| 10. Juli 2010 - von Sara Kannenberg
Also ganz ehrlich! Wer anderen ein Sommerloch gräbt, kann darin ausgiebig baden gehen. Mit der ruhigen Zeit des Jahres ist das für Journalisten nämlich so eine Sache. Am Rhein ansässige Medien schauken sich alljährlich mit angeblich (!) gesichteten Krokodilen/Riesenpythons/Flusspferden durch versiegende Informationsfluten und ich erwäge dieser Tage, die Mär vom blassblau gebibberten und sprechenden Tintenfisch im Alsensund unters Volk zu streuen, um anschließend selbst darüber berichten zu können. Der dänische Sender TV2 indes nutzte nun die Sommerpause, um ein gesellschaftliches Riesenproblem aus dem Schlick der Moral zu angeln. Sie deckten auf, dass Mitarbeiter der kommunalen Heimpflege die festgesetzten Besuchszeiten bei pflegebedürftigen Menschen zu Hause systematisch nicht einhielten. Ganz nach dem Motto: Was will ich in der Bude der Alten, wenn ich mich im Baumarkt für meine eigene Bude eindecken kann. Oder: Kaffeetrinken statt Krankenbesuche. Merkt ja keiner. Außer den einsamen Alten. Die Kollegen machen es ja auch – und mit sowieso. Das nenne ich mal einen Denkanstoß. Ganz nach Agatha Christies Roman »Das Böse unter der Sonne«. Als Journalistin schätze ich mal: Der Heimpflege-Sektor ist erst der Anfang, denn stets spiegelt sich in derlei Fällen eine gesamtgesellschaftliche Strömung wider. Denn spinnt man den Faden weiter, geht es im Grunde doch um den moralischen Kompass tief in uns drinnen. Wenn ich vom Rathaus zurück durch die Innenstadt in die Redaktion gehe und im Vorbeigehen einen Blick auf die ausgestellten und entzückenden, weil dänischen Sommerkleidchen werfe – handele ich da schon unmoralisch? Oder erst dann, wenn ich eine Stunde in der Umkleide verbringe und später angebe, die Stadtratssitzung habe heute »einfach unerträglich länger gedauert« und »hach, was waren da im Gericht viiiele Zeugen (und der Sprung in den Alsensund tat soo gut)«? Nicht nur gemeinsames Arbeiten setzt Vertrauen voraus. Auch Freundschaft und im Großen eine Gesellschaft. Wer bei der Freundin im Bad das Chanel-Flakon mitgehen lässt, und später ohne mit der Wimper zu zucken bei der Suche hilft, wird zu Unrecht als Freundin bezeichnet. Leibesuntersuchungen nach einem Grillabend mit Freunden beim Gang durch die Haustür dürften das zukünftige Miteinander dezent eintrüben. Doch wenn gegenseitiges Vertrauen aufgrund nicht mehr ausschlagender, moralischer Kompässe missbraucht wird? Wenn alle betrügen und lügen, wenn einem danach ist? Dann schwindet nicht nur der Glaube an ein Krokodil im Rheindelta. Sondern schlicht und einfach unsere Lebensqualität. Ob im Sommerloch oder nicht: Dann gehen wir gesamtgesellschaftlich baden. Und ich stehe am Alsensund und vergieße heiße Tränen, weil in der Radaktion eine Videokamera die Anschläge meiner Fingerspitzen pro Minute überwacht...Lieber nicht. Seien wir mal ehrlich. |
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