind kulturelle Identitätsstifter mit immenser historischer Bedeutung. Nun, warum nicht. Doch als mir der Leiter des Sonderburger Schloss­museums am Dienstagmittag die näheren Zusammenhänge zwischen Kultur und Karnickel unterbreitete und mir zur Untermalung ein klassisches rosa Häschen mit Trommel in den Pfoten vor die Nase hüpfte, muss­te ich doch schwer aufpassen, dass mir der soeben einverleibte Dove-Drops aus dem Pressenapf nicht prustend aus dem Mund geschossen kam. Wo um alles in der Welt lag der Zusammenhang zwischen sich explosionsartig ausbreitender Nagetiere, die jedes Kinderzimmer mit Sägespänen und Köteln bereichern und in halbwilder Ausführung Sommerhausgärten durch emsig gegrabene Röhrensysteme fluten, und Kultur? Zugegeben, ein knuspriger Kaninchenschenkel an Rotkohl ist was Feines. Und mein lila Fell-Jäckchen, das ich liebevoll Klopfer nenne – nun, es wärmt nicht übel. Da mir zum Thema Kaninchen aber vor allem der herzhafte Gerucht Ammoniak getränkter Sägespäne im Kinderzimmer hinten rechts sowie eingetretene Hinterlassenschaften in Wollsocken einfällt, sei mir meine Überraschung verziehen. Natürlich habe ich mir als versierte Journalistin nichts anmerken lassen, sondern mit ernster sowie blauer Mi(e)ne die Ausstellungsinfos in meinen Notizblock gekritzelt. Gut, zwischendurch habe ich ein- bis dreimal auf das Display meines Handys gelunzt um mich des Datums zu vergewissern. Doch der 1. April war tatsächlich nicht und so schwieg ich staunend stille, ließ mir Infos und Schokoladenlinse (höchstens mit einem Lindt-Schmunzelhasen hätten mir die Veranstalter den Mund stopfen können, Anm. d. Red.) auf der Zunge zergehen und und titelte mit »Kaninchen im Sonderburger Schloss«. Das ...plage hatte ich mir verkniffen. Manchmal gilt es, Zynismus und Spott zu zügeln.
Mit jedem Satz aber, der im ehrenwerten Rittersaal über Karnickel verloren wurde, nahm meine Hochnäsigkeit zugunsten der stubsnäsigen Mümmler ab und mein kultureller Horizont hoppelte auf zu neuen Ufern. Zumal die Ausstellungs- und Aktionswoche primär für Kinder und zudem mit einem Augenzwinkern konzipiert war. Als ich abends nach Hause in meinen Bau rollte, fiel mir auf, dass es in meinem Alltag immer wieder diese Momente naserümpfender Hochnäsigkeit gibt. »Sie haben Ihren Bus verpasst? Berichten Sie, ich schicke flugs eine Depesche in die Hauptredaktion, damit wir diese Meldung als Aufmacher auf Seite Eins fahren!« Blöd, wenn sich wenige Tage später herausstellen sollte, dass es die regionale Verkehrsgesellschaft nicht gebacken kriegt, ihre Fahrpläne aufzuhängen, wie unlängst in Sonderburg geschehen. Dann hoppelt der journalistische Hochmut schnell mit hängenden Schlappohren von dannen. Und ist es nicht auch so, dass gerade im Lokaljournalismus die kleinen Geschichten ganz groß sind? Als ich anfing, den Nordschleswiger zu lesen, war ich doch dann und wann verblüfft über Meldungen wie »Sitzauflage von Gartenstuhl gestohlen«. Fehlt nur noch der Artikel »Bäcker verkauft Brötchen« oder eine Schlagzeile, wann die Kuh von Bauer Jannsen einen Fladen absetzt, dachte ich. Nun ja, das Kuh-Bingo war ein einschlagender Erfolg, Drive-In-Bäckereien haben Nordschleswig mittlerweile im Sturm erobert und auch meine Wenigkeit erwirbt auf dem Nachhauseweg gerne mal ein Wikingerbrötchen mit Walnussteig durch die köstlich duftende Verkaufsluke bei Ekensund. Und an Freitagen hau ich ab und an auf den Putz und hieve eine geheime Stückzahl Makronenlinsen durchs Wagenfenster. Köstlich, diese Törtchen, da kommt keine Schwarzwälder Kirschtorte mit, ragen ihre Sahnetürme noch so imposant aus der Kaffeetafel heraus. Finde das Große im Kleinen – unter diesem Motto fährt man nicht nur als Journalistin in Nordschleswig gut. Denn es muss nicht immer ein Rembrandt im Nationalmuseum oder ein Promi sein, der beeindruckt und inspiriert. Der umwerfende Duft einer Fallobstwiese am Morgen. Die Rentnerin, die sich jeden Montag zum Pflegeheim aufmacht, um alte Menschen im Rollstuhl spazierenzufahren. Das Umschwenken von Hochnäsigkeit auf Hinhören. Oder eben eine Kaninchenausstellung im Schloss – wer das Besondere im Nebensächlichen findet, sammelt in seinem Leben besonders einzigartige Schlagzeilen. Alles Liebe, Klopfer.

Sonnabend, 12. September 2009
Neid im Notizblock

Ob es dem Leser auch manchmal so geht? Es gibt zum Verrücktwerden viele Entwürfe und Möglichkeiten, seine Lebensskizze zu gestalten. So viele, dass man sich wünschte, man hätte zehn Leben in der Schublade des Seins. Als Journalistin bin ich diesen »ach wäre ich doch...«-Momenten besonders häufig schutzlos ausgesetzt. Schließlich besteht meine Aufgabe immer wieder darin, Menschen und deren Leben zu beschreiben.
Ach wäre ich doch Landtierärztin geworden, dachte ich nach einem Besuch im Ting­-leffer Hinterland. Die Pferde dösten in ihren Boxen, während mir der Jack-Russel-Terrier des Tierarztes um die bestrumpften Beine wuselte. Ein Leben zwischen Rossgeruch und Koppeln, Mähnen und Mähren, ja, das könnte mir auch gefallen. Sogleich fragte ich mich verärgert, warum um alles in der Welt ich mich nach dem Abitur nicht an der Hochschule für Tiermedizin in Hamburg eingeschrieben hatte! Kaum einen Tag später erwog ich, mein Leben in einem Kopenhagener Loft mit Blick auf Malmö noch einmal gänzlich neu zu konzeptionieren, als es mir während des Gesprächs mit einem Schauspieler wie Schuppen von den Haaren fiel, dass ich ja einst auch den Weg auf die Bühnen dieser Welt angedacht hatte. Und wenn der das geschafft hatte... In Gedanken ersann ich sogleich meinen zukünftigen Künstlernamen: Sara Sonderburg. Na, wenn sich das auf Plakaten und Kinoleinwänden mal nicht ausnehmend gut las! Einen Ortstermin später fand ich ein Leben als Pastorin nicht mehr gänzlich uninteressant. Mein theologisches Interesse pochte darauf, endlich mal ausgiebig gefüttert zu werden, als ich das geschätzte 300-Quadratmeter-Pfarrhaus bei Holebüll durchschritt und im nach Holzdielen duftenden Küchentrakt einer 29-jährigen Pastorin mit Lockenkopf gegenüber saß. Wo war noch mal das nächste theologische Seminar? Ob die Anmeldefrist fürs Herbstsemester noch läuft? Ob Chihuahuas unter der Kanzel erlaubt sind? Nun, ich wollte keine schlafenden Hunde wecken und rollte mit selbigem und diversen Keksen aus dem pastoralen Bisquittopf im Magen von dannen.
Es versteht sich von selbst, dass ich auf jeden Schriftsteller, der meinen Notizblock kreuzt, der hauptberuflich davon leben kann und schlimmstenfalls auch noch eloquent zu schreiben weiß, zum Bersten neidisch bin. Siegfried Lenz einmal ausgenommen. Bei allem Respekt – ein alter Mann will ich nun doch nicht sein. Gegen eine sonor schnurrende Lesung im Konzertsaal des Alsion – nun, wenn man mich fragen würde, ich würde mich breitschlagen lassen. Honoraranfragen bitte an meinen nicht existenten Agenten. Auch Interviews mit Menschen, die gerade den Familienkater an Nachbarn verschachern, um übermorgen nach Übersee auszuwandern, wecken in mir stets ein wehmütiges Bauchgefühl. Turnierreiter, die mit ihrem Pferdefuhrpark international Preisgelder erreiten, übrigens auch. Mein Pferdchen ist dufte – aber im Trab auf dem Feldweg doch etwas träge in der Piaffe. Solls das gewesen sein? Endstation Alsensund? Da sind sie, die »ach wäre ich doch«-Momente. Doch wenn ich ehrlich bin: Keinen der Lebensentwürfe wollte ich bislang tatsächlich gegen meinen eintauschen. Sonst hätte ich mich ja längst Bücher schreibend auf eine Pferdefarm nach Cornwall abgesetzt.
Nein, nein – auch wenn sich täglich das Leben der Anderen vor meinem Schreibblock tummelt, ist mir das Leben als Lokaljournalistin zwischen Alsion und Aventoft das Liebste. Weil es meins ist. Erste Wahl. Bei einem perfekten Dinner tische ich ja auch nicht gedünstete Meeresforelle nebst Rehbraten auf, nur weil ich beides gerne esse. Man kann sein Leben immer wieder neu entwerfen – aber im Augenblick immer nur einen Entwurf leben. Change it or love it! Heute Forelle, morgen Rehkitz an Maronenmus. Eins nach dem anderen. Und wenn man gut ist und die Sehnsucht groß genug, wird aus Träumen in der Gegenwart das Leben der Zukunft. Darüber sollte ich mal einen Roman schreiben. Dann kann ich mich für den Nordschleswiger selbst interviewen, das Stück anschließend am Kopenhagener Theater als Adaption in persona uraufführen und mir auf der After-Show-Party einen Landtierarzt angeln. Na, wer sagts denn. Ich wander jetzt erstmal aus. Übers Wochenende nach Deutschland. Und einen Kekstopf habe ich auch schon. Jawoll! Bis Montag, Sara Sonderburg

