20. Juli 2010 - von Cornelius von Tiedemann
Leitartikel: Ganz große KlasseIn Dänemark ist per Gesetz festgeschrieben, dass in jeder Schulklasse allerhöchstens 28 Schüler sitzen dürfen. Damit soll Schluss sein, so die radikale Forderung, die nicht etwa aus den Reihen sparwütiger Politiker kommt – sondern von den Eltern.
Zumindest die Vorsitzende des Volksschul-Elternverbandes »Skole og Forældre«, Benedikte Ask Skotte, kann sich nämlich gut vorstellen, dass bald 50 bis 70 Schüler vor einem Lehrer sitzen. Gegenüber »Berlingske Tidende« sagte sie: »Es ist durchaus denkbar, dass 70 Schüler gemeinsam unterrichtet werden, während die zehn Schüler, die den engen Kontakt brauchen, in einer kleineren Gruppe für sich unterrichtet werden. Wir müssen die Schulen mehr darauf ausrichten, wie die Schüler am besten lernen, und wie sie sich am wohlsten fühlen.«
Ist es wirklich das, worauf die Elternvertreterin mit ihrem Vorschlag hinaus will? Das Wohl aller Kinder? Oder steckt dahinter vielmehr eine Haltung, die jüngst im Stadtstaat Hamburg die besorgten Eltern aus den »besseren« Gegenden in ungewohnten politischen Aktionismus verfallen ließ, nämlich die, dass die »besseren« Schüler nicht durch die schwächeren in ihrer Entwicklung aufgehalten werden sollen. Dass, um es überspitzt zu formulieren, die Spreu vom Weizen getrennt werden soll – dass es also vor allem (nur zu verständlich) um das Wohl der eigenen Kinder geht. Das hat Benedikte Ask Skotte nicht gesagt und wir wollen es ihr nicht unterstellen, aber eine Konsequenz ihrer Forderungen könnte das sein.
In Hamburg ist der in der Hansestadt in allen Schichten sehr angesehene Bürgermeister von Beust zurückgetreten, wohl auch wegen der anstrengenden Schlacht um eine Schulreform, die er letztlich gegen die Eltern verlor. Dabei ging es darum, alle Kinder in Hamburg bis zur sechsten Klasse in einer gemeinsamen Schulform zu unterrichten.
Er sei, sagte der CDU-Mann jüngst zur SZ, über die barschen Aussagen eigener Parteikollegen und Reformgegner überrascht und empört, »dass manche so unverhohlen sagen: Wir wollen nicht, dass unsere Kinder länger als notwendig mit Kindern mit Migrationshintergrund zur Schule gehen«.
Auch die Schüler, um die sich hierzulande vordergründig so gesorgt wird, sind empört. Troels Boldt Rømer, Vorsitzender vom Schülerverband »Danske Skoleelever« forderte genau das Gegenteil von dem, was der Elternverband will, nämlich kleinere Klassen von höchstens 22 Schülern. Schließlich sei jüngst wieder eine Studie veröffentlicht worden, die den großen Effekt vom Lernen in kleinen Gruppen hervorhebe. Ohne den Klassenverband mit den besseren Schülern verlören viele Schüler komplett den Anschluss an die Schule – und letztlich an die Gesellschaft, so Boldt Rømer.
Dass sich dieser Streit zu einem Schicksalsreferendum wie in Hamburg hochwiegt, ist zu bezweifeln – dass überhaupt über Schule diskutiert wird aber, ist zu begrüßen – auch wenn es nur das Sommerloch sein sollte, dass gestopft wird. Schließlich legt der Staat in den Schulen die Grundlage für das Wesen kommender Generationen. Hier erfahren die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen den täglichen Umgang mit Gleichaltrigen ähnlicher – und anderer Herkunft. Der Zweck der Schule liegt in der Ausbildung der Schüler zu mündigen, verantwortungsvollen Persönlichkeiten. In jüngster Zeit jedoch bröckelt der Putz an der Fassade der Institution Volksschule in Dänemark, selbst die Volksvertreter schicken ihre Kinder an Privatschulen.
Deshalb ist der Vorstoß der Elternvertreterin, die Schule neu zu denken, als solcher unbedingt zu begrüßen! In der Sache muss man ja nicht mit ihr einer Meinung sein. |