Zum Abitur ganz ohne Bücher! Mit dieser zukunftsweisenden Aussage macht das Ørestad Gymnasium in Kopenhagen auf sich aufmerksam. Dort wird künftig nur noch mit elektronischen Medien unterrichtet. Dahinter liegt kein Sparzwang, denn Lizenzen, Whiteboard und Laptops sind teuer genug. Nein, den Lehrern geht es um aktuelles, zeitgemäßes Unterrichten, das bestmöglich den einzelnen Schülern angepasst werden soll. Laut Schulleitung ist das der Weg der Zukunft. Ist er das wirklich? Können Inhalte langfristig tatsächlich so im Gehirn verankert werden, dass ihre Halbwertzeit länger als bis zur nächsten Prüfung währt? Können diejenigen, die digital von Schnipsel zu Schnipsel springen, von einem Internetclip zur SMS und weiter zu einer Twittermeldung, noch lange zusammenhängende Texte verstehen und selbst verfassen? Das Stichwort der digitalen Demenz macht die Runde und immer mehr Professoren verzweifeln, weil Studenten kein Buch mehr lesen und keine Seminararbeit auf einem anständigen Niveau mehr schreiben können. Die Lehr- und Lernforschung zeigt, dass bestimmte Prozesse notwendig sind, um Inhalte zu verstehen, aufzunehmen und vor allem auch zu verankern. Dazu ist Zeit und Ausdauer notwendig. Das ist etwas, was im Umgang mit Büchern gelernt wird. Nun können Bücher auch digital gelesen werden, obwohl dann manches fehlt, denn ernsthaft blättern kann man darin nicht, das machen schon die Augen nicht mit. Und nebeneinander legen, wie für wissenschaftliches Arbeiten notwendig, kann man sie auch nicht. Schulen haben den Auftrag, unsere Kultur zu vermitteln. Dazu gehört der Umgang mit dem, was Gutenbergs Erfindung 1440 möglich machte: das Buch. Ein stimmiges Konzept, wie das Kopenhagener Gymnasium es vorlegt, kann sinnvoll sein. Der Verzicht auf Bücher aber nicht. Und schon gar nicht eine Kombination aus kopierten Zetteln und Hinweisen auf Wikipedia, wie es leider auch an manchen deutschen Schulen in Nordschleswig üblich ist. Da bedeutet ein Verzicht auf Schulbücher eine Wissensbremse. Denn mit Zetteln kann nicht vor- und zurückgeblättert und neugierig gemacht werden. Und gerade das brauchen wir auch in Zukunft.