Sonnabend, 05. September 2009
Weil jeder Tag zählt

Wer weiß schon, was ein Tag alles mit sich bringt - ich jedenfalls nicht. Abgesehen von meinem Geburtstag, den ich alljährlich im Mai vor einem mehrstöckigen Erdbeertörtle in Süddeutschland verbringe, sind die Tage einer Journalistin vom eigenwilligen und unvorhersehbaren Verlauf der Geschehnisse abhängig. Zu Beginn meiner Arbeit war ich mir unschlüssig, ob ich diese unstete Terminhüpferei anstrengend, beängstigend, fabelhaft oder ätzend finden sollte. Ich entschied mich ob der Gegebenheiten für fabelhaft und blieb dem Nordschleswiger erhalten. Man betreibt als Pelzgegner ja auch keine Nerzfarm. Doch auch wenn ich mittlerweile ganz gut darin bin, jedem Arbeitstag als eigenwillige und offene Einheit zu begegnen, in der das Leben mir und nicht ich dem Leben die Vorgaben mache, rutscht mir ab und an ein Ätzend ins Fabelhaft.
Denn jedes Telefonklingeln, jede E-Mail kann das Ende deines bisherigen Layouts bedeuten. Bis spätmittags kein Problem. Schließlich sind wir eine Tageszeitung. Wer will schon lesen »wie wir erst heute erfuhren, kam es vorvorgestern vormittags in und um Scherrebek zu einem schweren Tsunami«! Doch wenn Danfoss freitags um 16.43 Uhr die erneute Entlassung von 130 Mitarbeitern in die hängenden Ohren der Wirtschaftswelt trompetet, während man gerade dabei ist, die Seite gen Druckerei zu schicken, ist das nicht immer zur Freude der Journalistin. Zumal man fest damit rechnen kann, dass ab sofort sowohl der betriebliche Vertrauensmann als auch Geschäftsführung in der kommenden Stunde nicht erreichbar sind, da sie TV2-Kameras den schnöden Anrufen einer Journalistin vorziehen. Wenn man dann um 18.26 Uhr aus der Redaktion trottet, die Finger wund vom Wählen und Schreiben, das Wort »Wirtschaftskrise« in den roten Ohren pochend und den Feierabend am Horizont Höruphaffs davonschwimmen sehend, dann fragt man sich schon, ob derlei Eigenwilligkeit eines Tagesverlaufs wirklich so fabelhaft ist. Ähnlich ergeht es einem übrigens bei Hausbränden um 16.09 Uhr an der Tingleffer Hauptstraße, die man auf dem Nachhauseweg passiert. Gedanken wie »na da bin ich aber gespannt, was darüber morgen in der Zeitung steht«, verbieten sich da einfach von selbst. In diesem Fall dachte ich anderthalb Stunden später, als ich mir in den Rückspiegel blickend die Ascheflocken aus den grauen Haaren zog und diverse Rußschattierungen auf Stirn und Wangen ausmachte: na fabelhaft. Gestatten, mein Name ist Sara Staub von Ruß. Als lebende Kohlezeichnung hätte ich jeden Kunstpreis gewonnen. Phönix aus der Asche geht irgendwie anders.
Aber wie bei handgeknüpften Wendeteppichen von Ikea gibt es auch eine zweite Seite, die unweit schöner ist. Wenn ein Tag plötzlich aufblüht, weil der Gesprächspartner am Morgen derart mitreißend von Vergangenheit, Erlebtem oder Geplantem erzählt, dass man in Gedanken bereits einen Roman darüber schreibt und angefüttert mit erzählter Lebensweisheit von dannen zieht. Und auch Stress kann durchaus mehr sein als lästig. Belebend nämlich, wenn man sich am Ende eines Terminmarathons nur schwer entschließen kann, welche Geschichte man zuerst in die Tasten haut, da jede für sich berührt und etwas zu sagen hat.
Irgendwie hat mein Beruf damit etwas ungemein Menschliches: Wir können in der Vergangenheit und bestenfalls in der Gegenwart leben. Aber nicht in der Zukunft. Denn schon eine verlässliche Prognose der nächsten vor uns liegenden Minuten ist nicht unumstößlich. Kein Mensch weiß zu Beginn eines, sagen wir mal, alltäglichen Dienstagmorgens, was das Leben an Biegungen und Bögen heute bereithält. Während ich nur darüber schreibe, verliert ein Mensch durch Feuer oder Kündigung gerade seine Existenz. Menschen und Lebensabschnitte werden aus dem Muster der Normalität geweht, kaum dass wir uns versehen. Wir können all unsere Erfahrung und Alltäglichkeiten noch so laut in die Waagschaale der Gewohnheit knallen – das Leben lässt sich nicht in die Karten gucken. Aber es lässt sich gestalten. Tag für Tag. Jeden Morgen neu – weil jeder Augenblick der Beginn der Zukunft ist. Fabelhaft! Und manchmal hilft es auch schon, die innere Einstellung den äußeren Gegebenheiten anzupassen. Prima, das Telefon klingelt, ich muss weiterarbeiten – das Leben ruft an.

Sonnabend, 29. August 2009
Klein aber Sein II

Also gut. Jetzt mal gesalzene Butter bei die Fische. Vom Leben und Schreiben einer Lokaljournalistin zwischen Tondern und Sonderburg, Emmerleff Kliff und Höruphaff, Pressekonferenzen und Irrfahrten durch Bollersleben. Apropos - wer um alles in der Welt hat sich dort diese vertrackte Straßenführung ausgedacht? Kein Mensch braucht Wurmfortsatz-ähnliche Straßen, die mitten in einer Sackgasse unter einer Brücke im Nichts enden. Mein KA ist klein, aber dort könnte noch nicht einmal ein Schaf wenden - und damit meine ich nicht meine Wenigkeit am Steuer. Und damit komme ich zu einem Teilbereich meiner Arbeit: Auto fahren und dabei dem nicht existenten Navi in nichts nachstehen. Ich weiß nicht, wie viele Menschen ich in den letzten vier Jahren mit heruntergelassenen Fenstern verzweifelt nach dem Weg gefragt habe. Als ich beispielsweise im vergangenen Winter den königlichen Gutsverwalter inmitten eines mehrere Hektar großen Waldstücks nordwestlich von Tondern ausfindig machen sollte, stand ich kurz davor, mir zur Orientierung Kerben in die eisig vor sich hin schweigenden Nadelbäume zu ritzen. Der Plan scheiterte am nicht vorhandenen Taschenmesser und als ich den Gutsverwalter schließlich mit einer gebrochenen Felge und zehn Minuten zu spät im Dickicht Nordschleswigs ausfindig machte, rollte mein Vehikel treffsicher ins nächstbeste Schlagloch, um eine völlig unpassend bekleidete Journlistin auszuspucken. Für den Gang über den königlichen Baum-Basar Prinz Joachims hatte ich zwar an rotgepunktete Gummistiefel gedacht. Nach zehn Minuten Marsch durch vereistes Ödland und tümpelartige Pfützen, durch die sich mein Hund halb tauchend, halb schwimmend einer Robbe gleich an meine mittlerweile gefrorenen Versen heftete, überlegte ich blitzschnell, den guten Mann an der 1.367. Tanne links zu überwältigen, um ihm seine gefütterten Winterstiefel zu rauben. Doch dann hätte ich mir sämtliche Zitate selbst ausdenken müssen und so biss ich tapfer auf meine gefrorenen Lippen und rumpelte zwei Stunden später mit gefühlten sieben Zehen weniger, aber mit genug Gesprächsstoff im Block von dannen, um mich in der Lokalredaktion Tondern um die Heizung zu wickeln, meinem Hund eine Wärmflasche zuzubereiten und das Erlebte in Worte fließen zu lassen. Nun, der Lokaljournalismus verlangt eben Einsatz. Und einen fahrbaren Untersatz, der hart im Nehmen ist und auf den Feldwegen Nordschleswigs, auf der wirklich böse gepflasterten Schlosstraße Mögeltonderns sowie auf den Pflasterstein-Rampen via Düppeler Schanzen zu bestehen weiß. Intakte Zündkerzen sind bei durchschnittlich zwei Ortsterminen am Tag ebenfalls von Vorteil. Was freue ich mich, wenn ich von der Sonderburger Redaktion am Rönhofplatz eben mal zu den Projekttagen in die DPS rüberspringen oder in der Deutschen Bücherei eine Fotoausstellung beschreiben darf und die Karre stehen bleibt. Wenn ich flugs zum Schloss radel, um die gefühlte 76. Buchveröffentlichung von Museumwächter Peter Dragsbo zu besprechen. Oder ich wie am vergangenen Wochenende durch den warmen Abend einer kulturell heißen Nacht schlender, im Takt der Musik bekannte Gesichter treffe und meinen noch gar nicht vorhandenen Feierabend so überhaupt nicht vermisse.
Doch egal ob hingefahren oder erschlendert, auf Röm oder im Alsion – Lokaljournalisms ist immer dann besonders, wenn man die Möglichkeit hat, Geschehnisse und Menschen am Puls des jeweiligen Lebens für einen kurzen Augenblick begleiten zu dürfen. Ob der Spaziergang mit dem royalen Nadelwächter, das Gespräch mit dem eben Entlassenen oder als stiller Beobachter bei der Einweihung eines Pflegeheims auf Alsen, während der man in den faltigen Gesichtern der Menschen gelebte Vergangenheit lesen kann – es ist das kurze Stück Weg, das ich mit so vielen Menschen aus Nordschleswig für einen Augenblick teilen darf, was meine Arbeit so großartig macht. Und ich bilde mir ein, dass sich dieses Stückchen Weg zwischen Tondern und Sonderburg einfach ein wenig herzlicher anfühlt, als das meiner Kollegen von Stern und Co. Und von Großraumbüros will ich erst gar nicht anfangen. Ich bleibe erstmal hier – und kann im Kleinsein sein. Und gefütterte Gummistiefel in matschgrün hab ich mittlerweile auch. Mit der Zeit passt man sich halt an...

