04. Juli 2012 - von Claudia Knauer
Hinschauen und -hörenTobias ist tot. Er wurde 15 Monate alt und viele Tage seines kurzen Lebens waren die Hölle. Darüber haben wir ausführlich berichtet. Zu ausführlich für manche, die meinen, dass zu viele Details der grausamen Misshandlungen, die dieses kleine Kind erdulden musste, beschrieben wurden. Wir schreiben nicht, weil wir voyeuristisch Einblicke gewähren wollen, sondern weil wir als Chronisten die Pflicht haben, über das zu berichten, was geschieht. Um damit dazu beizutragen, Wiederholungen zu verhindern. Kein Kind wächst isoliert auf. Es gibt immer einen Nachbarn, eine Kindergärtnerin, eine Ärztin, einen Lehrer, einen Verwandten, die etwas ahnen, vielleicht sogar wissen. Sie müssen für das Kind um Hilfe rufen, denn das Kind kann es nicht. Sie müssen Stimme sein für das wehrlose Geschöpf. Deshalb muss darüber geschrieben werden, weil die Menschen wissen müssen, dass so etwas geschieht und dass sie dazu betragen können, ein Kind zu retten. Der Kinderschutzplan, den Sozialministerin Karin Hækkerup (Soz.) in der vergangenen Woche vorgelegt hat, geht in die richtige Richtung. In 39 Punkten haben Experten aufgelistet, was getan werden muss, um Kindesmisshandlungen und -tötungen zu verhindern. Dabei zeigt sich, dass in vielen Fällen die Kommunen versagen, weil sie nicht zusammenarbeiten, weil zu wenig Menschen zu viele Fälle betreuen. Sozialnomaden können sich durch Umzug der Aufsicht entziehen und die Kinder leiden weiter. Akten werden von hier noch dort geschoben und darüber sterben Kinder oder werden unheilbar an Seele und Leib verletzt. Hier müssen die Wege nicht nur kürzer werden, sondern ganz kurz. Wer einen Missbrauchsverdacht meldet, muss sofort ernst genommen werden. Keine Meldung darf in den Mühlen der Kommunen geschreddert werden. Es bedarf nicht nur eines ganzen Dorfes, um ein Kind zu erziehen, wie es in einem afrikanischen Sprichwort heißt, sondern auch eines ganzen Dorfes, um ein Kind zu schützen. Die Gemeinschaft muss diesen Schutz geben. Wenn es darum geht, den Nachbarn wegen Sozialbetrugs anzuzeigen, zögern wir nicht. Das muss auch für Kindesmisshandlung gelten. Wir alle sind dafür verantwortlich, dass es nicht mehr Kindern ergeht wie Tobias. Deshalb berichten wir. Unrecht darf nicht im Verborgenen bleiben. |