04. Juni 2010 - von Sara Kannenberg
Ich krieg die Krise So also sieht sie aus. Da war sie. An einem Dienstagmorgen um 10.14 Uhr auf dem Sonderburger Müllcontainerplatz, um mir mit ihren kalten, an den Finanzmärkten dieser Welt gewetzten Klauen unbarmherzig entgegenzutreten. Monatelang hatte ich über sie geschrieben. War in Interviews immer wieder über sie gestolpert, wenn mein Gegenüber beim Klang ihres Namens furchtsam zusammenzuckte. Sie hatte sich Griechenland aufs Weißbrot geschmiert und begierig hineingebissen, so dass die Bauern, die den Salat (mit Schafkäse) hatten, diesen fortan aus Kostengründen und streikenden Fluglotsen nicht mehr ins restliche Europa exportierten, sondern aus Sparsamkeit selbst verzehrten. Sie zwang eine Frau namens Angela zur Unterzeichnung von Milliardenkrediten und lehrte die armen Schweine in Portugal, Italien, Griechenland und Spanien durch Sklaven in den Schaltzentralen der Macht – Rating-Agenturen – das Fürchten. Und nun traf ich sie. Die Krise, samt ihrer Kinder Finanz und Euro. Ich war zur Eröffnung eines Wiederverwertungsladens gefahren und begutachtete – natürlich ausschließlich mit dem Auge einer Journalistin und nicht voller Begehren einer Trödel-Freundin – die zum Verkauf stehenden Waren. Und fragte daraufhin, rein beruflich, ob man denn hier auch in Euro bezahlen könnte. Der Däne als solcher hat ja im Gegensatz zum Großteil der Europäer noch alle Zacken in der Krone, sprich eine eigene Währung. Sicherlich, so die Antwort, könnte ich in Euro bezahlen. Man berechne sieben Kronen für einen Euro. Potzblitz, das nenne ich Umrechnungskurs, dachte ich, liegt dieser doch regulär bei rund 7,6 Kronen. Doch ich nickte eifrig. Recht so, recht so. Wer will sich schon noch mit dem Euro einlassen. Wer weiß, ob man dafür morgen noch etwas bekommt oder man den Metallschrott dann auf dem Containerplatz entsorgen muss. Eine gewisse Gefahrenzulage mittels Umrechnungsabwertung war da nur allzu verständlich. Und würde mich pesönlich auch nicht davon abhalten, jene entzückende weiße Standuhr ins Auto gen Deutschland zu stopfen. Apropos antik und an dieser Stelle durchaus nicht uninteressant: »Die Krise« basiert auf dem altgriechischen (aha!) Wort κρίσις, krísis, und bezeichnet eine problematische Entscheidungssituation. Es basiert auf dem Verb krínein, (trennen, (unter-)scheiden). Auf das gleiche Verb geht übrigens auch das Substantiv »Kritik« zurück. Wie passend. Es bezeichnet laut Duden eine Zeit, die den Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt. Nimmt die Entwicklung einen dauerhaft negativen Verlauf, so spricht man von einer Katastrophe. Hm. Doch solange ich in einer Gesellschaft lebe, in der man Brokatsofas, Ölbilder, Ledertaschen und Standuhren auf dem Müllplatz entsorgt, bleibe ich bei der Krise. Und trete den Weg zum nächsten dänischen Geldautomaten an. |