Sonnabend, 22. August 2009
Klein aber Sein I

»Und worüber schreibst du so?« Diese Frage stürzt mich immer wieder in tiefe Verzweiflung. Schlimmer ist nur das am Abend in den Kochdunst geworfene »Und worüber hast du heute geschrieben?« Gestatten, mein Name ist Sara Sieb, ich weiß von nichts. Manchmal muss ich dann tatsächlich bis zum Morgen warten, um mit einem »Hoppala, stimmt, die Königs waren ja da« die ausstehende Antwort zu liefen. Na obwohl – der Besuch des Kronprinzenpaars im Sommer 2008 in Tingleff ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben. Diesen heißen Zwölf-Stunden-Tag in der Redaktion an der Hauptstraße werde ich so schnell nicht vergessen. Marys Eleganz, neben der Sommer-Outfit und Selbstbewusstsein meinerseits innerhalb von Sekunden in Bedeutungslosigkeit verfielen, auch nicht. Während uns anderen Frauen bei 30 Grad das Make-up durch die Mundfalten rann, glitt Mary mit einem derartig wunderschönen porzellanartigen Teint über den roten Teppich der Nachschule, dass ich mich vor Scham in meinem bunten und wie ich bis dato meinte, kecken Kopftuch verbarg. Unter dem dann meine nicht minder unperfekte Frisur zum Vorschein kam. Kronprinzessinnen sind einfach unerträglich. Schön, unerträglich schön. Aber abgesehen von solch besonderen Terminen fällt es mir immer wieder schwer, meine Arbeit als Lokaljournalistin so zu beschreiben, dass ich die darin liegende Großartigkeit auch wiedergeben kann. Und genau das ist meine Arbeit – großartig. Klein aber Sein.
Zugegeben – meine Kollegen von der FAZ, des Spiegels oder von Jyllands Posten mögen mit einer geringfügig größeren Auflagenzahl ihres gedruckten Mediums aufwarten. Sie sitzen in schicken Glaskästen mit Redaktionsblick auf Elbe oder Frankfurter Straßenräuber. Und fliegen schon mal zwischen Redaktionskonferenz und Andruck für ein Interview mit einem somalischen Piraten an Afrikas Küste. Sie zitieren Kanzlerkandidaten zum Gespräch an den investigativen Verhörtisch und können beim Brunch mal eben ein »Der Walter war heute aber auch ein bisschen blass um Nase und Parteiprogramm. Schatz, reichst du mir mal den Guacamole-Dip?« ins sonntägliche Familientreffen einfließen lassen. Ich kann das nicht. Ich begrüße dafür meine Leser mit dem Vornamen. Nach nunmehr viereinhalb Jahren kennt man das Gros der Leserschaft persönlich. Um Arbeitsalltags-Nachfragern zukünftig mit dem Verweis auf diese Kolumne hier eine gebührende Antwort geben zu können, fange ich nun mal an.
Nun, kein Mensch ist vor Eitelkeiten gefeit und so höre ich mich antworten: »Also bei der Taufe vom jüngsten dänischen Adelsspross in Mögeltondern, da haben die Damen aus dem Königshaus aber auch nach Parfüm geduftet, da ist mir schier mein Kuli von der Empore gefallen. Na, so eine Liveberichterstattung neben Königin Margrethe ist eben immer wieder eine spannende Sache...« Aber Scherz und Prahlerei beiseite. Es sind nämlich nicht nur die Großereignisse mit Berühmtheiten aus Königshaus und Gesellschaft, die mich meine Arbeit lieben lassen. Sicher, das Interview mit Siegfried Lenz möchte ich nicht missen. Zumeist sind es aber die kleinen Geschichten des Alltags, die mich faszinieren, beleben und inspirieren. Da war der alte Mann aus Lüdersholm, der mir in seiner Knopfwerkstatt zwischen staubiger Ruhe und geschwungenen Holzlinien die Langsamkeit des Lebens und den Blick für die Schönheit im Detail schärfte. Das Gespräch mit einem Sonderburger Sozialarbeiter, das mich mehr Nächstenliebe lehrte als jede Mutter-Theresa-Biografie. Die Fahrt über Klippenwege entlang der glitzernden Förde zu Terminen. Im Gewusel eines Pressetrosses die Abkürzung über den Ting­leffer Sportplatz erkennen – und nutzen, um als erster am Presse-Verpflegungstisch die Krabbenbrote zu entern.
Aber ich schweife ab und nun ist es mir wieder nicht gelungen, einen vollständigen Querschnitt meines Arbeitsalltags übersichtsweise zu skizzieren. Werde mir nächste Woche noch mehr Mühe geben. Sara Sieb verabschiedet sich an den Strand. Wer soll bei so einer Hitze noch wissen, was er schreibt. Wie war die Frage?

Sonnabend, 15. August 2009
Wachsende Maisheit

Ich habs ja gesagt – kaum lässt man die Dinger einen Augenblick lang aus den Augen, sind sie zu zwei Meter hohen Monsterstangen hinaufgeschossen. Die Maisträger, die zu Beginn des Sommers als zarte, den Sommer versprechende Pflänzlein nordschleswigschen Sandacker durchstoßen, und nun auf die Ernte warten und das Ende des Sommers anmahnen. Denn sind die grünen Hünen erstmal gehäckselt und verdroschen, naht unbarmherzig die dunkle Jahreszeit. Strickpulli und Lederjacke lassen grüßen, ade geliebtes Blumenkleidchen. Als Journalistin im Urlaub hat man jede Menge Zeit, sich dem täglichen Wachstum der süddänischen Flora zu widmen. Ohne Telefon und Leserschaft am Ohr, ohne Drucktermin, Termindruck und Stadtratszahlen im Nacken und vor allem ohne Terminkalender und Display vor der Nase kann man letztere genüsslich in die Sommersonne strecken und sich die ein oder tausendste Sommersprosse mehr einfangen, ohne auf die Uhr schauen zu müssen. Fast vermisst man den morgendlichen Kaffee zwischen frisch gedruckten Nordschleswiger-Seiten auf dem Schreibtisch und anrufende Abonnenten, die auf Grund eines Vertretungs-Boten, der die Tageszeitung mal wieder zum Nachbarhof gekarrt hat, keinen Nordschleswiger auf dem Frühstückstisch liegen haben. Doch nein, ich will nicht klagen. Ich habe Urlaub und lese die Seiten des Nordschleswigers mit den Augen eines Urlaubers. Studiere die Flutzeiten auf der Tondern-Seite, um meine Luftmatratze nicht gänzlich falsch zu positionieren. Ich habe keinerlei Interesse daran, selbst in die Schlagzeiten zu gelangen. Als die dusselige deutsche Touristin nämlich, die in ihrem gestreiften Bikini gen offene See davon trieb. Ein heulender Chihuahua am Strand als einziges Überbleibsel. Kannten sie die Frau? Würden die Journalisten meine Kollegen fragen – wohl kaum einer würde zugeben, jene Person gekannt zu habe, die es sich bei ablandigem Wind und einsetzender Ebbe auf ihrer Luftmatratze zum Bräunen bequem gemacht hatte. Nein nein, Weltruhm sieht anders aus. Zudem reicht es, dass in Südengland seit geraumer Zeit immer wieder unerklärlicher Weise Leichenteile angespült werden. Eine mausetote Blondine muss da nicht auch noch sein. Und so lese ich mich durch die »Heutes« der Lokalredaktionen, um Überlebenschancen nebst Ausflugskalender zu optimieren, lasse mich zu Wanderungen durch Grenztäler locken und an­statt Schreibblock und Kuli, trage ich leichte Sommerbräune über den Gendarmenpfad. Das Leben könnte ja so schön sein! Auch, als ich eines Morgens um fünf Uhr mein Pferd bestieg,

um zu einem Wanderritt gen Süden aufzubrechen, hätte mein Glück nicht vollkommener sein können. Das noch nasse Gras bei Baistrup schluckte jeden Hufschlag, die Geilau gluckerte im Morgennebel gespenstisch idyllisch vor sich hin und im Wald roch es derart intensiv nach Tannennadel, dass ich am liebsten in eine Kiefer gebissen hätte! Längst abgegraste Weiden hinter uns lassend, schritten wir Sonne und Zukunft entgegen und spätestens als wir die Landstraße bei Schafhaus sicheren Hufes überquert, und das noch schlafende Dorf durchtrabt hatten, umhüllte mich neben einem sanft im Rotgold gebadeten Wald ein sommerlich warmes Glücksgefühl, das die letzte Kälte aus den zuvor im Stroh abgelegten Knochen verscheuchte. Good morning, Sunshine! Tja, und was geschah dann? Na? Genau. Mannshohe grüne Stangen mit prallen Maistüten an den Seiten. Na toll. Pferd und Reiterin verschwanden neben dem Blättersalat in der Versenkung. Bald sitzt du wieder im Regen, tippst das Heute und düst zur Stadtratssitzung. Bald sind wir abgeerntet und dein Sommerurlaub ist vorbei, wisperten sie mir zu. Aber ganz ehrlich – plötzlich zauberten mir die Gewächse keine Sorgenfalten mehr auf die Sommersprossen. Schließlich hatte ich den Sommer 2009 ja bereits in der Satteltasche! Und fast war mir so, als freute ich mich wieder auf den ersten Kaffee in der Redaktion zwischen dem morgigen Gestern und dem Heute. Auf den ersten Herbststurm bei Kerzenlicht in inniger Zweisamkeit mit Mrs. Marple im Ohrensessel. Auf den ersten Ausritt durch raschelndes Laub. Wie gut, dass sich jeder Jahres- und vielleicht auch Lebensabschnitt so gut weil neu anfühlt. Was ich die verlorene Angst vor wachsenden Maispflanzen nenne, hat Hermann Hesse zugegebener Weise etwas weiser fromuliert: »Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.« Und ich finde, das kann man einfach mal so stehen lassen. Als kleine Maisheit einer urlaubenden Journalistin, die endlich einmal Zeit hat, dem Mais beim Wachsen zuzuschauen...


Sonnabend, 8. August 2009
Käsebrocken und Wattmatsch

Liebe Touristen und Besucher Nordschleswigs. Liebe Tagesausflügler, Dortmunder, Bayern, Ulmer und Nordrhein-Westfalen. Da ihr dieser Tage die Lokalredaktionen ohnehin mit einem Touristenbüro zu verwechseln pflegt, will ich diese Kolumne euch widmen. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, beim hochkonzentrierten Tippen eines Artikels von einem Schwung Nürnbergern mit tropfenden Eiskugeln und Achseln abrupt unterbrochen zu werden, um Auskünfte über Ausflüge ins Kekeniser Umland zu geben. Nur ganz manchmal – da geht ihr mir ein wenig auf die Nerven. »Grüß Gott, könnten Sie mal im Internet nachschauen, was heute Abend im Norburger Kino läuft?« Was, bitteschön, soll ich da sagen? Etwa: »Natürlich, wenn Sie einen Moment warten, reserviere ich Ihnen Karten. Nein, wie interessant! Sie haben unlängst den goldenen Wanderstab der Harzfreunde e. V. erlangt? Wenn Sie noch ein wenig Geduld haben – die Zeitung schreibt sich heute ja von alleine – kann ich Ihnen gerne einen kurzen Vortrag über die Geschichte des Gendarmenpfads halten. Einen Augenblick nur, ich rufe nur eben in Büdelsdorf an und sag Bescheid, dass der Nordschleswiger heute später angedruckt werden muss.« Um meiner Rolle als nordschleswigsche Empfangsdame am Redaktionstresen letztmalig gerecht zu werden und mir ein paar Minuten Auskunftszeit zu sparen, hier ein paar exemplarische Informationen für einen gelungenen Urlaub in Nordschleswig.
Wenn man sich darüber wundert, nach 15 Minuten Wartezeit in der Bäckerei noch immer nicht bedient worden zu sein, und die Kinder im geparkten Auto bereits beginnen, die Heckscheibe mit Muttis Lippenstift zu verzieren, hat man eines vergessen: das Ziehen einer Nummer. Ob sich die Dänen das Prinzip aus Bürgerbüros deutscher Rathäuser abgeschaut haben, ist nicht überliefert. Das Abrupfen eines Zahlenzettels ist auch dann erwünscht, wenn man der erste und letzte Kunde im Raum ist. Dänische Schülerinnen können noch so aussehen wie blonde Engel mit Seitenscheitel – in ihrer Funktion als sommerliche Aushilfskraft sind sie zuweilen störrisch wie ein Shetlandpony und rufen gerne auch mal fünf Minuten lang eine Nummer auf, ohne den persönlichen Kontakt zum Kunden über Zimtschnecken und Wickelbrötchen hinweg zu suchen. Apropos Nahrungsaufnahme: Kein Frühstück im Sommerhaus ist ohne ein Kilo Käsequadrat, blätterteigartigen Brötchenschnecken und gesalzener Butter auf dem Holztisch landesgerecht. Wenn ihr in der Küchenschublade des Sommerhauses ein langes, mit zwei Drahtseilen an der Seite bespanntes Stilett findet – das ist für besagtes Käsequadrat. Von scheibenverpacktem Hartkäse hält man in Nordschleswig nichts. Anstatt die Regale des astronomisch teuren Touristensupermarkts abzusuchen, greift also lieber gleich zu und hievt den Brocken Käse in den Einkaufswagen. Ein vor dem ersten Frühstück ausgerufener Schnitzwettbewerb am gelben Laib – nach Brötchen Nummer drei hat man den Bogen mit dem Käsestilett raus – erweist sich zudem als pädagogische Freizeitbeschäftigung am Morgen.
Besuchern der Westküste möchte ich ein genaues Studium der Gezeiten ans Herz legen (die Lokalredaktion Tondern führt in dieser Sache KEINE Beratungsgespräche durch). Denn kaum ein Urlaubsmoment kann enttäuschender sein als der Blick über Klippen bei Emmerleff, wenn statt der erwarteten Nordseewogen ein mehrere Hektar großer Schlammteppich im Sonnenschein vor sich hin müffelt. Nicht, dass ich etwas gegen Wattmatsch habe. Besucher aus Reutlingen mögen sich den ersten Urlaubsblick aufs Meer während der sieben Stunden Stau auf der A7 vor dem Elbtunnel aber etwas anders ausgemalt haben.
Zu guter Letzt: Auch wenn man sich durch die mittwöchliche Schwimmgruppe im Hallenbad Celle gut in Schuss fühlt – Sylt ist weiter weg, als es vom Süderstrand auf Röm den Anschein hat. Ja, es fährt eine Fähre (Nein, der Fahrplan liegt der Lokalredaktion Tondern im Detail NICHT vor).
Wenn ich darf, widme ich mich nun wieder meiner Arbeit. Und bitte darum, mir beim nächsten Besuch in der Redaktion wenigstens eine Kugel Eis mitzubringen...

Sonnabend, 1. August 2009
Morgen wird heute gestern sein (II)

Wenn mich schon eine kleine, weiße Kate ins Grenzland zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu führen vermag – wieviel mehr wandel ich tagtäglich in Nordschleswig über Wegkreuzungen zwischen Gestern und Heute. Über Brücken aus Einst und Morgen mit dem Scheitelpunkt des Jetzts. Denn natürlich kitzelt nicht nur der Artikel über ein denkmalgeschütztes Häuschen am Meer meine prähistorischen Antennen wach. Eigentlich gerate ich täglich in den Strudel der Zeiten. Und damit meine ich nicht jene Minuten, die mich die Klappbrücke bei Ekensund auf dem Weg zu einem dringenden Termin kostet, weil zwei deutsche, dickbäuchige Schiffchen mit ihrem Mast nicht unter der Brücke durchkommen (und die Skipper zuvor vermutlich den Brückenwärter so lange mit Erdnussflips und leeren Bierdosen beworfen haben, bis er kapituliert und die Brücke diiiirekt vor meiner Nase hochgezogen hat...). Mit Strudel der Zeit meine ich auch nicht jene unsäglichen Zeitgalaxien der Ewigkeit, die einer Stadtratssitzung bei Tagesordnungspunkt 24 zu eigen sind. (»Wahl eines zweiten Vorsitzenden des öffentlichen Kleingärtnerkoloniewesens der Parzellen 25-32). Nein, mit Strudel der Zeit meine ich all die kleinen und großen Zeitlöcher zwischen einst und nu, die faszinieren und mich den Gesichtsausdruck eines vor Düppel dösenden Schafs annehmen lassen, wenn meine Gedanken unversehens an Schreibblock, Interviewpartner und Kuli vorbei in die Vergangenheit huschen.
Dass ich meinen ersten nordschleswigschen Termin als Journalistin auf den Düppeler Schanzen nicht gerade mit ausgeprägtem Hintergrundwissen im Gepäck antrat, gestand ich bereits. Umso mehr berührte mich jenes Arrangement vor den Toren Sonderburgs, das jährlich am 18. April an die blutige Schlacht mit den Preußen 1864 erinnert. Bei Textabnahme zurück in der Schreibstube wies mich der zurständige Redakteur sanft darauf hin, dass mein Artikel vielleicht eine Prise Pathos zu viel beinhalte. Ihm möchte ich heute sagen: mitnichten! Gerade der emotional gefühlte Geschichtsaspekt macht derlei Berichterstattung doch gerade beschreibenswert. Was mich damals so faszinierte, war der gemeinsame Auftritt der uniformierten und mit Orden behangenen Soldaten aus Deutschland und Dänemark. »Vor 141 Jahren hättet ihr euch gegenseitig umbringen müssen. Hättet euch in den Düppelner Schanzen aufgespürt und mit dem Bajonett erstochen«, dachte ich, »heute steht ihr hier und legt gemeinsam Blumen nieder.« Und ich war so dankbar, dass es nach dem grausamen Gestern ein Heute gab. Dass ich nicht damals für den Düppeler Ponyexpress Depeschen schreiben musste. Gesundete Geschichte.
Ein anderer Aspekt journalistischer Zeitwanderungen: Die unsagbar schnelle Vergänglichkeit des Heutes scheint sowohl Verdruss als auch unverzichtbarer Bestandteil meiner Arbeit zu sein. Nichts ist so alt wie Zeitung von gestern – während ich heute bereits geschehene Dinge vom Vortag für die morgige Ausgabe recherchiere, beschäftige ich mich Tags drauf mit Vorkommnissen, die heute noch nicht passiert, morgen aber schon wieder »alte Hüte« sind. So sitze ich an meinem Bildschirm und schreibe die eben erlebte Geschichte bereits in der Vergangenheit von gestern. Schließlich würde sich der geneigte Leser bei seiner morgendlichen Zeitungslektüre doch etwas über meine Weitsicht wundern, wenn er läse: »...kam es heute nachmittag um 16.23 Uhr zu einem Überfall in der Sydbank-Filiale«. Donnerwetter, würde sich der Leser denken, die beim Nordschleswiger wissen aber auch wirklich alles. Und über kurz oder lang wären sämtliche Polizeidienststellen Nordschleswigs treue Abonnenten unserer Zeitung. Und so ist uns der Blick in die Zukunft verwehrt – während wir die Vergangenheit mit Abstand zu betrachten vermögen. In Nordschleswig ist der Blick zurück eine besonders gute Gelegenheit, sich über die Gegenwart zu freuen und für die Zukunft zu lernen. Und ich werde versuchen, den Moment zu genießen, im Jetzt zu leben. Und werde die unter der Brücke hindurchfahrenden Skipper nächstes Mal geduldig passieren lassen. Anstatt sie mit Hundeleckerlis aus dem geöffneten Seitenfester zu bewerfen, damit sie sich gefälligst beeilen...

Sonnabend, 25. Juli 2009
Morgen wird heute gestern sein (I)

Da stand sie in der Julisonne des frühen Mittwochmorgens, die kleine Kate am Meer. Mit Tautropfen auf meinen lila Ballerinas stapfte ich an einem fetten Islandpony vorbei über die Wiese am Hang, um meine Digitalkamera auf das Relikt vergangener Zeiten zu richten. Die 1834 gebaute Kate sollte unter Denkmalschutz gestellt und in unserer Zeitung abgelichtet werden und das Islandpferd zur Seite schiebend, drückte ich ab. Bannte jahrhundertealte Fassade, aufgelöst in fünf Millionen Pixeln auf den Chip meiner Kamera. Da ich früh dran, der Morgen besonders schön war und mein Hund Dalsgaarder Schmetterlinge haschte, blieb ich einen Moment stehen und ließ diese Kreuzung von Gegenwart und Geschichte auf mich wirken. Generationen von Menschen haben dieses Haus genau so in der Sommersonne liegen sehen. Matt dampfendes Reet, weiße Putzfassaden und Messingzahlen, die 1834 in die Südseite des Hauses gehämmert wurden. Wenn die blaue Tür der Kate nur reden könnte – was würde sie für Geschichten zu erzählen haben. Vom Fischer Ole vielleicht, der nie ohne einen Flachmann Gammel Dansk aus dem Haus ging, wenn er seine wöchentlichen Holz-, Torf- und Kohle-Transporte über die Förde in Angriff nahm. Von Hebamme Merete, die des Nachts über den Ekensund paddelte, um Dorte bei der Geburt von Ole Junior zu helfen. Oder vom Pastor, der an einem Sommernachmittag durch die blaue Tür der Kate ans Sterbebett eilte, um den Fischer auf seiner letzten Reise zu begleiten. In diesem Haus wurde gelebt, geliebt, gestorben, geweint, geboren, gekämpft, gelobt, geschworen, gefegt und gerupft. Und vermutlich hätte sich Dorte niemals vorstellen können, dass 134 Jahre nach ihr eine berufstätige Frau mit Chihuahua und Digitalkamera bewaffnet vor ihrem Häuschen steht, um es zwecks Berichterstattung zu fotografieren. Wie es wohl verlaufen wäre, ein Gespräch zwischen Dorte und mir? »Guten Morgen, ich bin Journalistin der deutschen Tageszeitung Der Nordschleswiger. Euer Haus soll unter Denkmalschutz gestellt werden – ist Ole zu Hause? Ich hätte gerne einen O-Ton!« »Wie hast du die herzöglichen Grenzen passiert und was ist eine Tageszeitung?« »Eine Art tägliche Depesche, in der wir über Ereignisse aus ganz Nord­-schleswig berichten. Die Herzogtümer sind mittlerweile in zwei Nationen umgewandelt worden. Frag nicht, der Weg dahin war lang und blutig. Aber mittlerweile haben wir Menschen hier oben dazugelernt – und leben miteinander, friedlich nebeneinander und profitieren voneinader.« »Und warum ist unser Haus etwas Besonderes? Schau dich doch um, alle Häuser sehen so aus.« »Aber keins davon wird in 175 Jahren noch so aussehen. Nur eures. Alle anderen werden umgebaut worden sein. Dalsgaard wird einst kein herzögliches Gut mehr sein, die Männer in Unternehmen arbeiten anstatt auf See. Und du würdest deine Kinder bei einer Tagesmutter unterbringen.« Dorte würde vermutlich in die Küche gehen, sich einen kräftigen Schluck von Oles Gammel Dansk gönnen. Frauen, die arbeiten, offene Grenzen und ein öffentliches Interesse an ihrer kleinen Kate – Ole würde sie für verrückt erklären. Und ich stand auf der Wiese und verstand plötzlich Faszination und Bedeutung von Denkmalschutz. Es ist die offizielle Einladung, der Geschichte Raum in unserem Leben zu geben. Wie oft nehmen wir unsere gegenwärtige Lebenssituation als Norm hin. Ohne uns bewusst zu sein, dass unsere gefühlt so moderne Welt in 175 Jahren ein fremdes Relikt vergangener Zeiten sein wird. Diese kleine Kate am Meer als Schnittmenge zwischen Vorgestern und Übermorgen. Hier legt man nicht den Finger an den Puls der Zeit. Sondern die Hand auf Mauern der Vergangenheit, die schon Generationen vorher genauso ertastet und gesehen haben. Die kleine Kate am Meer erinnerte mich an jenem Morgen daran, dass auch wir einst Geschichte sein werden. Worüber schreibt die Journalistin in Nordschleswig 2184? Wie geht unsere Ära in die Historie ein? Gräbt man einst am Alsensund das Alsion aus? Stoßen Historiker in »Wikipedia VII Reloadet« auf ein Archiv des Nordschleswigers? »Du, die haben damals noch gedruckt, stell dir das mal vor. Das wäre doch mal einen Artikel wert. Surf mal rüber und fang einen O-Ton ein...«

Sonnabend, 18. Juli 2009
Neues Futter für Journalisten!

Im Alltag einer Journalistin sind Pressekonferenzen, Interviewtermine und Hausbesuche eine willkommene Abwechslung inmitten von Meldungen tippen, Filterkaffee schlürfen und Pfefferminzbonbons beim Telefonieren verschlucken. Ein Lichtblick im Redaktionsalltag sind derlei Ausflüge besonders dann, wenn die letzte Pressemitteilung über die Niederschlagsmenge des Monats Juni in der Kommune Tondern oder die Ergebnisse des Tingleffer Brieftaubengeschwaders ein geistiges Gähnen im doch so gerne kreativ tätigen Köpfchen hinterlassen hat. Wenn der Magen also voll Filterkaffees und der Geist voll unterfordert ist, kommt ein Ausflug ins Leben der Anderen gerade recht und man sieht der Nahrung für Schreibblock und Schreiberling gespannt entgegen. Geschwind eilt man mit dem Stift im Anschlag aus dem Redaktionsstüblein, hinaus in die große weite Welt zwischen Tingeltown (Tingleff Mitte) und Hoyer West End (Destination Deich). Im Laufe der Jahre musste ich aber leider feststellen, dass sich nicht jeder Empfänger der Nordschleswigschen Weltpresse seiner Verantwortung für Leib und Seele des schreibenden Volkes bewusst ist. Ich erwarte ja nicht immer und ausschließlich frischen Kuchen, Känguruhfilet oder einen Happs Krabben zum Entree einer kräftezehrenden Pressekonferenz. Mit Fingerabdrücken versehene Schokoladenkugeln gehören meiner Meinung nach aber höchstens auf eine Ermittler-Mottoparty der Polizeidienststelle Sonderburg Süd. Um gastgebenden Behörden, Privatpersonen oder auch unfreiwillig von der Presse Belagerten aufklärerisch unter die kulinarisch ausrichtenden Arme zu greifen, möchte ich im Folgenden so manch Geschmacklosigkeit bzw. Schlemmerlebnis kolumnistisch verdauen.
An das Vorzimmer des Sonderburger Bürgermeisters sei folgender Appell gerichtet: Als ich vor einem Jahr zur Pressekonferenz ins Dienstzimmer von Jan Prokopek Jensen huschte, wurden die staubigen Zahlen des Ökonomieausschusses stets durch ein gar reiches Obstbüfett auf dem Couchtisch vor uns erträglich. Mit jedem Melonenstück schluckte die Pressemeute ein weiteres Minus in den Bilanzen, mit Erdbeerkörnchen statt Haaren auf den Zähnen garnierten wir unser Nachbohren als in Saft und Kraft stehende Journalisten. Und was gabs neulich? Eine lieblos in eine Schüssel gekippte Schokodrops-Sammlung in Alufolie. Und nicht mal die echten »Celebrations«, mit Twix, Mars und Dove und so. Nein, eine Imitation aus dem Discounter! (Bei denen das Karamell auch nach 20 Minuten noch in der Plombe hängt und ziept) Angesichts der in Kindergärten längst auf der Tagesordnung stehenden Obstverordnung blieb mir an einem heißen Donnerstagnachmittag im Juni einfach die Spucke weg. Also das ging schon mal besser, Herr Bürgermeister! Trotz der 75 Mio. Minus im Haushalt – eine Melone müsste da doch wohl noch drin sein. Ein dickes Dankeschön geht hingegen an die Sonderburger Revy. Durch euch habe ich Straußen- und Känguruh (oder war es Krokodil?)-Fleisch kennengelernt. Lecker. Vor allem mit Dill-Senf-Honig-Dressing an rosmarinierten Kartoffeln nebst Carpaccio-Salat auf Mozzarellabeet. Ich staunte nicht schlecht, als ich vor zwei Jahren erstmals an den mit Stoffservietten und Porzellan eingedeckten Presseplätzen im Speisesaal des Hotels Comwell Platz nahm, um mir das neue Spielprogramm auf der Zunge zergehen zu lassen. Komme gerne wieder. In Zurückhaltung übe ich mich hingegen stets bei Abschluss-Messen in der Berufsschule. Mag das hefeteiglastige Abschlussbackwerk in Autoform der 9b-Köche noch so perfekt mit rechten Zutaten versehen worden sein – bei von Mitschülern hinterlassenen Tatzern im Zuckerguss hört bei mir die Liebe zu Süßspeisen auf. Unvergessen hingegen jene selbst gebackene, geschätzte 26 Zentimeter hohe Apfeltorte, die mir in einer Altbauwohnung über der Deutschen Bücherei Tondern den Nachmittag nebst Interviewgespräch versüßte. Auch eine gute Tasse Brühkaffee am Morgen macht den Alltag einer Journalistin einfach dufte. Dass sich der kulinarische Nährwert eines Pressetermins auf den Inhalt des daraufhin entstehenden Artikels auswirkt, ist übrigens ein böses Gerücht. Das Pfefferminzbonbon in meinem Mund sei Zeuge meiner Zunge.

Sonnabend, 11. Juli 2009
Mit der Fähre über die Grenze

»Und, wo arbeiten Sie?« Diese Frage brachte mich kürzlich auf einer Hochzeitsfeierlichkeit in Süddeutschland in arge Bedrängnis. Mit meiner Antwort entspann sich ein kultureller Dialog zwischen Pathos und Bienenstich. »Bei einer deutschen Tageszeitung in Nordschleswig.« »Wo? Nord-Was?« »Nordschleswig. Das ist eine regionale Bezeichnung für Süddänemark. Quasi das dänische Schwabenland«, fügte ich schmunzelnd, und vielleicht auch etwas milde über seine Unwissenheit lächelnd, hinzu. Die 895 Kilometer zwischen Schwäbisch Hall und Krusau Grenze standen spürbar zwischen uns. »Dann sind sie Dänin?« »Nein«, fügte ich bedauernd sowie ein wenig geschmeichelt hinzu, »ich wohne in Flensburg und fahre jeden Tag zur Arbeit nach Dänemark.« »Ach, das ist ja cool. Mit der Fähre? Da liegt die Nordsee dazwischen, oder?« Die Erdbeercreme der Hochzeitstorte hinunterschluckend, rang ich um Luft, Fassung und rechte Worte. Denn wie korrigiert man einen entfernten Verwandten der Braut möglichst taktvoll? Etwa mit: »Ja, aber die Fähre von Sylt nach Röm nehme ich nur, wenn das Schweinswal-Gespann übers Kattegat mal wieder Verspätung hat«. Oder »Nein, meist schwimme ich durch die Flensburger Förde nach Nordschleswig. Das hält fit und schont die OSTsee.« Ich hätte auch sagen können: »Seit die kimbrische Halbinsel mit Nordschleswig in der Mitte nach der letzen Eiszeit zwischen Nord- und Ostsee entstand, haben wir da oben den innerkontinentalen Fährbetrieb ob fehlenden Wassers im Landesinneren doch etwas eingeschränkt.« Stattdessen nahm ich mir einen Augenblick Zeit sowie ein neues Stück Hochzeitstorte, dachte gnädig an mein einst eigenes Unwissen zurück und antwortete ausweichend: »Ach, Nordsee, Ostsee, wer kommt da noch hinterher!« (Die Option »Sie Eumel, schon mal auf die Landkarte geguckt??? hatte ich mir ob der vorherrschenden Hochzeits-Romantik verkniffen). »Es gibt durchaus auch Straßen, die von Schleswig-Holstein nach Süddänemark führen. Sogar eine fast zollkontrollfreie Autobahn. A7 meets E45. Ich persönlich bevorzuge die Schnellstraße nach Krusau, wenn der Quallenteppich auf der Förde mal wieder nicht befahrbar ist. Sie waren noch nie in Nordschleswig?« tastete ich mich vorsichtig vor. Er verneinte erwartungsgemäß und überraschte mich kurz darauf mit der Frage, ob Nordschleswig denn dann ein autonomes Land sei. »So autonom wie das Schwabenland« antwortete ich. »Ginge es nach der Identifikation der Menschen mit ihrer Heimat, es gäbe vermutlich einen eigenen König in Nordschleswig«, informierte ich ihn. »Na ja obwohl, beim Ringreiten wird der ein oder andere gewählt. Aber das ist eine andere Sache. Glaube ich.« »Dann arbeiten Sie also im Ausland«, stellte er Zitronen-Törtchen kauend fest. Ich fand, das klang irgendwie gut. Doch ehe ich mit einem bekräftigenden »Dies ist korrekt, ich bin beruflich im Ausland tätig« antwortete, widersprach ich. »Besagte Grenzregion, die Sie mit einer Fähre zu überqueren gedenken, ist längst mit einer Brücke versehen. Einer Brücke aus interkulturellen Pfeilern, zwischenmenschlichen Gerüststrängen und wirtschaftspolitischen Grundfesten im Nord- und Südfundament«, rief ich pathetisch, während der Mann den Sahneflocken auswich, die von meiner Gabel aus durchs Zelt flogen. »Daher fühlt sich Nordschleswig nicht wie Ausland an. An die Grenze als solche wird man eigentlich nur aufgrund der abrupt auftauchenden Schlaglöcher auf deutscher Seite erinnert.« »Na, dann nehmen Sie doch lieber die Fähre«, sagte der Mann und ließ mich und meine Bisquitkrümel stehen.
Und ich nahm mir vor, mich für Fragen dieser Art zukünftig mit einer Landkarte im Handtäschchen zu wappnen. Oder einem Probe-Abo des Nordschleswigers. Denn eine Kaffeepause ist definitiv zu kurz, um Nordschleswig zu erklären. Sei es geografisch, menschlich oder geschichtlich. Ich kratzte das zerlaufene Marzipanherz vom Teller und entschloss mich, dem Mann eine letzte Chance zu geben. Ich holte ihn zwischen Schokomuffins und Bienenstich ein, tippte ihm auf die Schulter und begann aufzuzählen: »Wälder, die ins Meer wachsen. Hot Dogs und Smørrebrød. Open Airs in Schlossparks. Beim Gassigehen in Mögeltondern auf einen joggenden Prinzen treffen. Deutsche Schulen und Kindergärten als interkulturelle Sprungbretter. Endlose Strände. Wattenmeer. Gemeinschaft in Vielfalt. DA arbeite ich!«

Sonnabend, 4. Juli 2009
Färben Städte ab?

Umfragen sind mir ein Gräuel. Nicht, dass ich die vielen bunten Köpfchen mit den kurzweiligen Antworten darunter nicht gerne lesen mag. Per se eine neugierige Natur, öffnet mir das bunte Potpourri an Meinungen ein amüsantes Fenster in die Gedankenwelt der abgedruckten Menschenköpfe. Doch wenn es um die Erstellung eines Umfrageartikels geht, muss ich die Zähne zumeist fest auf den Schreibblock beißen, während sich die Kamera um meinen Hals anfühlt wie ein Mühlstein, der mich hypnotisch zum nächsten Stadtbrunnen zu ziehen scheint, um mich dort vor den Augen plantschender Kinder in 27 Zentimeter Tiefe zu ertränken. Bitte, bloß keine Umfrage! Nun ja, vielleicht mache ich mir gerade die Stilform der Übertreibung ein wenig zu eigen. Doch zuweilen fühle ich mich bei Umfragen auf der Straße tatsächlich wie ein einäugiges Reptil mit Mundgeruch, ein Traktate-verteilender Zeuge Jehovas oder wahlweise eine lästige, blond-behaarte Schmeißfliege, der man zu entfleuchen sucht. Oder aber das Gegenteil tritt ein. Und die Menschen haben derart viel Zeit und Freude an einem Gespräch mit mir, dass nur die Flucht meinerseits in den nächsten Vero-Moda-Ständer zwischen Plunderhosen über Kopfsteinpflaster die Einhaltung der allabendlichen, von der Büdelsdorfer Druckerei streng überwachten Deadline ermöglicht.
Auffällig dabei ist, dass sich das Verhalten der Menschen je nach Stadt und Landstrich teilweise immens voneinander unterscheidet. Mittlerweile frage ich mich, inwieweit die Stadt als solche ihre Anwohner prägt. Sonderburg zum Beispiel: Geschlagene 50 Minuten drückte ich mich vor Kurzem auf der Perlegade zwischen Bratwurstbude im Süden und Føtex-Filiale im Norden herum, um fünf Menschen zur EU-Wahl zu befragen. Was soll ich sagen – nach zehn Minuten hatte ich außer dem Mief der Wurstbude nichts mit auf den Weg bekommen und so zog ich stinkend gen Norden. Der schwarze Canon-Mühlstein begann mir vielsagend gegen den siebten Halswirbel von oben zu drücken und der Wurstmann bedachte mich mit mitleidigen Blicken. Ich glaube, es fehlte nicht viel und er hätte mir ein verkohltes Exemplar seiner Bratabteilung als wohltätige Wegzehrung auf den Gehweg gelegt... Was war passiert? Nachdem der erste Passant beim Blick auf meinen Schreibblock einen Sprung in die H&M-Kinderabteilung gemacht hatte und sich die zweite Passantin beim Blick auf meine Kamera hinter ihrer flundergroßen Pizzaschnitte verbarg und vorbeizog, schleuderte mir der dritte Fußzonengänger auf meine Frage, »Guten Tag, hättest du vielleicht Zeit für mich, ich...« ein »Haub ab, hab ich nicht!« entgegen. Nach weiteren zähen 20 Minuten hatte ich endlich fünf Menschen den Weg abschneiden, und sie in einen Kleiderständer drängen können. Drei davon konnten jedoch entkommen, als ich sie in einem unverzeihlichen Augenblick der Unachtsamkeit aus den Augen ließ, um den Mühlstein auf Autozoom zu stellen. Was für ein Aufwand für einen Artikel. Was für eine Schmach für eine Journalistin. Tags darauf in Tondern. Die EU-Wahl stand auch an der Westküste auf der Agenda und so trat ich, den Rest meines Selbstwertgefühls sowie zehn Kronen für eine Trost-Wurst beim Budenmann am Marktplatz zusammenkratzend, auf die Osterstraße. Tondern meine Perle, du wunderschöne Stadt! Die Menschen redeten nicht nur mit mir – sie blieben gerne stehen und posierten für die Fotos danach sogar schwungvoll an einem Laternenpfahl. Verdutzt ging ich in die Redaktion. Färbten Städte auf Menschen ab? Gibt es sie, imaginäre Seelenfarben einer Ortschaft wie Ruhe und Gelassenheit, Eile oder Zurückhaltung? Prägt die Geschichte einer Stadt die Bevölkerung? Zwei Städte. Eine rechts und eine links in Nord­schleswig angesiedelt. »Tynne« Tondern, sturmfluterprobte Hafenstadt, die 1243 lübsches Stadtrecht erhielt, die als offener Handelshafen von sich reden machte und aktuell sogar dem hässlichen Wanderfisch Schnäpel eine eigene Wasserstraße baut. Bloß keine Besucher vor den Kopf stoßen und seien sie noch so schmierig. Und buchstäblich auf der anderen Seite Sonderburg. Und was lese ich da bei Wikipedia? »Eine Stadt, in der 1169 zum Schutz gegen die wendischen Seeräuber eine Burg errichtet wurde.« Aha. Immer schön abgrenzen. Ich habe verstanden und werde fortan den historischen Kontext der Stadt nicht mehr über das absorbierte Verhalten ihrer Bewohner auf mich projizieren. Von wegen Schmeißfliege. Manchmal braucht man als Journalist einfach nur den richtigen Blickwinkel. Und Bratwurst im Trost-Toast.

Sonnabend, 27. Juni 2009
Die Zeit läuft – und wir laufen mit

Da sind sie wieder, die leicht blechernen Töne des Saxofon-Spielers, der Sommer für Sommer durch die Tonderner Innenstadt zieht. Jene durch den Wind der Altstadtgassen wehenden Liedfetzen, die Touristen musikalisch hofieren und Geschäftsleuten und Angestellten rund um die Fußgängerzone spätestens nach zwei Tagen maßlos auf die Nerven gehen. Wochenlang. Sommer für Sommer das gleiche, blecherne Gedudel. Und noch während ich die ersten Töne des unvermeidlichen Gedudels vernehme, zuckt mein Zeitgefühl erschrocken zusammen. Ganz nach Wilhelm Busch: »Eins, zwei, drei! Im Sauseschritt läuft die Zeit - wir laufen mit!« Ich halte mitten im Gedudel und Tippen inne und frage mich: Schon wieder Sommer? Saß ich nicht eben noch Grünkohl schaufelnd und Zimtkekse knuspernd auf der Weihnachtsfeier im Haus Quickborn? Bin ich nicht gestern erst noch im Schritttempo von Tondern nach Tingleff getuckert, während der Schneematsch meinem KA um die bespiegelten Ohren klatschte? Kaum habe ich die »So war 2008«-Jahresbeilage des Nordschleswigers gelesen, schon ist das neue Jahr wieder halb rum. So kommt es mir jedenfalls vor und ich vermute, dieses Schicksal teile ich mit den meisten der Leser.
»Wie schnell die Zeit vergeht!« oder »Je älter man wird, desto schneller verfliegen die Jahre« – diese allzu oft seufzend und wehmütig ausgesprochenen Sätze hört man wahlweise an Geburtstagen, nach verflogenen Sommerurlaubswochen und gerne auch an Einschulungen immer wieder. Mir als Journalistin begegnen diese Momente sozusagen doppelt. Mir hoppeln Erstklässler vor Linse und Schreibblock, die ich doch eben noch im Deutschen Kindergarten Renz auf dem jährlichen Sommerfest im Sandkasten hab krabbeln sehen. Beim jährlichen Ringreiten in Tingleff erkenne ich mittlerweile nicht nur Reiter sondern auch Siegerpferde am Schnauben und Jahr für Jahr betrete ich den Rasen unter den Galgen mit dem mulmigen Gefühl, doch gerade eben erst hier gewesen zu sein. Die Maispflanzen am Saksborgvej scheinen in nur einer Woche auf meterhohe Stangen hinaufzuschießen und ehe man sich versieht, sind die Felder abgeerntet, der Sommer vorbei. Diese kleinen grünen Scheißer scheinen jedes Jahr schneller zu wachsen... Was aber bleibt vom Leben, wenn es doch an einem vorbeizufliegen scheint? Wenn sich ein Jahr ans andere hängt, aufgefädelt im Eiltempo bis die Kette voll, und die Zahl der Jahresperlen gezählt ist? Wenn sich Jahresbeilage um Jahresbeilage in den Archiven unseres Lebens stapelt und wir kaum dazu kommen, sie richtig zu lesen? Als Journalistin habe ich mir eins hinter die Ohren geschrieben: Man muss stets zwischen den Zeilen lesen. Ob im Gespräch mit Sonderburgs Bürgermeister Jan Prokopek Jensen über Haushaltslöcher oder in Pressemitteilungen. Und genauso muss man sich die Zeit nehmen, Zeilen und Kapitel im eigenen Lebensroman nicht allzu hastig umzublättern. Stehenzubleiben, um sich dem Zauber eines Straßenmusikers hinzugeben. Momente und (All-)Tage auf sich wirken lassen. Bei der nächsten Generalversammlung »nach Schema F« die Gelegenheit nutzen, eine Freundschaft zu erneuern. Selbst aktiv einsteigen. Oder beim jährlichen Sommerfest von Sportverein, Sozialdienst oder Kirchengemeinde einmal als freiwilliger Helfer anpacken, anstatt als Gast die immer gleich köstliche Cremeschnitte am Büfetttisch zu verputzen. Neue Erinnerungsschätze voller Intensität sammeln. Neue Zeilen ins Drehbuch des Alltags schreiben. Das Alltagskonzept aktiv neu layouten. Denn wenn es stimmt, dass die Zeit umso schneller verfliegt, je älter wir werden, sind Momente des bewussten Innehaltens die Bremsblöcke im System. Und so könnte man sich in diesem Sommer ja mal von einem besonders nervtötendem Saxofonspieler in Tondern oder einem rasant wachsenden Maisfeld dazu anregen lassen, 2009 eine besonders gute Jahresbeilage in der eigenen Redaktion des Lebens zu schreiben. Oder, wie Schriftsteller Wolfgang Jeschke es ausdrückte: »Wir können uns im Raum bewegen, in der Zeit nicht. Die Zeit ist etwas Sperriges. Sie ist da und schiebt uns wie eine Planierraupe von der Vergangenheit in die Zukunft. Die menschliche Phantasie ist eigentlich das einzige Mittel, dagegen anzugehen und der Zeit ein Schnäppchen zu schlagen.« Und ich werde den Saxofonspieler mal interviewen und nachfragen, ob er persönlich eigentlich Ohropax benutzt...

Sonnabend, 20. Juni 2009
Anfängerfehler in Nordschleswig – zwei Kugeln Düppeler Schanzen, bitte!

Als ein in Süddeutschland groß gewordenes, mittlerweile 1,73 Meter großes Schwaben-Gewächs hatte ich von Nordschleswig vor meiner Karriere in der Kaderschmiede des Nordschleswigers so viel Ahnung wie ein Apenrader Ringreiter vom fliegenden Galoppwechsel in der Olympischen S-Dressur. Keine. Bevor ich anfing, in nordschleswigschen Gefilden journalistisch aktiv und groß zu werden, beschränkten sich meine Kenntnisse vom Grenzland zunächst auf ausgedehnte Ausritte über Röm`sche Sandstrände (Gott habe sie seelig, die gute alte Rømø Ranch!). Mittlerweile liebe ich Nordschleswigs Land und Leute von ganzem Herzen – auch wenn ich mich als Grenzpendler ob der horrenden Auto-Umwelt-Steuer nicht zu den Einheimischen zählen darf. Doch wie immer im Leben gilt: aller Anfang ist schwer. Oder besser – von Erstaunen, Fettnäpfchen und Missverständnissen durchwoben. Ein paar Beispiele gefällig?
Mein erster Termin für den Nordschleswiger führte mich zur jährlichen Gedenkfeier auf die Düppeler Schanzen. Diese hatte ich bis dato für eine dänische Eissorte und/oder eine Rodelbahn für Wintertouristen gehalten. Die Zahl 1864 war im süddeutschen Geschichtsunterricht meines Wissens niemals gefallen und so betrat ich das Land der Gefallenen wenn auch andächtig, so doch erstaunt. Schweigeminuten statt Sahneeis! Auch die Deutsche Minderheit war mir als Begriff zunächst lediglich im Zusammenhang mit Auswärtsspielen der deutschen Nationalelf in russischen Stadien begegnet und den BDN verwechselte ich konsequent mit dem BND. Nie aber mit dem BDM oder gar der BRD. Groß auch mein Erstaunen, als ich an einem Tag im Frühsommer vom nunmehr plattgemachten ZOB zum Apenrader Redaktionsgebäude schlenderte – und plötzlich von einer Herde Pferde verschluckt wurde, die ihre festlich ausstaffierten Reiter mitten in der Stadt über die Schnellstraße trugen (und gelassenen Hufes zur Shelltankstelle, um Zigaretten zu kaufen...). Ich kannte reitende Männer bislang nur aus Westernfilmen. Oder als keifender Reitlehrer in einer Mainharter Reithalle, der ein schwäbisches »Händ`nuff (Hände aufstellen) oder »Hagge non`do (Hacken herunter) schrie. Als ich daraufhin aufgeregt in die Redaktionsstube rannte und schrie »das MÜSST ihr euch angucken, die Stadt ist voller Pferde!« ahnte ich ob der Gelassenheit der Kollegen, dass nicht sie, sondern ich irgendwas nicht mitgekriegt hatte. Kurz darauf verstand ich endlich, warum in so vielen dänischen Vorgärten Galgen herumstehen. Hatte mir schon Sorgen um die dänische Volksseele gemacht!
Ein weiteres Licht ging mir auf, als ich erfuhr, dass es nicht Nacht- sondern Nachschule heißt und die Jugendlichen dort nicht blind, sondern interniert sind. Ich lernte schwarzen Merrild-Kaffee trinken, als meine Milch-Zugabe auf dänischen Familienfesten als »Kinderkafffffe« belächelt wurde und löffelte tapfer meine erste Brotsuppe aus, die am Ende weitaus besser schmeckte, als mich der Name hatte vermuten lassen. Mittlerweile bin ich mir der Todsünde bewusst, mit dem Messer in ein Marmeladenglas einzutauchen und dass man ein Geburtstagskind bei bestimmten Jahreszahlen mit Zimt und Pfeffer überschüttet – nunja, irgendwann macht man halt mit und wütet mit dem Mob...
Ich lernte schnell, auf ein »Moin!« zum Abschied nicht mit einem »aber ich hab doch schon guten Tag gesagt« zu antworten, dass dänische Landstraßen gefühlte alle 25 Meter in einem Kreisel enden und, dass blitzende Straßenkontrollen am Wegesrand keine Strafzettel zur Folge haben, Falschparken in Sonderburg durch Mithilfe eines in Hannover angesiedelten Inkasso-Unternehmens aber schon!!!
Nun, lassen wir die Vergangenheit ruhen. Nach nunmehr vier Jahren, so meine ich, habe ich Nordschleswig nicht nur tief ins Herz geschlossen. Ich meine nun sogar, es ein Stück weit zu verstehen. In diesem Sinne – Moin! Bis zum nächsten Mal. Jetzt gönne ich mir erstmal zwei Kugeln Düppeler Schanzen und dann rufe ich die Polizei an. Hier stehen nämlich überall Pferde auf dem Parkplatz rum, deren Reiter sich in einer breit angelegten Aktion offenbar erhängen wollen.

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Ritzau Nachrichten

Avis: Haider gemte millioner i skattely

2010-07-31 22:22:55
Østrigs afdøde højrefløjsleder Jörg Haider skjulte 45 millioner euro på hemmelige bankkonti i Liechtenstein, skriver østrigsk nyhedsmagasin.

Juli blev Iraks blodigste måned i to år

2010-07-31 21:58:52
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2010-07-31 21:57:46
Omkring 100 personer, heriblandt en tidligere vicepremierminister, er anholdt i Rusland. Her demonstrerede oppositionen for forsamlingsfrihed.

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2010-07-31 21:20:18
Caroline Wozniacki skal møde Petra Martic fra Kroatien, når den danske tennisspiller spiller sin første singlekamp i WTA-turneringen e-Boks Sony Ericsson Open.

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2010-07-31 20:56:36
Hold-VM i speedway er udskudt til søndag eftermiddag. Efter fire heats valgte løbsledelsen at rykke turneringen på grund af massiv regn i Vojens.

Statsministeren forsvarer Lene E.

2010-07-31 20:54:56
Angrebene på udenrigsminister Lene Espersen er unfair, siger statsminister Lars Løkke Rasmussen.

Esbjergs anfører: Katastrofal sæsonstart

2010-07-31 20:09:41
Esbjergs anfører Jesper Jørgensen var stærkt utilfreds med holdets præstation efter nederlaget til Sønderjyske. Det var tredje nederlag i træk for Esbjerg.

USA i bryllupsfeber op til Clinton-bryllup

2010-07-31 18:56:35
Byen Rhinebeck nord for New York summer af forventning forud for Chelsea Clintons bryllup, der er omgærdet af hemmelighedskræmmeri.

Sprudlende sønderjyder sejrer over Esbjerg

2010-07-31 18:52:47
Sønderjyske var i strålende spillehumør og storsejrede 3-0 hjemme over Esbjerg, som fortsat ikke har fået et eneste point i Superligaen efter tre kampe.

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2010-07-31 18:31:11
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2010-07-31 18:06:52
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2010-07-31 17:03:34
Den danske cykelrytter Michael Rasmussen håber stadig på at komme til at køre Vuelta a España. Men det kræver en kontrakt med et hold inden den 8. august.

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2010-07-31 16:18:44
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2010-07-31 15:24:30
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2010-07-31 15:07:20
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2010-07-31 15:05:15
Flere end 800 mennesker er omkommet under flere dages voldsomt uvejr i Pakistan. De fleste er druknet eller begravet af jordskred. Uvejret ventes at fortsætte.

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2010-07-31 14:08:31
Psykisk syg mand rev i rattet i taxa med 150 kilometer i timen, fordi han følte sig forfulgt og ville begå selvmord. Chaufføren døde.

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2010-07-31 14:00:22
Flere hundrede tusinde brandfolk, soldater og frivillige kæmper mod de omkring 400 skov-, mark- og tørvebrande, der for øjeblikket raser i Rusland.


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